Mittwoch, 15. April 2026

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht

Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag,
in dem sich freie Menschen verpflichten,
die Rechte und Freiheiten der Mitbürger zu achten.
Franklin D. Roosevelt

Auf einer relativ oberflächlichen, holzschnittartigen Betrachtungsebene unterschei­den sich Gemeinschaft und Gesellschaft zunächst in der grundsätzlichen Art der Be­ziehungen ihrer Mitglieder zueinander. Während es in einer Gemeinschaft Beziehun­gen der gegenseitigen Verpflichtung sind, die auf geteilten normativen Werten gleich welcher Art basieren, sind es in einer Gesellschaft solche des gegenseitigen Desinter­esses, das etwas beschönigend auch Toleranz genannt wird. Was dies praktisch be­deutet, ist leicht einzusehen, wenn man ganz plastisch Dorfgemeinschaft und Stadt­gesellschaft gegenüberstellt, die beide wohlbegründet mit den jeweiligen Begriffen belegt sind. Die Dorfgemeinschaft ist eine Gemeinschaft und funktioniert als solche, weil die Dorfbewohner sich kennen und weil sie grundsätzliche, gemeinsame Wert­vorstellungen und Interessen im Hinblick auf ihr Dorf, seine Geschichte, seine Ge­genwart und seine Zukunft teilen. Die Gesellschaft der Stadt hingegen ist eine solche und funktioniert als solche, gerade weil die Stadtbewohner sich in gegenseitiger An­onymität begegnen, weil sie nicht zusammen kommen, sondern sich nach Möglich­keit aus dem Weg gehen, weil es sie in erster Näherung nicht interessiert, was die an­deren Bewohner tun und lassen, welchen Werten sie verpflichtet sind, welche Inter­essen sie haben usw. usf. Dass auch in der Stadtgesellschaft Gemeinschaften ver­schiedenster Art – Gesinnungsgemeinschaften, Interessengemeinschaften, Zweckge­meinschaften u. d. m. – anzutreffen sind, widerspricht diesem Befund keineswegs.

Mein Ausgangspunkt war die Frage, wie sich soziale Beziehungen gestalten könnten, wenn infolge andauernder kleinerer oder größerer Krisen des kapitalistischen Wirt­schaftssystems staatliche Ordnungsstrukturen zusammenbrechen. Wenn staatliche Institutionen zusammenbrechen, verschwindet die soziale Ordnung nicht einfach, sondern es treten neue, oft informelle und dezentrale soziale Strukturen an ihre Stel­le. Die Beschaffenheit dieser neuen Strukturen hängt stark von der vorherigen sozia­len Kohäsion und dem Ausmaß der Gewalt ab. Im positiven Fall könnte der Wegfall des staatlichen Gewaltmonopols und der zentralen Verwaltung zu einer Dezentrali­sierung von Macht und Entscheidungsstrukturen führen, sodass lokale Gemeinschaf­ten, etwa Dörfer, Stadtviertel oder Nachbarschaften zu primären Bezugspunkten werden. Hier könnten gruppenförmige Selbsthilfe- und Selbstverwaltungsstrukturen als „Überlebensgemeinschaften“ entstehen, die sich der Organisation grundlegender Dienste wie Wasser, Nahrungsmittelverteilung und physischem Schutz annehmen. Es könnten auch eher traditionelle Strukturen wiederaufleben, in denen historische oder traditionelle Autoritäten (Clan-Älteste, Stammesführer, religiöse Führer) wieder an Einfluss gewinnen und die Aufrechterhaltung der Ordnung sowie die Konfliktlö­sung, basierend auf überlieferten Normen, übernehmen. Eine dritte denkbare Mög­lichkeit könnte darin bestehen, dass externe Akteure, wie NGOs oder internationale Hilfsorganisationen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Bildung und humani­täre Hilfe die Funktionen der zusammengebrochenen Bürokratie temporär überneh­men oder unterstützen.

Nicht unwahrscheinlich sind jedoch auch „Mad-Max-Szenarien“, in denen das durch den Zusammenbruch staatlicher Strukturen entstehende Machtvakuum von bewaff­neten Milizen, Warlords oder der organisierten Kriminalität gefüllt wird. Die genann­ten Akteure verfügen offensichtlich über materielle und personelle Ressourcen zur Übernahme des Gewaltmonopols in den jeweils von ihnen kontrollierten Territorien, das sie dann bspw. zur Besteuerung der Bevölkerung, zum Aufbau von Wirtschafts­strukturen (Handel, Schutzgelderpressung) oder zur Herstellung erzwungener Ord­nungsstrukturen ausnutzen können. Aktuelle Ereignisse in Afrika und Lateinamerika könnten als Beleg dafür dienen, dass „Mad-Max-Szenarien“ die wahrscheinlichere Variante sind, und es stellt sich die Frage, wie dem begegnet werden kann.

Wir leben in einem hochentwickelten kapitalistischen und (nach bürgerlichen Maß­stäben) demokratisch verfassten Industrieland. Ich halte es für wünschenswert, dass hierzulande auch nach einem etwaigen Zusammenbruch staatlicher Ordnungsstruk­turen demokratische Verfahrensweisen grundsätzlich erhalten blieben, dass also die oben skizzierten und offensichtlich zu präferierenden Überlebensgemeinschaften auf lokaler oder regionaler Ebene nicht nur wirksam gebildet werden und funktionie­ren, sondern auch demokratisch verfasst sind. Das setzt aber voraus, dass die betrof­fenen Menschen auch geistig-moralisch darauf vorbereitet sind. Allenthalben wird je­doch eine fortschreitende Erosion der liberalen Demokratie beklagt, Autoritarismus breitet sich aus, das Vertrauen der Bevölkerung in das Funktionieren staatlicher und demokratischer Institutionen sinkt, deren Problemlösungskompetenz wird zuneh­mend bestritten. Das kann nur jene wirklich verwundern, die ernsthaft daran ge­glaubt haben, dass sich liberale Demokratie und Kapitalismus harmonisieren lassen. Der umfassende Trend hin zu einem autoritären Kapitalismus (Frank Deppe) zeich­nete sich spätestens seit Trumps erster Amtszeit und dem Aufstieg der Techmilliar­dä­re aus dem Silicon Valley ab. Es muss nicht betont werden, dass dies denkbar schlech­te Voraussetzungen sind.

Wie im ersten Teil dieser Aufsatzreihe betont, soll versucht werden, durch Rückgriff auf pragmatistische Ideen Lösungsansätze zu finden. Das sind zum einen die Idee der experimentellen Demokratie des US-amerikanischen Philosophen John Dewey und zum anderen die Idee der Demokratie als reflexiver Kooperation des deutschen Sozi­alphilosophen Axel Honneth.

Demokratischer Experimentalismus

Für den amerikanischen Pragmatisten John Dewey ist Demokratie weit mehr als die Mechanismen von Wahlen, Mehrheitsentscheidungen und repräsentati­ven Institutionen. Er kritisiert das liberale Modell, das Demokratie auf eine politische Maschinerie reduziert. Statt dessen definiert Dewey Demokratie primär als eine "Form des Zusammenlebens, der gemeinsam und miteinander geteilten Erfahrung". Sie ist eine soziale Idee und eine ethische Lebensform, die darauf abzielt, die mensch­liche Gemeinschaft zu maximieren und die individuelle Entfaltung zu fördern. Seine Ansichten hat Dewey 1927 in seinem Essay „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“1 dargelegt.

Kernmerkmale seines Demokratieverständnisse sind:

  1. Alle Gruppen und Individuen sollen ihre Erfahrungen austauschen und in das gemeinsame Handeln einbringen können.

  2. Demokratie erfordert eine Kultur der offenen und ungehinderten Kommunika­tion, in der Argumente statt bloße Macht zählen.

Der Begriff der experimentellen Demokratie rührt daher, dass Dewey die demokrati­sche Gesellschaft als einen fortlaufenden Forschungsprozess oder ein soziales Experi­ment versteht. Das bedeutet, dass für ihn politische und soziale Probleme mit wissen­schaftlichen Herausforderungen vergleichbar sind. Die Gemeinschaft (sic!) muss Hy­pothesen (politische Maßnahmen) aufstellen, diese in der Praxis erproben, die Kon­sequenzen beobachten und die Hypothesen bei Misserfolg korrigieren. Dewey versteht Demokratie als reflexive Kooperation. Sie lebt von der ständigen Bereitschaft der Bürger, die eigenen Überzeugungen, Institutionen und Praktiken kritisch zu hin­terfragen und anzupassen. Die Wahrheit einer politischen Entscheidung zeigt sich in ihren konkreten Auswirkungen auf das Leben der Bürger, mithin in deren Lebenspra­xis. Eine solche experimentelle Demokratie erfordert eine informierte und kompeten­te Öffentlichkeit sowie ein Bildungssystem, das auf die aktive Einübung demokrati­scher Praktiken und auf die Entwicklung von Problemlösungskompetenz ausgerichtet ist. Auf dem Grund dieses radikalen Demokratieverständnisses liegt die Idee umfas­sender gesellschaftlicher Selbstorganisation.

Dewey vertritt hier bereits eine Position, die Jahrzehnte später als Kommunitarismus bekannt werden soll. Sein Ideal einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist die Große Gemeinschaft, die nur erreicht werden kann, wenn auf lokaler und regionaler Ebene Gemeinschaftlichkeit gelebt und erfahren wird, wenn, modern gesprochen, Menschen Selbstwirksamkeit erleben. Im vorliegenden Kontext heißt das, wo staatli­che Medien und Strukturen wegfallen, muss eine neue Öffentlichkeit über freien und ehrlichen Austausch von Erfahrungen entstehen. Die Demokratie wird dann wieder zu dem, was Dewey forderte - eine Gemeinschaft geteilter Erfahrung. Die Qualität der neuen Ordnung hängt von der Qualität der Kommunikation und der Fähigkeit der Menschen ab, die Konsequenzen ihres Handelns zu erkennen. Wo Gesetze und Ge­waltmonopol wegfallen, ist das Gelingen auf die vorpolitischen Tugenden Gewaltver­zicht, Zivilität, Fairness, Toleranz und Solidarität angewiesen.

Interessant ist, dass Dewey auch die Idee eines demokratischen Sozialismus vertritt, in dem seine experimentelle Demokratie erst wirklich wirksam werden kann. Er ar­gumentiert, dass eine wahre Demokratie nicht existieren kann, wenn die wesentli­chen Lebensbedingungen (die Produktionsmittel und die Wirtschaft) von einer klei­nen Elite kontrolliert werden. Sein Ziel ist die Demokratisierung der Industrie und die Vergesellschaftung (nicht notwendigerweise Verstaatlichung) von Banken, Infra­struktur und Großindustrie, um allen Individuen die Chancen zur Partizipation und Selbstverwirklichung zu eröffnen, die durch den ungezügelten Kapitalismus blockiert werden. Das wesentliche Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist für ihn die Methode der experimentellen Demokratie.

Demokratie als reflexive Kooperation

An diese Überlegungen John Deweys knüpft Axel Honneth u. a. in seinem Buch „Die Idee des Sozialismus“2 an. Honneth kritisiert, dass viele moderne Demokratie-
theori­en (insbesondere die des Liberalismus) sich zu stark auf die formalen Verfahren der Entscheidungsfindung konzentrieren (z.B. Wahlen, Gesetze) und die soziale Veranke­rung der Demokratie vernachlässigen. Deweys Idee der Demokratie als Lebensform bietet für Honneth den notwendigen normativen Gegenpol, um die Demokratie jen­seits des reinen Staatsapparates zu verorten.

Bekannt geworden ist Honneth durch sein zentrales Konzept des Kampfs um Aner­kennung als moralischer Grammatik sozialer Konflikte. Dieses verbindet er mit
De­weys Idee der experimentellen Demokratie. Nach Honneth sind Fähigkeit und Bereit­schaft zur demokratischen Beteiligung und zur reflexiven Kooperation (im Sinne De­weys) entscheidend davon abhängig, ob die Bürger in ihren sozialen Lebensbereichen – insbesondere in der Arbeitswelt – Anerkennung erfahren. In seinem Buch „Der ar­beitende Souverän“3 argumentiert Honneth, dass die demokratische Willensbildung nicht funktionieren kann, wenn die Mehrheit der Bürger, die als Arbeitende den ge­sellschaftlichen Wohlstand tragen, in ihrer Arbeit Missachtung oder mangelnde Wertschätzung erfährt. Soziale Missachtung in der Arbeitswelt (z.B. geringe Autono­mie, fehlende Wertschätzung der Tätigkeit) führt zu einem Verlust an Selbstachtung und Selbstvertrauen, was die Bürger von der aktiven demokratischen Teilhabe ent­fremdet und sie unfähig macht, als gleichberechtigte Partner am "Experiment" teilzu­nehmen. Aus dieser Perspektive wird die Demokratisierung der Arbeit zu einer not­wendigen Bedingung für eine funktionierende experimentelle Demokratie. Honneth fordert, dass die Arbeitsverhältnisse so umgestaltet werden müssen, dass sie den Be­schäftigten die Fähigkeiten, Ressourcen und Gewohnheiten vermitteln, die für die Teilnahme am demokratischen Prozess erforderlich sind (z.B. Kooperation, Konflikt­lösung, Urteilsbildung). Dies bedeutet, die Sphäre der Arbeit selbst zu einem Ort der reflexiven Kooperation und des demokratischen Lernens zu machen.

Die experimentelle Demokratie ist in dieser kombinierten Sichtweise ein gesellschaft­licher Dauerzustand des lernenden und anpassenden Handelns, der nur gelingen kann, wenn die Bürger die soziale und moralische Fähigkeit zur gleichberechtigten und kritischen Teilhabe besitzen. Honneths Beitrag liegt darin, diese Fähigkeit in den Kontext der Anerkennung und der sozialen Gerechtigkeit zu stellen und damit auf die fundamentalen Ungleichheiten in modernen Gesellschaften aufmerksam zu machen, die das demokratische Experiment behindern.

Für Honneth wie für Dewey ist die experimentelle Demokratie nicht einfach eine de­mokratische Form des Sozialismus, sondern die Methode, mit der die normativen Ziele des demokratischen Sozialismus (Gleichheit, Vergesellschaftung, Emanzipation aller) auf eine pragmatische, nicht-dogmatische und lernfähige Weise verfolgt werden können. Sie ersetzt ideologische Blaupausen durch kollektives Testen und reflexive Korrektur in der sozialen und wirtschaftlichen Praxis.

Mit der Rückbesinnung auf Deweys Idee der Gesellschaft als demokratischer und selbstorganisierter Experimentiergemeinschaft ließen sich, ihre praktische Umset­zung vorausgesetzt, die wirtschaftlichen, politischen und auch geistig-moralischen Voraussetzungen für die eingangs thematisierten Überlebensgemeinschaften schaf­fen. Wie diese sowie die Überlegungen der vorangegangenen Teile der Aufsatzreihe in den Krisenszenarien wirksam werden könnten, wird im abschließenden Teil 6 thematisiert.

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1 John Dewey. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Suhrkamp, 2024

2 Axel Honneth. Die Idee des Sozialismus. Suhrkamp, 2017

3 Axel Honneth. Der arbeitende Souverän. Suhrkamp, 2023

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