Freitag, 27. Januar 2012

Offenbarung 1,9

„Ich Johannes, euer Bruder, bin auf die Insel Patmos verbannt worden, weil ich das Wort Gottes verkündete und für die Botschaft von Jesus eintrat. Ich bin also wie Ihr um Jesu willen in Bedrängnis, aber durch Jesus haben wir alle An­teil an Gottes Reich und sind dazu aufgerufen, unbeirrt durchzuhalten.“1

Ein alter Mann sitzt an einem Tisch und beginnt auf einem Bogen Pergament einen der beeindruckendsten und wirkungsmächtigsten Texte der Weltlitera­tur zu schreiben, die Offenbarung des Johannes, gemeinhin auch Apokalypse genannt. Er ist verbannt worden auf die der kleinasiatischen Küste vorgela­gerte, nur etwa 15 km lange Mittelmeerinsel Patmos. Er fühlt sich in Bedräng­nis, denn seine Predigten des Evangeliums von Jesus Christus unter den Be­wohnern Kleinasiens haben wohl den Unmut der römischen Obrigkeit hervor­gerufen. Es ist die Zeit der zweiten, wenn auch nicht systematischen Christen­verfolgung unter Kaiser Domitian. Wäre Johannes der ersten Verfolgungswelle unter Nero anheim gefallen, hätten wir möglicherweise weder die Offenba­rung noch das Johannes-Evangelium. So war er also „nur“ verbannt worden. Aber was ist das schon - Verbannung? Auch Ovid musste wegen unbotmäßi­gen Verhaltens dem Kaiser gegenüber in die Verbannung nach Tomis, dennoch verfasste er dort seine
Tristia. Johannes aber spricht von Bedrängnis. Nur Be­drängnis.
Freuen wir uns, dass es nur Bedrängnis war und kein Martyrium, so dass Jo­hannes in seiner ganz persönlichen Bedrängnis diesen poetisch aufgeladenen Text verfassen konnte. In dieser seiner Bedrängnis ist er mir näher als jeder der großen Märtyrer. Denn Bedrängnis ist ein Empfinden, das nachvoll­ziehbar ist, das viele aus eigener Erfahrung kennen und ganz persönlich ein­zuordnen wissen. Das Martyrium hingegen erscheint uns ungeheuer fremd – für seine Überzeugung, seinen Glauben zu sterben, wer von uns würde das ernst­haft in Betracht ziehen? Das Martyrium ist ein extrovertierter Akt, ist öffentli­ches Bekenntnis unter Aufgabe des Selbst. Der Tunesier Mohamed Bouazizi war in den Märtyrertod gegangen und hatte damit die Unruhen aus­gelöst, die in den arabischen Frühling münden sollten. Bedrängnis ist ein sehr subjektives Empfinden der eigenen Lebenssituation. Martyrium ist abso­lut und endgültig. Bedrängnis ist relativ und lässt Raum für Hoffnung. Und so hält auch Johannes sich fest an seiner Hoffnung auf das kommende Reich Got­tes, die ihm die Kraft zum Durchhalten gibt.
Das klingt erst mal völlig banal. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass unsere ganze, neuerlich auch wieder gern gepriesene abendländische Kultur zu einem großen Teil auf den Ideen und Glaubensbekenntnissen einer kleinen Gruppe von bedrängten und durchhaltenden Sonderlingen, Außenseitern und Geächteten ruht, dann ist das alles andere als banal. Sie waren Sonderlinge, Außenseiter und Geächtete nicht zuletzt deshalb, weil sie Fragen stellten und Antworten fanden, die den gesellschaftlichen Status Quo ihrer Zeit mit einem grundlegenden Zweifel belegten. Sie stellten die entscheidende Frage, auf die Jahrhunderte später der Philosoph Adorno die grundsätzliche Antwort in ei­nem einzigen simplen Satz formulierte: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Für solche Außenseiter ist Bedrängnis stets und zu allen Zeiten der Normal­fall. Auch, wenn sie gerade einmal nicht direkt verfolgt werden, werden sie doch missverstanden, belächelt, respektlos behandelt, verhöhnt, ausgegrenzt. Die Mehrheit - will heißen: der Mainstream - verfügt über genügend Mittel und Methoden, Minderheiten in Bedrängnis zu bringen und dort zu halten. Aber wissen wir überhaupt, wie sich Bedrängnis anfühlt, so lange wir nicht selbst in Bedrängnis geraten und die Hoffnung das Letzte ist, was bleibt?
Vielleicht genügt es, sich selbst einmal danach zu befragen, was einen be­drängt. Immer mehr Menschen leben ja in einem Zustand permanenten Unbe­hagens, nicht an der Kultur, wie Freud es seinerzeit ausdrückte, sondern am System, in dem wir leben, an dem, was der Fall ist. Bei mir z.B. drückt sich dieses Unbehagen u.a. darin aus, dass ich meinen Arbeitsalltag als zuneh­mend sinnentleert empfinde - das ist meine konkrete Bedrängnis. In „Die Kul­tur des neuen Kapitalismus“2 hat Richard Sennett die Beraterbranche, und gemeint sind die Unternehmensberater, einer eingehenden soziologischen Analyse unterzogen, die ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Hinzuzufü­gen wäre, dass die Branche der McKinseys, Bostons und Bergers zu denen mit dem größten Entfrem­dungspotenzial gehört. Das beginnt schon damit, dass kein normaler Mensch ver­steht, was Berater überhaupt machen, und wenn man es zu erklären versucht, fällt einem auf, dass man es selbst kaum versteht. Nach meiner Erfahrung werden Berater häufig von Verantwortungsträgern engagiert, die selbst nicht in der Lage oder nicht Willens sind, ihrer Verantwortung nach zu kommen. Angst vor den schwer absehbaren Folgen von Entscheidungen bei allgemein zunehmender Komplexität spielt dabei eine gewichtige Rolle. Hinzu kommt das Peter-Prinzip: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Und dann holt er sich eben Berater, die ihm sagen, was zu tun ist, und für ihn die Entscheidungen treffen. Dass der Berater ständig für andere denken muss, führt über die Jahre unweigerlich zur Entfremdung. Faktisch wird nichts mehr von dem, was man tut, als Eigenes empfunden. Im Gegenteil, zum Zwecke der prophylaktischen Seelenhygiene muss man sich schnellstens von den Produkten seiner Arbeit trennen. Irgendwann wird alles - im adornoschen Sinne - falsch.
Ist es Bedrängnis, die Entfremdung und das Falsche als so nicht mehr lebbar zu empfinden? Ich glaube schon. Natürlich ist sie nicht direkt vergleichbar mit der Bedrängnis des Johannes auf Patmos, die Zeiten sind andere. Auch mit den Nöten der meisten Menschen hat sie wenig zu tun. Und doch ist es meine ganz eigene Bedrängnis bzw., um Peter Rühmkorf zu zitieren: „Wenn ich mal richtig ICH sag, wieviele da wohl noch mitreden können?!“ Und Hoffnung? Ja, die gibt es, die Hoffnung, irgendwann wieder das richtige Leben im richtigen zu finden.
1Neue Genfer Übersetzung. Romanel-sur-Lausanne, 2009

Dienstag, 17. Januar 2012

Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo) von David Fincher


Es fällt nicht schwer, sich gedanklich auszumalen, wie David Fincher ins imaginäre Kopfkissen gebissen haben mag, als er vor drei Jahren - möglicherweise ja zufällig - die schwedische Erstverfilmung der Millenium-Trilogie gesehen hat. Die Romanvorlage wird er kaum gekannt haben, schließlich wurde Stieg Larsson selbst in Europa erst durch die Verfilmungen richtig populär. Klar ist jedoch: Millenium ist eindeutig Fincher-Stoff. Keinem Hollywood-Filmemacher scheint der Stoff mehr auf den Leib geschnitten zu sein, als dem Regisseur solcher Großtaten wie Seven, The Game oder Fight Club.
Schon nach wenigen Filmminuten, spätestens aber, wenn Blomkvist auf die Bibelzitate in Harriets Nachlass stößt, ahnt man, dass Fincher seinen Film nicht gedreht hat, um, wie verschiedentlich unterstellt wurde, aus rein geschäftlichen Interessen eine Version für den US-Markt zu schaffen, sondern er, David Fincher, wollte für sich seine Version von Verblendung. Und so ist denn der Film auch alles andere als kompatibel zum US-Markt, eher steht zu befürchten, dass er dort ein Kassenflop wird (lt. zelluloid.de sind es nach 4 Wochen 88 Mio. $ bei Produktionskosten von 90 Mio. $ ).
Finchers Verblendung ist in seiner Nähe zur Romanvorlage und seinem finsteren Realismus dann doch ein eher europäischer Film geworden und noch dazu ein politisch wohltuend inkorrekter. Statt Action gibt es rohe, stumpfe Alltagsgewalt. Und je länger die Geschichte dauert, desto mehr wird gequalmt. Die Mad Men lassen herzlich grüßen. Der kongeniale Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross, die schon für die Filmmusik zu The Social Network verantwortlich zeichneten, untermalt die Handlung mehr symbiotisch als symbolisch und drängt sich nie in den Vordergrund. Wer die schwedische Erstverfilmung kennt, wird Noomi Rapace in der Lisbeth-Rolle vermissen und sich anfangs schwer tun mit Rooney Mara. Doch Mara ist vielleicht sogar die bessere Besetzung, denn sie wirkt in ihrer psychischen und physischen Fragilität noch schutzloser als die robustere Rapace. Die Diskrepanz zwischen Innen und Außen wirkt bei ihr noch radikaler. Auch Daniel Craig und Stellan Skarsgard bieten eine herausragende Performance.
Das aufdringliche, von einem Immigrant-Song-Cover unterlegte Intro als Kreuzung aus Musikvideo und James-Bond-Vorspann ist sicher Geschmackssache, zumal es so gar nicht zum Film passt. Hommage an Craigs Bond-Figur? Insgesamt aber setzt Fincher die Geschichte straff in Szene, und gut zweieinhalb Stunden Verblendung bieten eine sehr gelungene Kombination aus Thrill und Tiefgang. Fortsetzung folgt?

Donnerstag, 5. Januar 2012

Wag the dog...


Welch ein Bild des Jammers. Christian Wulff möchte einem fast Leid tun, und irgendwie tut er es auch, wenn er da Herrn Deppendorf und der bissigen Frau Schausten, die man doch noch als TV-Azubine im ZDF-MoMa erinnert, gegenüber sitzt und sich müht, mit rühriger Demut und demonstrativer Empörung über den ach so rücksichtslosen Medienbetrieb seine Haut zu retten. Nach spätestens 5 Minuten dieser traurigen Demonstration offensichtlicher intellektueller Unfähigkeit und moralischer Ambivalenz fragt man sich, warum der Präsident sich dies überhaupt antut. Warum hat er nicht den Arsch in der Hose, die Sache öffentlich beim Namen zu nennen, aufzustehen und das Studio zu verlassen? Warum legt er sich erst mit der Bild-Zeitung an, wenn er, der sich doch wohl ehrlichen Herzens im Recht wähnt, nicht den Mumm hat, diese Auseinandersetzung bis zum Ende durchzuziehen? Es scheint, als hätte Herr Wulff wirklich nicht das nötige Format und vor allem nicht die innere Unabhängigkeit, die es braucht, sich einer solchen Auseinandersetzung offensiv zu stellen.
In der Affäre Wulff zeigt sich einmal mehr die intellektuelle und moralische Verwahrlosung eines Teils des politischen Spitzenpersonals und seiner medial Verbandelten – und das quer über alle etablierten Parteien und Interessengruppen. In einem Radio-Essay zur Bildungspolitik bezeichnete der Philosoph Bernhard Taureck die Gruppierungen, von denen hier die Rede ist, als Macht-Geld-Medien-Verbund1. Fast scheint es, als sei die Affäre zur exemplarischen Bestätigung der These vom Macht-Geld-Medien-Verbund aufgesetzt worden. Als niedersächsischer Ministerpräsident war Christian Wulff Teil des Macht-Geld-Medien-Verbunds und fühlte sich dort offenbar hinreichend geborgen und geschützt. Als Bundespräsident ist er wohl dem Wahn anheim gefallen, nun auf Seiten derer zu stehen, die über genügend Macht verfügen, um bestimmen zu können, was medial veranstaltet wird. Irgendwie anrührend: Herr Wulff legt sich mit der Bild-Zeitung an. Aus deren Sicht wedelt da der Schwanz mit dem Hund. Und das geht natürlich überhaupt nicht. Kanzler Schröder regierte nach eigenem Bekunden mit Bild, BamS und Glotze in der klaren Einsicht, dass in Deutschland auf keinen Fall gegen Bild, BamS und Glotze, sprich gegen den Macht-Geld-Medien-Verbund regiert werden kann. Zu dieser simplen Einsicht hat es bei Herrn Wulff nicht gereicht. Statt dessen erwartet er das Verständnis der vor den Fernsehgeräten versammelten Staatsbürgerschaft für sein Recht auf Privatsphäre, ein Recht, das er spätestens mit Umzug ins Schloss Bellevue de facto abgegeben hat. Es nun auf diese Weise gegen Bild zurück zu fordern, erscheint wahrlich naiv, von den vorherigen nicht öffentlichen Versuchen ganz abgesehen.
In seinem viel und gern zitierten Vortrag „Politik als Beruf“2 unterscheidet Max Weber „...zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt ´für´ die Politik, – oder aber: ´von´ der Politik.“ Es drängt sich der Eindruck auf, der aktuelle Bundespräsident gehöre zur zweiten Kategorie - wohl als erster in diesem Amt. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er einerseits einen Privatkredit zum Hauskauf aufnehmen musste und sich andererseits gerade deswegen so devot der öffentlichen Demontage aussetzt. Vielleicht hat Herr Wulff nichts anderes als sein aktuelles Amt. Im Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten3 lautet §1: „Scheidet der Bundespräsident mit Ablauf seiner Amtszeit oder vorher aus politischen oder gesundheitlichen Gründen aus seinem Amt aus, so erhält er einen Ehrensold in Höhe der Amtsbezüge mit Ausnahme der Aufwandsgelder.“ Demnach hätte Herr Wulff bei einem Rücktritt in Folge der laufenden Affäre keinen Anspruch. Ihm bliebe dann nur das Ruhegehalt als ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident. Er war 7 Jahre lang Ministerpräsident und hätte demnach Anspruch auf ein Ruhegehalt in Höhe von etwa 32,5 % des niedersächsischen Ministerpräsidentengehalts, das wiederum 127,4 % „des Grundgehalts der Besoldungsgruppe 10 der Besoldungsordnung B des Niedersächsischen Besoldungsgesetzes, zuzüglich des für diese Besoldungsgruppe geltenden Familienzuschlages“ beträgt.4 Auch ohne hier komplizierte Berechnungen zur Ermittlung von Versorgungsansprüchen zu vollführen, ist doch klar, dass sie beim Rücktritt vom Präsidentenamt um einiges geringer ausfallen als bei vollständiger Absolvierung der Amtszeit.
Wenn das der ganze Hintergrund des laufenden Schmierentheaters um Würde des Amtes, um Achtung der Privatsphäre und um Pressefreiheit ist, möchte man da nicht wirklich Mitleid mit Herrn Wulff haben?

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kain von Jose Saramago


Eine der merkwürdigsten und zugleich legendärsten  Gestalten des Alten Testaments ist Kain. Kain, der Ackerbauer, wird in Gen 4,1 als Adams und Evas Erstgebore­ner eingeführt. Weil der HERR Kains Opfer von den Früchten des Feldes nicht annahm und statt dessen das Lammopfer von Kains Bruder Abel bevorzugte, erschlug Kain seinen Bruder. Zur Strafe vertrieb der HERR den Kain von sei­nem Acker und verurteilte ihn zur unsteten Existenz eines Vogelfreien. Zu­gleich zeichnete ihn der HERR mit dem berühmten Kainsmal, das ihn vor ge­waltsamem Tod bewahren sollte. Kain zog gen Osten in das Land Nod, das Land des Wanderns, wo er heiratete, Kinder zeugte und eine Stadt mit dem Namen seines ersten Sohns Henoch gründete. Am Ende der Kain-Dynastie ste­hen dann Lamech und einige Stammväter diverser archaischer Berufsgrup­pen. Damit endet die biblische Geschichte von Kain und seinen Nachkommen ziemlich abrupt, denn im folgenden Gen 5 wird der Stammbaum von Adam an noch einmal aufgebaut. Nach dem Fiasko mit Kain und Abel wird ausgehend von Set der zweite Versuch unternommen, eine anständige Menschheit zu eta­blieren.
Diesen Kain nun hat Jose Saramago zum Titelhelden seines letzten Romans gemacht, um mit ihm und durch ihn furios mit Gott abzurechnen. Bei Saramago ist Kain der große Gegenspieler Gottes, der selbstbestimmte, emanzipierte Mensch. Kain kennt seinen HERRN und lernt ihn im Verlauf der Handlung im­mer besser kennen. Schon der Brudermord an Abel ist Vergeltung für die Gefall- und Eifersucht des HERRN. Da er Gott nicht töten kann, tötet Kain Gottes Liebling. Das Kalkül ist durchaus perfide: Außer Kain hat Gott nun keinen Enkel mehr, denn Set ist noch nicht geboren, zu mal der in diesem Er­zählstrang der Genesis gar nicht vorkommt. Gott kann Kain also nicht umbrin­gen, ohne sein Projekt in Frage zu stellen. Gottes Strafe ist Kains Ausschluss aus Gottes Volk. Kain wird zum ersten Homo Sacer, allerdings sichert ihm das so schlecht beleumundete Kainsmal den Schutz seines Großvaters.
Es folgt eine Wanderung durch Zeit und Raum. Station gemacht wird bei Li­lith, Verstoßene wie Kain selbst. Lilith, traditionell die Verkörperung des Dä­monischen im Weibe, ist bei Saramago das Urweib schlechthin, die Männer­fresserin, die Femme fatale, die Sexgöttin. Sie findet in Kain, dem Brudermörder, ihre wahre Be­stimmung. Ihr Mann Noah bleibt eine fast bedauernswerte Randfigur der Weltgeschichte und zeichnet sich lediglich dadurch aus, dass er vergeblich versucht, Kain umbringen zu lassen, später aber die Größe besitzt, seine Stadt nach Liliths und Kains Sohn Henoch zu benennen. Noah stirbt eines natürli­chen Todes. Am anderen Noah, dem Nachkommen seines Bruders Set, den er nie kennengelernt hat, wird Kain am Ende der Geschichte seine Rache an Gott zu Ende bringen.
Dazwischen wird Kain Augenzeuge und auch Protagonist der schändlichsten Untaten des HERRN an seinen Geschöpfen, die da wären: die angeordnete und glücklicherweise nicht vollzogene Tötung des eigenen Sohnes durch Abra­ham, die Zerstörung von Sodom und Gomorrha samt der unschuldigen Kinder, die allgemeine Sprachverwirrung wegen des Turmbaus zu Babel, das göttlich sanktionierte üble Spiel des Satan mit Ijob, die Eroberung Ka­naans unter Josua und die damit einhergehende Ausrottung der einheimi­schen Stämme, die Ermordung der 3000 Israeliten, die in Moses Abwesenheit den Baal angebetet hatten, schlussendlich die Sintflut. Dabei gelingen dem großen Erzähler Saramago eindringliche Schilderungen und bedenkenswerte anthropologische Exkurse. Zweifellos herausragend die Streitgespräche zwi­schen Kain und dem HERRN, die letzteren in der Regel als Verlierer sehen, bis auf das allerletzte, das bis heute anhält.
Der Kain Saramagos ist der ewige Rationalist und Aufklärer. Kain ist ungläu­big, weil er weiß, Gott straft die, die ihn anbeten, und tötet die, die ihn nicht anbeten, bis auf den einen, den er nicht töten kann, weil der ihn kennt. Kain hat sei­nen Bruder Abel getötet, weil er Gott nicht töten konnte. Er tötet danach nie wie­der, bis der HERR selbst ihm die Gelegenheit gibt, die letzten Menschen zu beseitigen, die naiv genug sind, Gottes Wort Vertrauen zu schenken. Am Ende der Geschichte sind Gott und Kain unter sich und tun das, was der HERR wohl von Anfang an am liebsten getan hätte (kleiner Seitenhieb in Richtung Benedikt XVI.): philosophische Streitgespräche führen, denn, das will Saramago wohl versöhnlich sagen, Gott braucht den Menschen als sein Ebenbild, nicht umgekehrt.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

500 Mrd. für Banken


Das soll nun einer verstehen: Die Euro-Gruppe beschließt die Erhöhung der Eigen­kapitalquote der Euro-Banken auf 9%. Die EZB vergibt seit gestern zinsgünstige Kredite in Höhe von knapp 500 Mrd. Euro mit einer Laufzeit von bis zu 3 Jahren an die selben Banken, um den Kreditfluss zwischen den Banken zu stützen. Passt ir­gendwie nicht zusammen, oder? Versuchen wir das mal aufzudröseln.

Erhöhung der Eigenkapitalquote bei etwa gleichbleibendem Geschäftsvolumen (Bilanzsumme) senkt die Eigenkapitalrendite einer Bank. Die Eigenkapitalrendite ist aber der Indikator, an dem Bankmanager gemessen werden. Stichwort Boni. Man denke an die alljährlichen Ankündigungen von Josef Ackermann zur angestrebten Eigenkapital­rendite der Deutschen Bank. Die derzeit beste und auch gängige Methode zur Er­zielung einer hohen Eigenkapitalrendite ist die Verwendung von möglichst viel Fremdkapital, das heißt faktisch, Investitionen oder Kredite vorwiegend fremd zu finanzieren, also Kredite von anderen Banken oder Kapital von Investoren aufzunehmen. Die Forderung nach Erhöhung der Eigenkapitalquote hat wohl zu einem Stocken dieses Kapitalflusses zwischen den Banken geführt, weil Bankmanager kein wirkliches In­teresse daran haben, Kredite an andere Banken zu vergeben, die ggf. nicht in der Lage sind, diese Kredite hinreichend gewinnbringend einzusetzen.
Man ist geneigt zu vermuten, dass hinter all diesen Geschäftsmodellen der Banken ein System steckt, das man fast als Verschwörung ansehen könnte. Das hat bei den Immobilienkrediten funktioniert, die dann zur Subprime-Krise von 2008 ge­führt haben, und scheint nun bei der Staatsfinanzierung ähnlich abzulaufen. Es werden Kredite in der Erwartung der Kreditnehmer vergeben, dass der Wert des Finanzierungsgegenstandes steigt oder wenigstens stabil bleibt. Bei Erreichung ei­nes hinreichend großen Gesamtfinanzierungsvolumens wird der Gegentrend einge­leitet: Die Bewertung des Finanzierungsgegenstandes wird gesenkt. Im Fall der Hausfinanzierung macht das der, wiederum bankenbeherrschte Immobilienmarkt, bei der Staatsfinanzierung übernehmen die Ratingagenturen die Umbewertung. Dadurch steigen die Zinsen der Kreditnehmer bei Umschuldung, von Tilgung ist ja eh nicht die Rede, und die Gläubiger streichen Extraprofite ein oder, wie im Falle der Immobilienfinanzierung, werden durch Liquidierung Eigentümer des Finanzie­rungsgegenstandes. Man hat es also mit einem Umverteilungsszenario zu tun, bei dem die Rating- und sonstigen Bewertungsagenturen eine beträchtliche Rolle spielen. Dass dabei diese oder jene Bank auf der Strecke bleibt, wird von den Konkurrenten billigend in Kauf genommen, allerdings nicht von den Kredit neh­menden Staaten, die auf ihre liquiden Gläubiger angewiesen sind. Diese machen sich die Abhängigkeit zu Nutze, indem sie mit Unterstützung der Ratingagenturen die Zinsen step by step erhöhen und, im Falle, dass die Schuldner ernst machen – siehe Eigenkapitalquote oder Schuldenabbau – in den Kreditstreik treten, von dem dann die so genannte Realwirtschaft betroffen ist.
Es ist ein System, dass sich auf diese Weise immer weiter hochschaukelt. Offenbar ist Staatsfinanzierung gegenwärtig das lukrativste Geschäft. Anders ist der Auf­stand der Banken nicht zu deuten. Außerdem müssen den 500 Mrd. Euro der EZB ja Schulden in entsprechender Höhe gegenüber stehen. Statt Schuldenabbau also weitere Erhöhung der Verbindlichkeiten. So lange diese zwischen den Banken verbleiben, ist das wohl unkritisch. Doch Banken wollen und müssen mit dem Geld gewinnbringende Geschäfte tätigen, die - so die heutigen Agenturmeldungen - auch die 2012 anstehende Refinanzierung von Staatsschulden in der Euro-Zone umfassen.
Alles bleibt also wie gehabt. Keine Änderung der Geschäftsmodelle, kein Schul­denabbau. Statt dessen wächst die Kreditblase weiter. 

Freitag, 9. Dezember 2011

Bella Vista


Da schwant einem nichts wirklich Gutes. Wir müssen uns wohl auf ungemütli­che Zeiten einstellen. Keine der Alternativen lässt uns ungeschoren davon kommen, wenn sie denn überhaupt realistisch sind.
Schuldenabbau: Das hätte wohl ein Sinken staatlicher Ausgaben und Investi­tionen und damit einen wirtschaftlichen Rückgang in bestimmten Branchen (Bau, Verkehr, Energie, Gesundheit) zur Folge, von den zu reduzierenden staatlichen Zuschüssen an Kranken- und Rentenkassen ganz abgesehen. Würden flankierend Steuern und Abgaben angehoben, würde dies zu sinken­dem Konsum und geringerer Sparquote führen. Auch nicht so toll. Geringere Spareinlagen könnten wiederum die Banken in Schwierigkeiten bringen, da dies die Kreditvergabe beeinträchtigen würde. Weniger Kredite, weniger Ge­winn, weniger Steuern usw. usf.
Inflation: Will an sich keiner, wenn sie oberhalb des Wirtschaftswachstums liegt. Inflation würde die Schuldenlast effektiv senken, das BIP würde nomi­nell steigen und flugs wäre man unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen maximalen Neuverschuldungsquote. Hilft aber nicht wirklich, weil eine hohe Inflationsrate zwar den Konsum befeuern könnte, die Investitionsneigung aber senken und sich schließlich entweder alles lediglich mit veränderten Zahlen wie­der einpegeln oder aber in einem großen Währungscrash enden würde. Was allerdings entschieden gegen das Inflationsszenario spricht, ist zum einen, dass es in der gegenwärtigen Euro-Konstruktion mit der EZB an der Spitze der Geldpyramide gar nicht funktioniert, und zum anderen, dass die westli­chen Länder eine massive Überproduktion haben, so dass Preiserhöhungen durch Güterverknappung äußerst unwahrscheinlich sind. Das Problem ist ja auch nicht die Geldmenge sondern im Gegenteil der Geldüberfluss an der falschen Stelle. Selbst wenn die EZB Staatspapiere aufkauft, erzeugt sie damit keinen Zuwachs der verfügbaren Geldmenge, sondern gleicht lediglich Haus­haltsbilanzen aus. Solange der monetäre Gegenwert der Staatspapiere nicht in Umlauf kommt, ist das Inflationsrisiko überschaubar. Was weiter gegen eine Geldentwertung spricht, ist die faktische Kopplung der anderen europäischen Währungen an den Euro. Bei den osteuropäischen Staaten ist dies offensicht­lich, die würden in die Entwertung hineingezogen, weil ihre Wirtschaft sonst massiv unter die Räder käme. Selbst die Schweizer Nationalbank hatte solche Befürchtungen, als sie vor einigen Wochen das Kursziel für den Euro bei 1,2 Sfr. fixierte1. In diesem Szenario stimmt der Merkel-Satz: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“ ausnahmsweise.
Währungsreform: Macht jetzt nur Sinn als gesamtgesellschaftlicher Bank­rott. 17 Euro-Länder müssten sich darauf einigen, gemeinsam, unangekün­digt, quasi über Nacht Zahlungsunfähigkeit anzumelden. Da außer China kein Land in Sicht ist, das dem finanziell entgegenwirken oder gar wirtschaftlichen Druck ausüben könnte, wären damit alle Staatsschulden weg, aber auch alle Staatsguthaben in Euro und alle irgendwo auf der Welt umlaufenden oder de­ponierten Euro wären umgehend wertlos. Die Banken und ihre Kapitalgeber wären um die akkumulierte Schuldenlast der Euro-Gruppe erleichtert, glei­ches gälte aber auch für die Gläubiger privater Schuldner. Einigermaßen un­beschadet davon kämen die Eigentümer von Immobilien und anderen Wertge­genständen (Edelmetalle, Kunst etc.) sowie die Inhaber von Konten in Dollar, Yen, Pfund oder Schweizer Franken, also die Wenigsten von uns. Das wäre an sich zu verschmerzen, wenn dem nicht entgegenstünde, dass ein genereller Schuldencut von staatlicher Seite faktisch eine Enteignung aller Gläubiger darstellt. Der im Staatspapier verbriefte Schuldentitel erwirkt einen Rechtsan­spruch des Inhabers gegen staatliches Eigentum. Der Gläubiger wird damit Miteigentümer des Staates. Auf jeden Fall hat er einen Rechtsanspruch auf Vollstreckung seiner Forderung bei Nichterfüllung des damit verbundenen Schuldkontrakts. Die ARD-Sendung „Panorama“ hat das vor 5 Jahren mal the­matisiert.2 Ohne Änderung der Rechtslage inkl. Grundgesetz der Bundesrepu­blik Deutschland ginge also gar nichts. Man denke nur an die Querelen bei der Euro-Einführung.
Umverteilung: Das ist wohl das Szenario hinter den Eurobonds. Die Staats­schulden werden auf alle Länder der Euro-Gruppe verteilt. Auf den ersten Blick sieht das gar nicht danach aus, da die Schulden ja von jedem einzelnen Staat getragen werden müssen, doch faktisch haftet jeder der Teilnehmerstaaten als Bürge mit seinem Eigentum für die Schulden jedes anderen. Käme also einer seinem Schuldendienst nicht nach, müssten die anderen seine Zinsen zahlen. Da wahrscheinlich keiner der „Geber“-Staaten dies aus reinem Altruismus tun würde, käme es im Ernstfall zum Szenario Griechenland, das ich in einem vorangegangen Beitrag skizziert hatte. Die Umverteilung der Schulden in die eine Richtung könnte zur Umverteilung des Eigentums in die Gegenrichtung führen. Allerdings würde das die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa durchaus befördern. Nicht so schnell und radikal wie das leider unrealistische Währungsreform-Szenario, aber immerhin. Wenn dann irgendwann alles Deutschland, Frankreich, Österreich (zzgl. Südtirol und Vinschgau), Luxemburg und den Niederlanden gehört, könnte auch unser geliebter Kaiser Barbarossa wieder in Amt und Würden gelangen.
Mein Fazit: Am Besten wäre es wohl, das Kredit- und Schuldensystem kom­plett aufzugeben bzw. abzuschaffen. Der alte Satz der alten Griechen „Löscht alle Schulden und verteilt das Land neu!“ wäre zu ergänzen um die Forde­rung: „Und lasst es nie wieder zu Schulden kommen!“ Jesuanisch könnte man auch bitten: „Und erlöse uns von dem Bösen.“ (Auf die Probleme, die sich dar­aus ergäben und Ansätze zu deren Bewältigung werde ich vielleicht ein an­dern Mal eingehen.) Da das aber wohl in diesem System und in diesem Staat nicht geht, bleibt den armen Politikerwürstchen - und uns mit ihnen - wohl nur die erste Variante: Gürtel enger schnallen. Es sei denn, und das ist m. E. nicht ausgeschlossen, die Eurozone wird Schritt für Schritt zu einer Neuauflage des Heiligen Römischen Reiches umgeschuldet, wovor uns Gott bewahren möge.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Commerzbank stockt auf


Vor etwas mehr als einem Monat habe ich mich an dieser Stelle irritiert bis belustigt über die Forderung von EU-Kommissionspräsident Barroso nach Eigenkapitalaufstockung der Banken geäußert. Die Commerzbank zeigt aktuell, wie berechtigt das war. Sie will ihr Eigenkapital um 5 Mrd. € erhöhen. Dafür kauft sie erst einmal eigene Anleihen zu einem Preis unter Nennwert am Kapitalmarkt zurück und verbucht dabei – oh Wunder der Bilanzarithmetik – einen Buchgewinn, den sie als Eigenkapitalzuwachs deklariert. Das geht nach den Regeln der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) aber nur, wenn die Bank den Buchgewinn als Aktien wieder ausgibt. Es soll also genau das passieren, was ich vor einem Monat als Fortsetzung des alten Spiels mit neuen Mitteln bezeichnet habe: Toxische Aktien, statt toxischer Schuldverschreibungen. 


Gleiches Thema, andere Baustelle: Da wundert sich die versammelte Großmedienlandschaft darüber, dass es Probleme beim Verkauf von deutschen Staatsanleihen gibt, und schiebt die Verantwortung dafür auf die Rating Agenturen. Der finanzökonomische Laie stellt sich hingegen die Frage, wer denn die Schuldpapiere für 6 Mrd. € kaufen soll, wenn die Banken zuvörderst ihren eigenen Laden in Ordnung bringen sollen (siehe Commerzbank). Schließlich will der Bund für seine Anleihepapiere keine Bankenschuldverschreibungen oder Versicherungsaktien sondern irgendwann auch Sichtguthaben, also reales Geld zum Ausgeben im Haushalt. Das aber müssen sich die so genannten institutionellen Anleger erst einmal besorgen und zwar bei den Banken, die es wiederum von der EZB gegen Einlage von Wertpapieren bekommen. Wenn die Banken also nix haben und nix verleihen, weil sie zu aller erst selbst Geld benötigen, wenn auch nur Buchgeld, wer soll dann die Bundesanleihen kaufen? Kann man sie doch gleich bei der EZB deponieren und das eingenommene Haushaltsgeld von G&D drucken lassen. Schöne Grüße übrigens auch an Timothy Geithner. 

Die Estimatortheorie

Über eine neue Theorie zur Erklärung des Ursprungs und der Funktion von Bewusstsein 1         Einleitung Was ist Bewusstsein? Welchen Zwec...