Gemeinschaft, demokratisch gedacht
Demokratie,
die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag,
in dem sich
freie Menschen verpflichten,
die Rechte und Freiheiten der
Mitbürger zu achten.
Franklin
D. Roosevelt
Auf einer relativ oberflächlichen, holzschnittartigen Betrachtungsebene unterscheiden sich Gemeinschaft und Gesellschaft zunächst in der grundsätzlichen Art der Beziehungen ihrer Mitglieder zueinander. Während es in einer Gemeinschaft Beziehungen der gegenseitigen Verpflichtung sind, die auf geteilten normativen Werten gleich welcher Art basieren, sind es in einer Gesellschaft solche des gegenseitigen Desinteresses, das etwas beschönigend auch Toleranz genannt wird. Was dies praktisch bedeutet, ist leicht einzusehen, wenn man ganz plastisch Dorfgemeinschaft und Stadtgesellschaft gegenüberstellt, die beide wohlbegründet mit den jeweiligen Begriffen belegt sind. Die Dorfgemeinschaft ist eine Gemeinschaft und funktioniert als solche, weil die Dorfbewohner sich kennen und weil sie grundsätzliche, gemeinsame Wertvorstellungen und Interessen im Hinblick auf ihr Dorf, seine Geschichte, seine Gegenwart und seine Zukunft teilen. Die Gesellschaft der Stadt hingegen ist eine solche und funktioniert als solche, gerade weil die Stadtbewohner sich in gegenseitiger Anonymität begegnen, weil sie nicht zusammen kommen, sondern sich nach Möglichkeit aus dem Weg gehen, weil es sie in erster Näherung nicht interessiert, was die anderen Bewohner tun und lassen, welchen Werten sie verpflichtet sind, welche Interessen sie haben usw. usf. Dass auch in der Stadtgesellschaft Gemeinschaften verschiedenster Art – Gesinnungsgemeinschaften, Interessengemeinschaften, Zweckgemeinschaften u. d. m. – anzutreffen sind, widerspricht diesem Befund keineswegs.
Mein Ausgangspunkt war die Frage, wie sich soziale Beziehungen gestalten könnten, wenn infolge andauernder kleinerer oder größerer Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems staatliche Ordnungsstrukturen zusammenbrechen. Wenn staatliche Institutionen zusammenbrechen, verschwindet die soziale Ordnung nicht einfach, sondern es treten neue, oft informelle und dezentrale soziale Strukturen an ihre Stelle. Die Beschaffenheit dieser neuen Strukturen hängt stark von der vorherigen sozialen Kohäsion und dem Ausmaß der Gewalt ab. Im positiven Fall könnte der Wegfall des staatlichen Gewaltmonopols und der zentralen Verwaltung zu einer Dezentralisierung von Macht und Entscheidungsstrukturen führen, sodass lokale Gemeinschaften, etwa Dörfer, Stadtviertel oder Nachbarschaften zu primären Bezugspunkten werden. Hier könnten gruppenförmige Selbsthilfe- und Selbstverwaltungsstrukturen als „Überlebensgemeinschaften“ entstehen, die sich der Organisation grundlegender Dienste wie Wasser, Nahrungsmittelverteilung und physischem Schutz annehmen. Es könnten auch eher traditionelle Strukturen wiederaufleben, in denen historische oder traditionelle Autoritäten (Clan-Älteste, Stammesführer, religiöse Führer) wieder an Einfluss gewinnen und die Aufrechterhaltung der Ordnung sowie die Konfliktlösung, basierend auf überlieferten Normen, übernehmen. Eine dritte denkbare Möglichkeit könnte darin bestehen, dass externe Akteure, wie NGOs oder internationale Hilfsorganisationen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Bildung und humanitäre Hilfe die Funktionen der zusammengebrochenen Bürokratie temporär übernehmen oder unterstützen.
Nicht unwahrscheinlich sind jedoch auch „Mad-Max-Szenarien“, in denen das durch den Zusammenbruch staatlicher Strukturen entstehende Machtvakuum von bewaffneten Milizen, Warlords oder der organisierten Kriminalität gefüllt wird. Die genannten Akteure verfügen offensichtlich über materielle und personelle Ressourcen zur Übernahme des Gewaltmonopols in den jeweils von ihnen kontrollierten Territorien, das sie dann bspw. zur Besteuerung der Bevölkerung, zum Aufbau von Wirtschaftsstrukturen (Handel, Schutzgelderpressung) oder zur Herstellung erzwungener Ordnungsstrukturen ausnutzen können. Aktuelle Ereignisse in Afrika und Lateinamerika könnten als Beleg dafür dienen, dass „Mad-Max-Szenarien“ die wahrscheinlichere Variante sind, und es stellt sich die Frage, wie dem begegnet werden kann.
Wir leben in einem hochentwickelten kapitalistischen und (nach bürgerlichen Maßstäben) demokratisch verfassten Industrieland. Ich halte es für wünschenswert, dass hierzulande auch nach einem etwaigen Zusammenbruch staatlicher Ordnungsstrukturen demokratische Verfahrensweisen grundsätzlich erhalten blieben, dass also die oben skizzierten und offensichtlich zu präferierenden Überlebensgemeinschaften auf lokaler oder regionaler Ebene nicht nur wirksam gebildet werden und funktionieren, sondern auch demokratisch verfasst sind. Das setzt aber voraus, dass die betroffenen Menschen auch geistig-moralisch darauf vorbereitet sind. Allenthalben wird jedoch eine fortschreitende Erosion der liberalen Demokratie beklagt, Autoritarismus breitet sich aus, das Vertrauen der Bevölkerung in das Funktionieren staatlicher und demokratischer Institutionen sinkt, deren Problemlösungskompetenz wird zunehmend bestritten. Das kann nur jene wirklich verwundern, die ernsthaft daran geglaubt haben, dass sich liberale Demokratie und Kapitalismus harmonisieren lassen. Der umfassende Trend hin zu einem autoritären Kapitalismus (Frank Deppe) zeichnete sich spätestens seit Trumps erster Amtszeit und dem Aufstieg der Techmilliardäre aus dem Silicon Valley ab. Es muss nicht betont werden, dass dies denkbar schlechte Voraussetzungen sind.
Wie im ersten Teil dieser Aufsatzreihe betont, soll versucht werden, durch Rückgriff auf pragmatistische Ideen Lösungsansätze zu finden. Das sind zum einen die Idee der experimentellen Demokratie des US-amerikanischen Philosophen John Dewey und zum anderen die Idee der Demokratie als reflexiver Kooperation des deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth.
Demokratischer Experimentalismus
Für den amerikanischen Pragmatisten John Dewey ist Demokratie weit mehr als die Mechanismen von Wahlen, Mehrheitsentscheidungen und repräsentativen Institutionen. Er kritisiert das liberale Modell, das Demokratie auf eine politische Maschinerie reduziert. Statt dessen definiert Dewey Demokratie primär als eine "Form des Zusammenlebens, der gemeinsam und miteinander geteilten Erfahrung". Sie ist eine soziale Idee und eine ethische Lebensform, die darauf abzielt, die menschliche Gemeinschaft zu maximieren und die individuelle Entfaltung zu fördern. Seine Ansichten hat Dewey 1927 in seinem Essay „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“1 dargelegt.
Kernmerkmale seines Demokratieverständnisse sind:
Alle Gruppen und Individuen sollen ihre Erfahrungen austauschen und in das gemeinsame Handeln einbringen können.
Demokratie erfordert eine Kultur der offenen und ungehinderten Kommunikation, in der Argumente statt bloße Macht zählen.
Der Begriff der experimentellen Demokratie rührt daher, dass Dewey die demokratische Gesellschaft als einen fortlaufenden Forschungsprozess oder ein soziales Experiment versteht. Das bedeutet, dass für ihn politische und soziale Probleme mit wissenschaftlichen Herausforderungen vergleichbar sind. Die Gemeinschaft (sic!) muss Hypothesen (politische Maßnahmen) aufstellen, diese in der Praxis erproben, die Konsequenzen beobachten und die Hypothesen bei Misserfolg korrigieren. Dewey versteht Demokratie als reflexive Kooperation. Sie lebt von der ständigen Bereitschaft der Bürger, die eigenen Überzeugungen, Institutionen und Praktiken kritisch zu hinterfragen und anzupassen. Die Wahrheit einer politischen Entscheidung zeigt sich in ihren konkreten Auswirkungen auf das Leben der Bürger, mithin in deren Lebenspraxis. Eine solche experimentelle Demokratie erfordert eine informierte und kompetente Öffentlichkeit sowie ein Bildungssystem, das auf die aktive Einübung demokratischer Praktiken und auf die Entwicklung von Problemlösungskompetenz ausgerichtet ist. Auf dem Grund dieses radikalen Demokratieverständnisses liegt die Idee umfassender gesellschaftlicher Selbstorganisation.
Dewey vertritt hier bereits eine Position, die Jahrzehnte später als Kommunitarismus bekannt werden soll. Sein Ideal einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist die Große Gemeinschaft, die nur erreicht werden kann, wenn auf lokaler und regionaler Ebene Gemeinschaftlichkeit gelebt und erfahren wird, wenn, modern gesprochen, Menschen Selbstwirksamkeit erleben. Im vorliegenden Kontext heißt das, wo staatliche Medien und Strukturen wegfallen, muss eine neue Öffentlichkeit über freien und ehrlichen Austausch von Erfahrungen entstehen. Die Demokratie wird dann wieder zu dem, was Dewey forderte - eine Gemeinschaft geteilter Erfahrung. Die Qualität der neuen Ordnung hängt von der Qualität der Kommunikation und der Fähigkeit der Menschen ab, die Konsequenzen ihres Handelns zu erkennen. Wo Gesetze und Gewaltmonopol wegfallen, ist das Gelingen auf die vorpolitischen Tugenden Gewaltverzicht, Zivilität, Fairness, Toleranz und Solidarität angewiesen.
Interessant ist, dass Dewey auch die Idee eines demokratischen Sozialismus vertritt, in dem seine experimentelle Demokratie erst wirklich wirksam werden kann. Er argumentiert, dass eine wahre Demokratie nicht existieren kann, wenn die wesentlichen Lebensbedingungen (die Produktionsmittel und die Wirtschaft) von einer kleinen Elite kontrolliert werden. Sein Ziel ist die Demokratisierung der Industrie und die Vergesellschaftung (nicht notwendigerweise Verstaatlichung) von Banken, Infrastruktur und Großindustrie, um allen Individuen die Chancen zur Partizipation und Selbstverwirklichung zu eröffnen, die durch den ungezügelten Kapitalismus blockiert werden. Das wesentliche Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist für ihn die Methode der experimentellen Demokratie.
Demokratie als reflexive Kooperation
An diese Überlegungen John Deweys knüpft
Axel Honneth
u. a. in seinem Buch „Die Idee des Sozialismus“2
an. Honneth kritisiert, dass viele moderne Demokratie-
theorien
(insbesondere die des Liberalismus) sich zu stark auf die formalen
Verfahren der Entscheidungsfindung konzentrieren (z.B. Wahlen,
Gesetze) und die soziale Verankerung der Demokratie
vernachlässigen. Deweys Idee der Demokratie als Lebensform
bietet für Honneth den notwendigen normativen Gegenpol, um die
Demokratie jenseits des reinen Staatsapparates zu verorten.
Bekannt geworden ist Honneth durch sein
zentrales Konzept des Kampfs um Anerkennung als moralischer
Grammatik sozialer Konflikte. Dieses verbindet er mit
Deweys
Idee der experimentellen Demokratie. Nach Honneth sind Fähigkeit und
Bereitschaft zur demokratischen Beteiligung und zur reflexiven
Kooperation (im Sinne Deweys) entscheidend davon abhängig, ob
die Bürger in ihren sozialen Lebensbereichen – insbesondere in der
Arbeitswelt – Anerkennung erfahren. In seinem Buch „Der
arbeitende Souverän“3
argumentiert Honneth, dass die demokratische Willensbildung nicht
funktionieren kann, wenn die Mehrheit der Bürger, die als Arbeitende
den gesellschaftlichen Wohlstand tragen, in ihrer Arbeit
Missachtung oder mangelnde Wertschätzung erfährt. Soziale
Missachtung in der Arbeitswelt (z.B. geringe Autonomie, fehlende
Wertschätzung der Tätigkeit) führt zu einem Verlust an
Selbstachtung und Selbstvertrauen, was die Bürger von der aktiven
demokratischen Teilhabe entfremdet und sie unfähig macht, als
gleichberechtigte Partner am "Experiment" teilzunehmen.
Aus dieser Perspektive wird die Demokratisierung der Arbeit zu einer
notwendigen Bedingung für eine funktionierende experimentelle
Demokratie. Honneth fordert, dass die Arbeitsverhältnisse so
umgestaltet werden müssen, dass sie den Beschäftigten die
Fähigkeiten, Ressourcen und Gewohnheiten vermitteln, die für die
Teilnahme am demokratischen Prozess erforderlich sind (z.B.
Kooperation, Konfliktlösung, Urteilsbildung). Dies bedeutet,
die Sphäre der Arbeit selbst zu einem Ort der reflexiven Kooperation
und des demokratischen Lernens zu machen.
Die experimentelle Demokratie ist in dieser kombinierten Sichtweise ein gesellschaftlicher Dauerzustand des lernenden und anpassenden Handelns, der nur gelingen kann, wenn die Bürger die soziale und moralische Fähigkeit zur gleichberechtigten und kritischen Teilhabe besitzen. Honneths Beitrag liegt darin, diese Fähigkeit in den Kontext der Anerkennung und der sozialen Gerechtigkeit zu stellen und damit auf die fundamentalen Ungleichheiten in modernen Gesellschaften aufmerksam zu machen, die das demokratische Experiment behindern.
Für Honneth wie für Dewey ist die experimentelle Demokratie nicht einfach eine demokratische Form des Sozialismus, sondern die Methode, mit der die normativen Ziele des demokratischen Sozialismus (Gleichheit, Vergesellschaftung, Emanzipation aller) auf eine pragmatische, nicht-dogmatische und lernfähige Weise verfolgt werden können. Sie ersetzt ideologische Blaupausen durch kollektives Testen und reflexive Korrektur in der sozialen und wirtschaftlichen Praxis.
Mit der Rückbesinnung auf Deweys Idee der Gesellschaft als demokratischer und selbstorganisierter Experimentiergemeinschaft ließen sich, ihre praktische Umsetzung vorausgesetzt, die wirtschaftlichen, politischen und auch geistig-moralischen Voraussetzungen für die eingangs thematisierten Überlebensgemeinschaften schaffen. Wie diese sowie die Überlegungen der vorangegangenen Teile der Aufsatzreihe in den Krisenszenarien wirksam werden könnten, wird im abschließenden Teil 6 thematisiert.
_______________________________________
1 John Dewey. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Suhrkamp, 2024
2 Axel Honneth. Die Idee des Sozialismus. Suhrkamp, 2017
3 Axel Honneth. Der arbeitende Souverän. Suhrkamp, 2023