Mittwoch, 29. Februar 2012

Wolle am Morgen

Das Bundesverfassungsgericht hat gestern entschieden, dass das Son­dergremium des Bundestags zur parlamentarischen Kontrolle des Eu­ro-Rettungsschirms EFSF größtenteils gegen die Verfassung verstößt. In ei­nem heute morgen ausgestrahlten Interview des Deutschlandfunk mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zog dieser daraus u.a. den Schluss, dass sich angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit ökono­mischer Prozesse, die demokratischen Institutionen dahingehend verän­dern müssten, mit dieser Beschleunigung Schritt zu halten, weil sonst, nach Meinung Thierses, die Demokratie insgesamt gefährdet wäre. Zitat:
„Wir erleben ja etwas durchaus hoch Problematisches, was auch für die Demokratie insgesamt gefährlich ist: nämlich die Dominanz, die Vorherrschaft der Finanzmärkte, der Ökonomie. Und gelegentlich entsteht der Eindruck, dass Politik, demokratische Politik, die ihrer inneren Natur nach immer langsam ist, weil sie eben schwierige Entscheidungsprozesse gestalten muss, möglichst viele sich daran beteiligen sollen, wir erleben, dass die Politik hinterherhinkt, schmerzlindernde Mittel, Trostpflaster verteilen kann. Das ist eine Problematik, die ich für dramatisch halte für unsere Demokratie und die ja auch dazu führt, dass immer mehr Menschen kritisch gegenüber der Demokratie stehen. Ich glaube, man muss das schon beschreiben als eine Demokratiekrise, die zunehmende Diskrepanz zwischen dem Tempo und der Reichweite ökonomischer Prozesse und Entscheidungen einerseits und der Begrenztheit und Langsamkeit, notwendigen Langsamkeit demokratisch-politischer Prozesse und Entscheidungen andererseits, und auf diese Diskrepanz haben wir noch nicht die angemessenen institutionellen Antworten. Die Richtung, in der wir Politik, ihre Institutionen reformieren müssen, damit sie wieder in die Nähe des Tempos und der Reichweite ökonomischer Prozesse und Entscheidungen kommt, die Richtung heißt Europa, Demokratisierung europäischer Entscheidungen, und da müssen die nationalen Parlamente mitwirken und da müssen vielleicht die nationalen Parlamente sogar auch Europa treiben.“[1]
Einmal kurz durchatmen. Während also weltweit Hunderttausende auf die Straßen gehen bzw. dies zum Frühjahr wieder planen, um die Politik zu bewegen, ihren Primat gegen die reale wie gefühlte Macht der global agierenden finzanzökonomischen Player durchzusetzen, plädiert der Sozialdemokrat und Katholik Wolle Thierse dafür, dass sich die Politik dem Tempodiktat dieser Player, wenn nicht unterwirft, so doch wenigstens anpasst. Während sich also in Griechenland Regierung und Parteien unter dem Druck des Finanzkapitals und seiner unter dem Label „Troika“ agierenden Exekutoren notgedrungen von aktiver Politikgestaltung verabschieden müssen, meint der ehemalige Revolutionär und Bürgerrechtler Wolle Thierse, die demokratischen Institutionen der Bundesrepublik sollten dahingehend reformiert werden, dass sie Entscheidungen ebenso schnell und hektisch treffen könnten, wie die Akteure an den internationalen Märkten.
Nun hat seit 2008 nicht nur die Politik oft vollmundig davon gesprochen, dass es darum ginge, die Macht der Finanzmärkte einzuschränken. Dem Casino-Kapitalismus wurde gar der Krieg erklärt. Doch wie wir wissen, ist bis heute nichts dergleichen geschehen. Stattdessen klagt Politik in Person des Bundestagsvizepräsidenten immer noch über „die Dominanz, die Vorherrschaft der Finanzmärkte, der Ökonomie“.  Und das, wo doch selbst Thierses oberster Kirchenvorstand bereits Vorschläge für eine neue Weltfinanzordnung publiziert hat.[2] Thierses Rezept: Verlagerung der Entscheidungsprozesse nach Europa, wo sie angeblich schneller verlaufen könnten, natürlich, natürlich unter Voraussetzung ihrer Demokratisierung. Es wäre ja durchaus interessant zu erfahren, wie er sich das vorstellt. Vielleicht sollte er einfach mal mit seinem ehemaligen Mitrevolutionär und nun freiheitsliebenden Bundepräsidentenkandidaten Joachim Gauck reden, der hat da sicher ganz konkrete Vorstellungen. Dann braucht es auch weder Attac noch Occupy, und Wolfgang Thierse müsste am frühen Morgen nicht solche unausgegorenen öffentlichen Statements abgeben.


[1] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1689544/
[2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vatikan-kritisiert-macht-der-finanzmaerkte-gott-gegen-das-system-1.1172246

Mittwoch, 15. Februar 2012

...Kontrolle ist besser

Ohne Psychologe oder Soziologe zu sein, vermute ich, dass es den meisten Menschen geht wie mir: Wenn mich jemand gehäuft danach fragt, was ich tue, dann fühle ich mich kontrolliert. Nun beinhaltet der Begriff der Kontrolle nicht nur die einfache Beobachtung, sondern kann darüber hinaus mit Steue­rung assoziiert werden. Dem Gefühl, kontrolliert zu werden, haftet also neben dem an sich schon unangenehmen Überwachungsaspekt auch der Aspekt der Fremdbestimmung an. Wenn mich also jemand gehäuft danach fragt, was ich tue, dann fühle ich mich unfrei. Mehr noch, mir scheint, dass dieser Jemand mir misstraut, denn würde er mir vertrauen, bräuchte er nicht dauernd da­nach zu fragen, was ich gerade tue. Er könnte ja auch darauf vertrauen, dass ich tendenziell das Richtige tue.
Es ist nun interessant zu beobachten, wie ein Wirtschaftsunternehmen, das ursprünglich mit dem Impetus angetreten war, anders zu sein als andere, sich selbst als „mitarbeitergetragen“ bezeichnete und auch heute noch auf die int­rinsische Motivation und die Kreativität seiner Mitarbeiter setzt, in wirtschaft­lich (aka bilanztechnisch) angespannten Zeiten sein Heil in der Kontrolle, neu­deutsch auch Controlling genannt, mehr noch, in der Erhöhung der Kleintei­ligkeit der Kontrollinstrumente sucht: Statt monatlicher Berichte wöchentli­che, statt umsatzbezogener Bewertung auslastungsbezogene, statt aufgaben­orientierter Planung zeitliche. Dahinter steckt womöglich die Annahme, dass, wer genau weiß, was seine Leute gerade tun und vorhaben, besser entschei­den kann, was sie im Interesse des Unternehmens tun sollten. Das klingt erst mal nicht grundsätzlich falsch. Nur warum schwingt dann in der subjektiven Wahrnehmung so ein Hauch von „1984“ mit?
Für mich hat diese Art von Kontrolle auch etwas mit Angst zu tun. Es ist die Angst, der Mensch, dem ich jeden Monat ein paar tausend Euro zahle, habe ein anderes Interesse als ich. Dem ginge es gar nicht darum, meine Bilanz zu entspannen, sondern nur um sein eigenes, vornehmlich pekuniäres Interesse. Es ist schon ironisch: Der Unternehmer befürchtet, von seinen Mitarbeitern ausgebeutet zu werden.
Angst erzeugt Misstrauen. Angst verschließt den Geist. Angst tötet den Geist, sagt Frank Herbert. Wer Angst hat, macht Fehler. Und der Volksmund meint, Angst sei ein schlechter Ratgeber.
Eine aktuelle Fragestellung von Soziologie und Philosophie ist die nach dem Vertrauen. Jan-Philipp Reemtsma definiert Vertrauen als die Erwar­tung darin, dass der andere etwas nicht tut.1 Demzufolge wäre Misstrauen als das logische Gegenteil von Vertrauen die Befürchtung, dass der andere al­les Mögliche tun könnte. Allein diese Konstellation macht deutlich, dass sich mit Misstrauen nicht gut leben lässt. Mehr noch, der Philosoph Julian Ni­da-Rümelin, ehedem Bundeskulturminister unter Schröder, erklärt in seinem Buch „Die Optimierungsfalle“2, dass eine nur auf individuellem Eigennutz ba­sierte Gesellschaft schon rein logisch nicht funktionieren kann, geschweige denn praktisch. Der Grund dafür liegt im berühmten Gefangenendilemma. Wenn ich also beständig davon ausginge, dass mein Gegen­über nur auf seinen individuellen Nutzen bedacht ist, quasi ein Vertreter des Homo oeconimicus der Friedmänner, dann sollte mein oberstes Denkgebot wohl sein: Misstrauen. Er könnte mir mit seinem Eigennutz ja Schaden zufü­gen.
Ein Unternehmen, das ursprünglich auf Vertrauen setzte, ist mithin angelangt bei der Philosophie des eigennützigen Homo oeconomicus. Und es hat Angst vor ihm. Irgendwie traurig.

Dienstag, 14. Februar 2012

Danke Willi

Nachdem ich meine Skating-Ski bei ski-willi.at bezogen hatte, war es nur fol­gerichtig, dass der Ski-Trainer, der mir heute in zwei individuellen Übungs­stunden gegen eine ordentliche Obole von 84 € das Skaten beizubringen hatte, auf den schönen Namen Willi hörte.
Der Name ist durchaus positiv konnotiert. Onkel Willi, als Bruder von Oma Grete eigentlich Großonkel, war Inhaber einer Bäckerei in Schönebeck-Salzel­men. Bei Familienfestivitäten in Eggersdorf, die meist von Onkel Alfred, sei­nem Bruder und so eigentlich auch Großonkel, ausgetragen wurden, nahm uns Onkel Willi stets am Schönebecker Bahnhof in Empfang, um uns, je nach Kopfzahl, in ein oder zwei Fuhren in seinem Mossie (sowjetische Automobil­marke Moskwitch: kleiner als Wolga und hässlicher als Lada) dorthin zu chauffieren und auch wieder zurückzubringen. Sein Fahrstil zeichnete sich vor allem durch rasante Kurvenlagen aus, was allerdings auch daran gelegen ha­ben mag, dass der Mossie, vor allem das 60er-Jahre-Modell, über eine ausge­sprochen weiche Federung verfügte, und war wohl auch dem schlechten Stra­ßenzustand in der südlichen Börde geschuldet. Jedenfalls hatte Willi stets gute Laune und sorgte damit dafür, dass die erwähnten Familienfressfeste für uns Kinder einigermaßen erträglich blieben. Es wurde kolportiert, er heize seinen Wagen in Frostzeiten mittels Unterschiebens eines mit heißer Asche gefüllten Backblechs an. Onkel Willi war also ein fröhlicher, risikofreudiger Klein­unternehmer.
Willi, der Skilehrer, ist dicke über die sechzig, dabei aber, wie es sich für einen oberbayerischen Skilehrer gehört, braungebrannt, wettergegerbt und fit wie drei Paar Turnschuhe. Wir haben uns gleich ganz gut verstanden, er brauchte bei mir ja auch nicht bei Null anzufangen. In den knapp zwei Stunden arbeiteten wir vorwiegend an meiner Körper- und Blickhaltung, an der Bein­stellung, vor allem dem Kniebeugewinkel, und an der Armstreckung beim Vor­trieb. Es waren eigentlich nur Kleinigkeiten. Willi verstand es jedenfalls, mir das zu suggerieren, zum einen verbal, zum anderen, in dem er mich nicht all zu weit abzuhängen versuchte. An den Anstiegen, die hier wahrlich nicht ex­trem sind, musste aber auch er japsen.
Nebenbei erzählte mir Willi, dass er mit Leib und Seele Bergläufer sei, bei passendem Wetter fast täglich den Wendelstein hinauf laufe (ca. 1000 Hm) und freute sich diebisch darüber, dass er bergab, aufgrund seiner Orts- und Wegekenntnisse sogar die Mountainbiker abhänge. Sehr verschmitzt schaute er drein, als er davon erzählte, sich vor Jahren in Skikursen intensiver um die Frauen von Siemens-Führungspersonal gekümmert zu haben. Da die Männer hätten arbeiten müssen, hätten es sich die Frauen halt mit der Skischule gut gehen lassen.
Nach ca. einer Stunde Training schien Willi schon etwas ratlos, was er denn noch mit mir anstellen sollte. Also wiederholten wir die Übungen, solange bis die zwei Stunden um waren. Dabei berichtete er nicht ohne Stolz von einem Zehnkämpfer, dem er mal innerhalb von drei Stunden das Langlaufen (klas­sisch!) beibringen sollte, was ihm nach eigener Aussage auch gelungen sei (was Wunder!). Der Zehnkämpfer habe aber nach den drei Stunden gestan­den, noch nie so fertig gewesen zu sein. Meinen Einwand, dass die maximale Wettkampfdistanz für Zehnkämpfer 1500 m seien, ließ Willi nicht gelten, schließlich seien diese ja schlechthin professionell durchtrainiert.
Nach anderthalb Stunden brannten auch mir die Oberschenkel, zumal die Skatingloipen durch den seit gestern Abend beständig fallenden Neuschnee trotz Präparierung durch die Pistenwalze nicht gerade super gleitfähig waren. Das ursprünglich verabredete gemeinsame Foto haben wir dann vor lauter Geplauder doch vergessen. Gelernt habe ich einiges, das Wichtigste zum Schluss: Man trägt seine Ski mit den Spitzen nach vorn. Wer sie mit den Enden nach vorn trägt, outet sich als Flachländer. Danke Willi.

Freitag, 27. Januar 2012

Offenbarung 1,9

„Ich Johannes, euer Bruder, bin auf die Insel Patmos verbannt worden, weil ich das Wort Gottes verkündete und für die Botschaft von Jesus eintrat. Ich bin also wie Ihr um Jesu willen in Bedrängnis, aber durch Jesus haben wir alle An­teil an Gottes Reich und sind dazu aufgerufen, unbeirrt durchzuhalten.“1

Ein alter Mann sitzt an einem Tisch und beginnt auf einem Bogen Pergament einen der beeindruckendsten und wirkungsmächtigsten Texte der Weltlitera­tur zu schreiben, die Offenbarung des Johannes, gemeinhin auch Apokalypse genannt. Er ist verbannt worden auf die der kleinasiatischen Küste vorgela­gerte, nur etwa 15 km lange Mittelmeerinsel Patmos. Er fühlt sich in Bedräng­nis, denn seine Predigten des Evangeliums von Jesus Christus unter den Be­wohnern Kleinasiens haben wohl den Unmut der römischen Obrigkeit hervor­gerufen. Es ist die Zeit der zweiten, wenn auch nicht systematischen Christen­verfolgung unter Kaiser Domitian. Wäre Johannes der ersten Verfolgungswelle unter Nero anheim gefallen, hätten wir möglicherweise weder die Offenba­rung noch das Johannes-Evangelium. So war er also „nur“ verbannt worden. Aber was ist das schon - Verbannung? Auch Ovid musste wegen unbotmäßi­gen Verhaltens dem Kaiser gegenüber in die Verbannung nach Tomis, dennoch verfasste er dort seine
Tristia. Johannes aber spricht von Bedrängnis. Nur Be­drängnis.
Freuen wir uns, dass es nur Bedrängnis war und kein Martyrium, so dass Jo­hannes in seiner ganz persönlichen Bedrängnis diesen poetisch aufgeladenen Text verfassen konnte. In dieser seiner Bedrängnis ist er mir näher als jeder der großen Märtyrer. Denn Bedrängnis ist ein Empfinden, das nachvoll­ziehbar ist, das viele aus eigener Erfahrung kennen und ganz persönlich ein­zuordnen wissen. Das Martyrium hingegen erscheint uns ungeheuer fremd – für seine Überzeugung, seinen Glauben zu sterben, wer von uns würde das ernst­haft in Betracht ziehen? Das Martyrium ist ein extrovertierter Akt, ist öffentli­ches Bekenntnis unter Aufgabe des Selbst. Der Tunesier Mohamed Bouazizi war in den Märtyrertod gegangen und hatte damit die Unruhen aus­gelöst, die in den arabischen Frühling münden sollten. Bedrängnis ist ein sehr subjektives Empfinden der eigenen Lebenssituation. Martyrium ist abso­lut und endgültig. Bedrängnis ist relativ und lässt Raum für Hoffnung. Und so hält auch Johannes sich fest an seiner Hoffnung auf das kommende Reich Got­tes, die ihm die Kraft zum Durchhalten gibt.
Das klingt erst mal völlig banal. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass unsere ganze, neuerlich auch wieder gern gepriesene abendländische Kultur zu einem großen Teil auf den Ideen und Glaubensbekenntnissen einer kleinen Gruppe von bedrängten und durchhaltenden Sonderlingen, Außenseitern und Geächteten ruht, dann ist das alles andere als banal. Sie waren Sonderlinge, Außenseiter und Geächtete nicht zuletzt deshalb, weil sie Fragen stellten und Antworten fanden, die den gesellschaftlichen Status Quo ihrer Zeit mit einem grundlegenden Zweifel belegten. Sie stellten die entscheidende Frage, auf die Jahrhunderte später der Philosoph Adorno die grundsätzliche Antwort in ei­nem einzigen simplen Satz formulierte: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Für solche Außenseiter ist Bedrängnis stets und zu allen Zeiten der Normal­fall. Auch, wenn sie gerade einmal nicht direkt verfolgt werden, werden sie doch missverstanden, belächelt, respektlos behandelt, verhöhnt, ausgegrenzt. Die Mehrheit - will heißen: der Mainstream - verfügt über genügend Mittel und Methoden, Minderheiten in Bedrängnis zu bringen und dort zu halten. Aber wissen wir überhaupt, wie sich Bedrängnis anfühlt, so lange wir nicht selbst in Bedrängnis geraten und die Hoffnung das Letzte ist, was bleibt?
Vielleicht genügt es, sich selbst einmal danach zu befragen, was einen be­drängt. Immer mehr Menschen leben ja in einem Zustand permanenten Unbe­hagens, nicht an der Kultur, wie Freud es seinerzeit ausdrückte, sondern am System, in dem wir leben, an dem, was der Fall ist. Bei mir z.B. drückt sich dieses Unbehagen u.a. darin aus, dass ich meinen Arbeitsalltag als zuneh­mend sinnentleert empfinde - das ist meine konkrete Bedrängnis. In „Die Kul­tur des neuen Kapitalismus“2 hat Richard Sennett die Beraterbranche, und gemeint sind die Unternehmensberater, einer eingehenden soziologischen Analyse unterzogen, die ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Hinzuzufü­gen wäre, dass die Branche der McKinseys, Bostons und Bergers zu denen mit dem größten Entfrem­dungspotenzial gehört. Das beginnt schon damit, dass kein normaler Mensch ver­steht, was Berater überhaupt machen, und wenn man es zu erklären versucht, fällt einem auf, dass man es selbst kaum versteht. Nach meiner Erfahrung werden Berater häufig von Verantwortungsträgern engagiert, die selbst nicht in der Lage oder nicht Willens sind, ihrer Verantwortung nach zu kommen. Angst vor den schwer absehbaren Folgen von Entscheidungen bei allgemein zunehmender Komplexität spielt dabei eine gewichtige Rolle. Hinzu kommt das Peter-Prinzip: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Und dann holt er sich eben Berater, die ihm sagen, was zu tun ist, und für ihn die Entscheidungen treffen. Dass der Berater ständig für andere denken muss, führt über die Jahre unweigerlich zur Entfremdung. Faktisch wird nichts mehr von dem, was man tut, als Eigenes empfunden. Im Gegenteil, zum Zwecke der prophylaktischen Seelenhygiene muss man sich schnellstens von den Produkten seiner Arbeit trennen. Irgendwann wird alles - im adornoschen Sinne - falsch.
Ist es Bedrängnis, die Entfremdung und das Falsche als so nicht mehr lebbar zu empfinden? Ich glaube schon. Natürlich ist sie nicht direkt vergleichbar mit der Bedrängnis des Johannes auf Patmos, die Zeiten sind andere. Auch mit den Nöten der meisten Menschen hat sie wenig zu tun. Und doch ist es meine ganz eigene Bedrängnis bzw., um Peter Rühmkorf zu zitieren: „Wenn ich mal richtig ICH sag, wieviele da wohl noch mitreden können?!“ Und Hoffnung? Ja, die gibt es, die Hoffnung, irgendwann wieder das richtige Leben im richtigen zu finden.
1Neue Genfer Übersetzung. Romanel-sur-Lausanne, 2009

Dienstag, 17. Januar 2012

Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo) von David Fincher


Es fällt nicht schwer, sich gedanklich auszumalen, wie David Fincher ins imaginäre Kopfkissen gebissen haben mag, als er vor drei Jahren - möglicherweise ja zufällig - die schwedische Erstverfilmung der Millenium-Trilogie gesehen hat. Die Romanvorlage wird er kaum gekannt haben, schließlich wurde Stieg Larsson selbst in Europa erst durch die Verfilmungen richtig populär. Klar ist jedoch: Millenium ist eindeutig Fincher-Stoff. Keinem Hollywood-Filmemacher scheint der Stoff mehr auf den Leib geschnitten zu sein, als dem Regisseur solcher Großtaten wie SevenThe Game oder Fight Club.
Schon nach wenigen Filmminuten, spätestens aber, wenn Blomkvist auf die Bibelzitate in Harriets Nachlass stößt, ahnt man, dass Fincher seinen Film nicht gedreht hat, um, wie verschiedentlich unterstellt wurde, aus rein geschäftlichen Interessen eine Version für den US-Markt zu schaffen, sondern er, David Fincher, wollte für sich seine Version von Verblendung. Und so ist denn der Film auch alles andere als kompatibel zum US-Markt, eher steht zu befürchten, dass er dort ein Kassenflop wird (lt. zelluloid.de sind es nach 4 Wochen 88 Mio. $ bei Produktionskosten von 90 Mio. $ ).
Finchers Verblendung ist in seiner Nähe zur Romanvorlage und seinem finsteren Realismus dann doch ein eher europäischer Film geworden und noch dazu ein politisch wohltuend inkorrekter. Statt Action gibt es rohe, stumpfe Alltagsgewalt. Und je länger die Geschichte dauert, desto mehr wird gequalmt. Die Mad Men lassen herzlich grüßen. Der kongeniale Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross, die schon für die Filmmusik zu The Social Network verantwortlich zeichneten, untermalt die Handlung mehr symbiotisch als symbolisch und drängt sich nie in den Vordergrund. Wer die schwedische Erstverfilmung kennt, wird Noomi Rapace in der Lisbeth-Rolle vermissen und sich anfangs schwer tun mit Rooney Mara. Doch Mara ist vielleicht sogar die bessere Besetzung, denn sie wirkt in ihrer psychischen und physischen Fragilität noch schutzloser als die robustere Rapace. Die Diskrepanz zwischen Innen und Außen wirkt bei ihr noch radikaler. Auch Daniel Craig und Stellan Skarsgard bieten eine herausragende Performance.
Das aufdringliche, von einem Immigrant-Song-Cover unterlegte Intro als Kreuzung aus Musikvideo und James-Bond-Vorspann ist sicher Geschmackssache, zumal es so gar nicht zum Film passt. Hommage an Craigs Bond-Figur? Insgesamt aber setzt Fincher die Geschichte straff in Szene, und gut zweieinhalb Stunden Verblendung bieten eine sehr gelungene Kombination aus Thrill und Tiefgang. Fortsetzung folgt?

Donnerstag, 5. Januar 2012

Wag the dog...


Welch ein Bild des Jammers. Christian Wulff möchte einem fast Leid tun, und irgendwie tut er es auch, wenn er da Herrn Deppendorf und der bissigen Frau Schausten, die man doch noch als TV-Azubine im ZDF-MoMa erinnert, gegenüber sitzt und sich müht, mit rühriger Demut und demonstrativer Empörung über den ach so rücksichtslosen Medienbetrieb seine Haut zu retten. Nach spätestens 5 Minuten dieser traurigen Demonstration offensichtlicher intellektueller Unfähigkeit und moralischer Ambivalenz fragt man sich, warum der Präsident sich dies überhaupt antut. Warum hat er nicht den Arsch in der Hose, die Sache öffentlich beim Namen zu nennen, aufzustehen und das Studio zu verlassen? Warum legt er sich erst mit der Bild-Zeitung an, wenn er, der sich doch wohl ehrlichen Herzens im Recht wähnt, nicht den Mumm hat, diese Auseinandersetzung bis zum Ende durchzuziehen? Es scheint, als hätte Herr Wulff wirklich nicht das nötige Format und vor allem nicht die innere Unabhängigkeit, die es braucht, sich einer solchen Auseinandersetzung offensiv zu stellen.
In der Affäre Wulff zeigt sich einmal mehr die intellektuelle und moralische Verwahrlosung eines Teils des politischen Spitzenpersonals und seiner medial Verbandelten – und das quer über alle etablierten Parteien und Interessengruppen. In einem Radio-Essay zur Bildungspolitik bezeichnete der Philosoph Bernhard Taureck die Gruppierungen, von denen hier die Rede ist, als Macht-Geld-Medien-Verbund1. Fast scheint es, als sei die Affäre zur exemplarischen Bestätigung der These vom Macht-Geld-Medien-Verbund aufgesetzt worden. Als niedersächsischer Ministerpräsident war Christian Wulff Teil des Macht-Geld-Medien-Verbunds und fühlte sich dort offenbar hinreichend geborgen und geschützt. Als Bundespräsident ist er wohl dem Wahn anheim gefallen, nun auf Seiten derer zu stehen, die über genügend Macht verfügen, um bestimmen zu können, was medial veranstaltet wird. Irgendwie anrührend: Herr Wulff legt sich mit der Bild-Zeitung an. Aus deren Sicht wedelt da der Schwanz mit dem Hund. Und das geht natürlich überhaupt nicht. Kanzler Schröder regierte nach eigenem Bekunden mit Bild, BamS und Glotze in der klaren Einsicht, dass in Deutschland auf keinen Fall gegen Bild, BamS und Glotze, sprich gegen den Macht-Geld-Medien-Verbund regiert werden kann. Zu dieser simplen Einsicht hat es bei Herrn Wulff nicht gereicht. Statt dessen erwartet er das Verständnis der vor den Fernsehgeräten versammelten Staatsbürgerschaft für sein Recht auf Privatsphäre, ein Recht, das er spätestens mit Umzug ins Schloss Bellevue de facto abgegeben hat. Es nun auf diese Weise gegen Bild zurück zu fordern, erscheint wahrlich naiv, von den vorherigen nicht öffentlichen Versuchen ganz abgesehen.
In seinem viel und gern zitierten Vortrag „Politik als Beruf“2 unterscheidet Max Weber „...zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt ´für´ die Politik, – oder aber: ´von´ der Politik.“ Es drängt sich der Eindruck auf, der aktuelle Bundespräsident gehöre zur zweiten Kategorie - wohl als erster in diesem Amt. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er einerseits einen Privatkredit zum Hauskauf aufnehmen musste und sich andererseits gerade deswegen so devot der öffentlichen Demontage aussetzt. Vielleicht hat Herr Wulff nichts anderes als sein aktuelles Amt. Im Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten3 lautet §1: „Scheidet der Bundespräsident mit Ablauf seiner Amtszeit oder vorher aus politischen oder gesundheitlichen Gründen aus seinem Amt aus, so erhält er einen Ehrensold in Höhe der Amtsbezüge mit Ausnahme der Aufwandsgelder.“ Demnach hätte Herr Wulff bei einem Rücktritt in Folge der laufenden Affäre keinen Anspruch. Ihm bliebe dann nur das Ruhegehalt als ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident. Er war 7 Jahre lang Ministerpräsident und hätte demnach Anspruch auf ein Ruhegehalt in Höhe von etwa 32,5 % des niedersächsischen Ministerpräsidentengehalts, das wiederum 127,4 % „des Grundgehalts der Besoldungsgruppe 10 der Besoldungsordnung B des Niedersächsischen Besoldungsgesetzes, zuzüglich des für diese Besoldungsgruppe geltenden Familienzuschlages“ beträgt.4 Auch ohne hier komplizierte Berechnungen zur Ermittlung von Versorgungsansprüchen zu vollführen, ist doch klar, dass sie beim Rücktritt vom Präsidentenamt um einiges geringer ausfallen als bei vollständiger Absolvierung der Amtszeit.
Wenn das der ganze Hintergrund des laufenden Schmierentheaters um Würde des Amtes, um Achtung der Privatsphäre und um Pressefreiheit ist, möchte man da nicht wirklich Mitleid mit Herrn Wulff haben?

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kain von Jose Saramago


Eine der merkwürdigsten und zugleich legendärsten  Gestalten des Alten Testaments ist Kain. Kain, der Ackerbauer, wird in Gen 4,1 als Adams und Evas Erstgebore­ner eingeführt. Weil der HERR Kains Opfer von den Früchten des Feldes nicht annahm und statt dessen das Lammopfer von Kains Bruder Abel bevorzugte, erschlug Kain seinen Bruder. Zur Strafe vertrieb der HERR den Kain von sei­nem Acker und verurteilte ihn zur unsteten Existenz eines Vogelfreien. Zu­gleich zeichnete ihn der HERR mit dem berühmten Kainsmal, das ihn vor ge­waltsamem Tod bewahren sollte. Kain zog gen Osten in das Land Nod, das Land des Wanderns, wo er heiratete, Kinder zeugte und eine Stadt mit dem Namen seines ersten Sohns Henoch gründete. Am Ende der Kain-Dynastie ste­hen dann Lamech und einige Stammväter diverser archaischer Berufsgrup­pen. Damit endet die biblische Geschichte von Kain und seinen Nachkommen ziemlich abrupt, denn im folgenden Gen 5 wird der Stammbaum von Adam an noch einmal aufgebaut. Nach dem Fiasko mit Kain und Abel wird ausgehend von Set der zweite Versuch unternommen, eine anständige Menschheit zu eta­blieren.
Diesen Kain nun hat Jose Saramago zum Titelhelden seines letzten Romans gemacht, um mit ihm und durch ihn furios mit Gott abzurechnen. Bei Saramago ist Kain der große Gegenspieler Gottes, der selbstbestimmte, emanzipierte Mensch. Kain kennt seinen HERRN und lernt ihn im Verlauf der Handlung im­mer besser kennen. Schon der Brudermord an Abel ist Vergeltung für die Gefall- und Eifersucht des HERRN. Da er Gott nicht töten kann, tötet Kain Gottes Liebling. Das Kalkül ist durchaus perfide: Außer Kain hat Gott nun keinen Enkel mehr, denn Set ist noch nicht geboren, zu mal der in diesem Er­zählstrang der Genesis gar nicht vorkommt. Gott kann Kain also nicht umbrin­gen, ohne sein Projekt in Frage zu stellen. Gottes Strafe ist Kains Ausschluss aus Gottes Volk. Kain wird zum ersten Homo Sacer, allerdings sichert ihm das so schlecht beleumundete Kainsmal den Schutz seines Großvaters.
Es folgt eine Wanderung durch Zeit und Raum. Station gemacht wird bei Li­lith, Verstoßene wie Kain selbst. Lilith, traditionell die Verkörperung des Dä­monischen im Weibe, ist bei Saramago das Urweib schlechthin, die Männer­fresserin, die Femme fatale, die Sexgöttin. Sie findet in Kain, dem Brudermörder, ihre wahre Be­stimmung. Ihr Mann Noah bleibt eine fast bedauernswerte Randfigur der Weltgeschichte und zeichnet sich lediglich dadurch aus, dass er vergeblich versucht, Kain umbringen zu lassen, später aber die Größe besitzt, seine Stadt nach Liliths und Kains Sohn Henoch zu benennen. Noah stirbt eines natürli­chen Todes. Am anderen Noah, dem Nachkommen seines Bruders Set, den er nie kennengelernt hat, wird Kain am Ende der Geschichte seine Rache an Gott zu Ende bringen.
Dazwischen wird Kain Augenzeuge und auch Protagonist der schändlichsten Untaten des HERRN an seinen Geschöpfen, die da wären: die angeordnete und glücklicherweise nicht vollzogene Tötung des eigenen Sohnes durch Abra­ham, die Zerstörung von Sodom und Gomorrha samt der unschuldigen Kinder, die allgemeine Sprachverwirrung wegen des Turmbaus zu Babel, das göttlich sanktionierte üble Spiel des Satan mit Ijob, die Eroberung Ka­naans unter Josua und die damit einhergehende Ausrottung der einheimi­schen Stämme, die Ermordung der 3000 Israeliten, die in Moses Abwesenheit den Baal angebetet hatten, schlussendlich die Sintflut. Dabei gelingen dem großen Erzähler Saramago eindringliche Schilderungen und bedenkenswerte anthropologische Exkurse. Zweifellos herausragend die Streitgespräche zwi­schen Kain und dem HERRN, die letzteren in der Regel als Verlierer sehen, bis auf das allerletzte, das bis heute anhält.
Der Kain Saramagos ist der ewige Rationalist und Aufklärer. Kain ist ungläu­big, weil er weiß, Gott straft die, die ihn anbeten, und tötet die, die ihn nicht anbeten, bis auf den einen, den er nicht töten kann, weil der ihn kennt. Kain hat sei­nen Bruder Abel getötet, weil er Gott nicht töten konnte. Er tötet danach nie wie­der, bis der HERR selbst ihm die Gelegenheit gibt, die letzten Menschen zu beseitigen, die naiv genug sind, Gottes Wort Vertrauen zu schenken. Am Ende der Geschichte sind Gott und Kain unter sich und tun das, was der HERR wohl von Anfang an am liebsten getan hätte (kleiner Seitenhieb in Richtung Benedikt XVI.): philosophische Streitgespräche führen, denn, das will Saramago wohl versöhnlich sagen, Gott braucht den Menschen als sein Ebenbild, nicht umgekehrt.

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag, in dem sich freie Menschen verpflichten, ...