Donnerstag, 28. Februar 2013

Das Glück dieser Erde...


Das Pferdefleisch, mit dem unsere gute Discountertiefkühlfertignahrung veredelt wurde, stammt also aus Rumänien. Dort wurde vor sechs Jahren der Gebrauch von Pferdekut­schen im öffentlichen Straßenverkehr verboten. Abgesehen davon, dass es mir merkwürdig erscheint, dass die Lebensmittelpanscherei in einem kausalen Zusammenhang mit einer Jahre zurück liegenden Änderung der rumänischen Straßenverordnung stehen sollte, hat mich diese Meldung doch etwas nachdenklich gestimmt. Ich musste unwillkürlich an meine Kindheit denken, in der Pferdegespanne im Straßenverkehr ganz und gar nichts Ungewöhnli­ches waren. Ich bin aufgewachsen am äußersten Stadtrand, in unmittelbarer Nähe von landwirtschaftlichen Genossenschaften (LPG) und Fuhrunternehmen, von denen Pfer­de neben Traktoren und LKW ganz selbstverständlich als Zugmittel genutzt wurden. Das war in den 1960/70er Jahren. Mein Vater mietete im Spätsommer stets ein Gespann, um die Massen an Birnen und Äpfeln zur staatlichen Obst- und Gemüse-Aufkaufstelle zu transportieren. Der Großvater auf dem zwei Kilometer entfernten Dorf, der einen kleinen Kartoffelacker gepachtet hatte, transportierte die Ernte ebenfalls mittels Pferdege­spann vom Feld in den heimischen Keller. 1972 ritt ich während der Kartoffelernte bei Bauer Ullrich erst- und auch bislang einmalig auf einem Kaltblüter. Direkt gegenüber der Schule hatte Stellmacher Lenze Haus und Hof, wo er sowohl LKW-Pritschen als auch Pfer­dewagen baute und reparierte. Bewaffnet mit Eimer und Schaufel, zog manch Kleingärtner durch die Straßen, um wertvolle Pferdeäpfel zu sammeln. Selbst mitten in der Stadt traf man zuweilen auf die von den sprichwörtlichen Brauereipferden gezogenen Bierwagen. Ir­gendwann gegen Ende der 1970er verschwanden die Pferde dann aus dem Straßenbild. Of­fenbar wurden sie als Arbeitstiere nicht mehr gebraucht. Von den Routen der Brauereige­spanne quer durch die Stadt künden nur noch ein paar Straßennamen, die auf „Bierweg“ enden.
In den 1990er Jahren tauchten die Pferde wieder auf - nun als Reittiere für junge, meist blonde Mädchen. Die LPG war geschlossen worden, und das Gelände, auf dem vormals Ställe und Silos standen, wird seit dem als Reiterhof genutzt. Pferde, leibhaftige Pferde be­gegnen mir nur noch beim Joggen oder Mountainbiken durch die Stadtrandpampa. Daran ändern auch weder Zirkus- oder Volksfestponys noch Hochzeitskutschpferde etwas und auch nicht die Rennpferde, die von ihren Eignern und den kleinwüchsigen Jockeys an manchen Wochenenden über die hiesige Galopprennbahn getrieben werden. Im Gegenteil, dies bestätigt lediglich meinen Eindruck: Das Pferd, wie es einst war, gibt es nicht mehr.
Das Pferd wurde, zumindest in hiesigen Breiten, zum Sportgerät gemacht und wird, wie man weiß, auch genauso behandelt, will heißen verbessert, optimiert und gelegentlich mit unerlaubten physischen oder chemischen Mitteln zurecht gebogen. Es unterscheidet sich damit wenig von anderen Fortbewegungsmitteln wie Fahrrädern, Automobilen und ja auch von uns selbst, auch wenn die drei letztgenannten daneben noch andere Arbeiten zu ver­richten haben. In EU-Europa hat man sich nun des Pferdes als billigem Fleischlieferanten bedient. Es wäre ein Leichtes, dies als Ergebnis rein mafiöser Unternehmungen abzutun, wenn sich nicht im Umgang mit Fleisch, im Umgang mit Tieren und damit im Umgang mit uns selbst - zum wievielten Male eigentlich? - unsere ganze physische und ethische Degradation zeigen würde. Das einst verehrte Ross – der Bu­kephalos des Alexander, die Rosinante des Don Quijote, der Marengo des Napoleon und nicht zuletzt das geflügelte Dichterpferd Pegasus, sie sind schließlich ebenso Teil unserer Kulturgeschichte wie ihre Reiter, und ihnen gebührt Respekt.
Das industrielle Zeitalter mit seiner Mechanisierung und Elektrifizierung aller Lebensbe­reiche und mehr noch die postindustrielle Beliebigkeit, die sich u.a. darin ausdrückt, dass wir nicht nur nicht mehr wissen, was wie woher kommt, gleich ob T-Shirt, Smartphone oder Köttbullar, sondern uns dies recht eigentlich auch völlig gleichgültig ist, denn wir ha­ben verinnerlicht, dass es denen, die uns ihre Waren anbieten, mindestens genauso gleichgül­tig ist, sie haben zu solcher Abstumpfung geführt, ja bedingen diese Abstumpfung gerade­zu, weil wir, und das eben ist das Postindustrielle, nur noch als kritiklose Konsumenten von irgendeiner Bedeutung sind, während unsere Bedeutung als Produzenten der zu kon­sumierenden Produkte gegen Null geht, nicht anders als der Wert von Pferd und Rind und Schwein und Huhn.
Nun wird man fragen mögen, was dieses Lamento soll. Vielleicht ist es schlicht die nostal­gische Erinnerung an eine Zeit, in der Werte irgendwie werthaltiger waren und die Men­schen und die Tiere und die Dinge bedeutend – ganz unabhängig von ihrer unmittelbaren Verwertbarkeit. Ich habe Tiere nie wirklich gemocht, dennoch bedaure ich sie.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Nur Politzirkus?


Von seiner wahlkämpferischen Kommandohöhe hat Generalbundeskavallerieinspekteur Stein­brück in unnachahmlicher Manier wieder einmal verbal zugeschlagen. Auf einer Wahlkampfver­anstaltung betitelte er die beiden italienischen Politdarsteller Beppe Grillo und Silvio Ber­lusconi als Clowns. Daraufhin sagte Italiens Staatspräsident Napolitano, selbst Sozialde­mokrat und ehedem gar Kommunist, ein geplantes Treffen mit Steinbrück kurzerhand ab. Im heutigen Deutschlandfunkkommentar meinte der von mir sehr geschätzte Rainer Burchardt, bis 2006 Chefredakteur dieses Senders, dass, obwohl Steinbrücks Einlassung si­cher keine politische Glanzleistung gewesen sei, Napolitano so nicht hätte reagieren müs­sen. Die deutsch-italienische atmosphärische Störung hätte wohl auch bei dem geplanten Essen ausgeräumt werden können. Und überhaupt wären ja wohl politischer Klartext und gelegentliches Schienbeintreten á la Stein­brück um Einiges besser als die permanenten Verwandlungs­kunststücke unserer Kanzle­rin.
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber mir ist irgendwie unwohl bei dem Gedanken, diesen Vorfall einfach auf sich beruhen zu lassen und mit ein paar freundlichen Worten der Art „nicht so gemeint“ abzutun. Mir kam nämlich spontan Folgendes in den Sinn: 2003 anempfahl Silvio Berlusconi dem sozialdemokratischen Europa-Abgeordneten Martin Schulz, inzwischen ja Präsident des EU-Parlaments, im Rahmen einer scharf geführten Debatte in selbigem EU-Parlament, die Rolle des Kapo in einem italienischen KZ-Film zu überneh­men. 1999 bereits erhielt der italienische Regisseur und Schauspieler Roberto Benigni einen Oscar für seinen Film La vita è bella (dt. Das Leben ist schön), in dem er einen Mann spielt, der auf sehr clowneske Art versucht, seinem Sohn das Überleben im KZ (Bergen-Belsen) erträglich zu machen. Für mich fügt sich hier etwas zusammen.
Klare Kante hin oder her, aber auch 68 Jahre nach Ende des Krieges gibt es Be- und Empfindlichkeiten, die man nicht unbedingt herausfordern muss. Kann schon sein, dass ich völlig daneben liege mit meinen Assoziationen und Giorgio Napolitano an so etwas überhaupt keinen Gedanken verschwendet hat. Das ändert aber nichts an der generellen Tatsachenfeststellung, dass unsere Politikerkaste, gleich welcher Farbschattierung, sich mittlerweile, und das wiederum scheint mir eher ein Nach-Schröder/Fischer- und somit ein Generationen-Phänomen zu sein, durch einen hohen Grad an Geschichtsvergessenheit, kultureller Ignoranz und Empathielosigkeit auszeichnet, womit sie i.Ü. bestens zur Mehrheit der Bürger passt, die sie repräsentieren soll.

Montag, 28. Januar 2013

Was erlauben Merkel?


Zum wiederholten Mal haben internationale Finanzkoryphäen den Sparkurs der deutschen Bun­desregierung kritisiert. Im Vorfeld und während des gerade abgehaltenen, Weltwirt­schaftsgipfel genannten Tref­fens der Willi und Waltraud Wichtigs dieses Planeten in Davos waren es einmal mehr IWF, Weltbank und OECD, die, wie Michael Krätke im Freitag kom­mentierte, Kanzlerin Merkel dazu rieten, sich von der Austeritätspolitik der vergange­nen Jahre zu verabschieden.
Ich bin weder Finanz- noch Volkswirtschaftler und habe keinen blassen Schimmer, welche Politik die richtige oder zumindest richtigere sein könnte. Allerdings frage ich mich seit längerem, was die Kanzlerin eigentlich erreichen will. Augenscheinlich ist ihren Äußerun­gen und Handlungen keine wirkliche Langzeitstrategie in Bezug auf die Finanz- und Schul­denkrise zu entnehmen; sie selbst sprach ja vom Fahren auf Sicht. Und da sie ebenso we­der Finanz- noch Volkswirtschaftlerin ist, steht zu vermuten, dass auch sie im Grunde ge­nommen kei­nen blassen Schimmer hat. Was ich mir aber nicht vorstellen kann, ist, dass Frau Merkel keine Strategie hat, dass sie nur auf simplen Hausfrauenprinzipien herumrei­tet und dabei von Gipfel zu Gipfel torkelt, wie es manches Mal den Anschein haben könnte. Sie ist ganz ge­wiss nicht so unbedarft, wie sie zuweilen daher redet. Wie auch andere Beob­achter vermute ich vielmehr, dass sie sehr wohl über eine Strategie verfügt, der aber eben keine fi­nanz- oder volkswirtschaftlichen Überlegungen zu Grunde liegen, sondern das rationale Kalkül der ma­thematisch und logisch geschulten Naturwissenschaftlerin. Und das ist wo­möglich recht einfach.
Rekapitulieren wir erst ein mal kurz den Stand der Dinge, wie ich ihn verstanden zu haben glaube. (Sollte ich dabei zu viel Banales von mir geben, möge man mir bitte verzeihen.) Die 2008 ausgebrochene Finanzkrise hatte zur Ursache den teilweisen Zusammen­bruch des Spekulationscasinos in den USA, Europa und Japan, das wiederum nur entstehen konnte, weil die Politik seit den 1970er Jahren die regulativen Mechanismen der Steuer- und Fi­nanzpolitik sukzessive gelockert hatte. Diese Lockerung sollte ursprünglich sicher die Ka­pitalflüsse zwischen Finanz- und Realwirtschaft erleichtern, um so letzterer risiko­reiche Investitionen in innovative und beschäftigungswirksame Wirtschaftszweige zu erleich­tern. Das gelang auch eine Zeit lang bis zum Platzen der New-Economy-Blase eingangs des 21. Jahrhunderts. Daraufhin wurden staatlicherseits die Regularien weiter gelockert, was al­lerdings nicht die gewünschten Folgen hatte, sondern statt dessen dazu führte, dass das in­folge der umfangreichen Produktionsverlagerungen in Schwellen- und Entwicklungslän­der schnell akkumulierte und nun frei flottierende Kapital sein Heil in der Spe­kulation suchte.
An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Exkurs zu Merkels Kritikern in IWF und Weltbank. Gerade IWF und Weltbank waren in den 1980er und 90er Jahren die Protagonisten der Kapitalanlage in jenen Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie initiierten und förderten große, kreditfinanzierte Entwicklungsprojekte, koppelten die Kreditvergabe an sozialpolitis­che Auflagen und trieben einige dieser Länder in den finanziellen Ruin. Erin­nert sei an Argentinien, dass sich aus der Schuldenfalle nur durch die Staatsbankrotterklä­rung über Nacht und den vollständigen Haircut hatte befreien können. Wer sich diese unrühmliche Geschichte noch einmal vergegenwärtigen möchte, sollte sich den Dokumen­tarfilm „Let´s make money“ ansehen.
Doch zurück zur Spekulation. Nach dem New-Economy-Crash wurde nun am Immobilien­markt spekuliert, der in den USA oder in Spanien staatlicherseits auch noch steuerlich ge­fördert wurde, ebenso am Rohstoffmarkt, wo dem wiederum staatliche Maßnahmen zur Förderung der erneuerbaren Energiegewinnung (Biosprit) entgegen kamen, sowie am Fi­nanzmarkt selbst. Am Finanzmarkt wurde natürlich schon länger spekuliert, z.B. auf Wechselkursschwankungen mit z.T. desaströsen Auswirkungen. Mit der Euroeinführung 2002 eröffne­te sich eine neue große Spielwiese – die Staatsverschuldung. In der Eurozo­ne konnte es nun logischerweise keine Wechselkursschwankungen mehr geben, und die Staaten selbst konnten auch nicht mehr mit Ab- oder Aufwertungen ihrer Währungen auf ökonomische oder soziale Entwicklungen reagieren, denn dank deutscher Definitionsho­heit sollte es oberste Aufgabe der neuen Europäischen Zentralbank werden, den Geldwert stabil zu hal­ten, also einerseits die Inflationsrate auf ein, seitens der Politik (sic!) vorgege­benes Maß zu be­schränken (german angst!) und andererseits für einen stabilen Wechsel­kurs zum Dol­lar zu sorgen. Währungsspekulationen gegen den Euro sind wegen der schie­ren Größe des Euroraums kaum möglich. Aber, in Abwandlung eines Satzes aus Jurassic Park, könnte man sa­gen: Das Geld findet immer einen Weg.
Gleiche Währung bedeutet keineswegs gleiche ökonomische Entwicklung, wie wir Ostdeutschen nur zu gut wissen. Die Unterschiede in der ökonomischen Entwicklung der einzelnen Euroländer wirken sich aus in unterschiedlichen Zinsniveaus beim staatlichen Schuldenmachen am privaten Kapitalmarkt. Die Ratingagenturen bewerten die Kreditwür­digkeit eines Staates anhand seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und de­ren Ent­wicklungsperspektiven. Das jeweilige Rating bestimmt dann das Zinsniveau. Sowohl der Me­chanismus der staatlichen Kreditaufnahme am privaten Kapitalmarkt als auch die Rolle der Ratingagenturen bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit wurden bei der Euroeinfüh­rung genau so festgelegt. Dies sollte wohl der Disziplinierung von Eurostaaten mit lascher Fiskalpolitik dienen. Statt dessen sind die Zinssätze für die Staatsverschuldung samt den daraus abgeleiteten Derivaten (z.B. Kreditausfall­versicherungen) zum weltweiten Spekulati­onsobjekt geworden. Die Folgen sind bekannt.
Ich glaube, dass es das Ziel von Frau Merkel ist, die absolute Unabhängigkeit der Eurozo­ne von den bösen Finanzmärkten zu erreichen. Dazu müsste die Gesamtverschuldung der Staaten nahezu komplett abgebaut werden. Erster Schritt in diese Richtung ist, die Neu­verschuldung auf Null zu fahren, was in der Bundesrepublik seit einigen Jahren mehr oder weniger erfolgreich versucht wird. Voraussetzung dafür ist offensichtlich, dass die Steuer­einnahmen des Staates schneller wachsen als seine Ausgaben oder, bei stagnierender bzw. schrumpfender Wirtschaft, die Staatsausgaben entsprechend sinken. Das erste Modell wird seit einigen Jahren bei uns praktiziert, das zweite aktuell in Griechenland, Spanien und Italien. Das Kalkül ist ganz einfach: Wenn wir diese Banken, Hedgefonds und sonsti­gen Finanzhaie offenbar nicht gebändigt bekommen, jedenfalls weltweit nicht, ohne unser System signifikant anzutasten, dann sollen sie doch verhungern in ihrem Casino. Oder sollen sie doch weiter spielen, aber ohne unser Geld.
Wie jeder Mensch, trägt auch jeder Politiker sein spezielles persönliches oder auch Genera­tionentrauma mit sich herum, das sich in seiner Politik niederschlägt. Bei Helmut Kohl war es die politische Unzulänglichkeit sowohl persönlich als auch auch bezogen auf ganz Deutschland. Deshalb vielleicht hat ihn Mitterand damals beim Euro so schön in die Pfan­ne hauen können. Bei Gerhard Schröder war es die soziale Unzulänglichkeit, die ihn dazu trieb, sich als Politmacho und Haudrauf zu gerieren. Bei Angela Merkel ist es wo­möglich die ökonomische Unzulänglichkeit, die den traumatischen Untergrund der politi­schen Ent­scheidungen dieser Ostfrau meiner Generation bildet.
Bei einem nationalen Schuldenstand von 1,9 Billionen Euro scheint das Ziel des komplet­ten Schuldenabbaus selbst lang­fristig außerhalb jeglicher Reichweite, jedenfalls nicht, wenn man das erste Abbauszenario zu Grunde legt, das der höheren Steuereinnahmen. Das weiß auch Merkel, deshalb drängt sie aufs Sparen und Kürzen, egal ob in Griechenland oder hier daheim. Darin jetzt nur die persönliche Passion einer asketisch erzogenen ostelbischen Pfarrerstochter zu sehen, wäre sicher zu klischeebehaftet. Ich traue ihr durchaus zu, verstanden zu haben, dass wir dabei sind, die Grenzen des Wachstums zu erreichen und somit um Rückbau nicht herum kommen werden. Da Geld praktisch nichts wert ist, wäre es sicher ein Leichtes, gemeinsam mit Mario Draghi die Eurozone mit Geld zu zu scheißen, wie einst Hafferloher; nur würde uns das nicht retten. Uns Lebende vielleicht schon, nicht aber Europa und nicht das System.
Mir scheint, Angela Merkel möchte in die Geschichte eingehen - nicht als Retterin des Eu­ros oder Retterin Europas, sondern als Retterin des Systems durch Rückbau, als die Politi­kerin die den Turnaround eingeleitet hat. Denn, machen wir uns nichts vor, Deutschland ist kein Vorbild für Griechenland, umgekehrt soll ein Schuh draus werden. Und während Obama in den USA immer noch oder schon wieder auf Wachstum und Expansion setzt, kalkuliert Merkel ganz rational, dass es tendenziell bergab geht, ja bergab gehen muss, weshalb ihr Verzicht als einzig praktikable Alternative erscheint. Nur zur Klarstellung: Es geht dabei um Wohlstandsverzicht und kei­neswegs um Verzicht auf Wirtschaftswachstum, von dem wir, wie Schröders Agendapolitik (und deren Fortsetzung unter Merkel) gezeigt hat, eh nichts hätten.
Die Gefahr besteht m.E. darin, dass recht eigentlich nichts zu retten ist, und Frau Merkel hier eher in eine kryptostalinistische Attitüde verfällt: Wenn die Theorie nicht zu den Fakten passt, muss man eben die Fakten ändern.

Kinderwörter


Im Anschluss an die Ankündigung des Thienemann Verlags, Änderungen am Text von Ort­fried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“ vorzunehmen und dabei das Wort Neger zu ersetzen, ist eine bundesweite Diskussion entbrannt, in der die Gegner dieses Vorgehens als selbsternannte Verteidiger von Authentizität und Werktreue selbst vor Zensurunter­stellungen in Richtung des Verlags nicht zurückschrecken. Das verwundert.
Mit dem Satz: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ hat Witt­genstein in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ ein grundlegendes Axiom jeglicher nachfolgenden Sprachwissenschaft formuliert. Gebrauch in der Sprache, nicht in der Lite­ratur. Das ist ein entscheidender Unterschied, denn Sprache ist, anders als Literatur, vor­nehmlich gesprochene Sprache. Der Leser von Literatur erschließt die Bedeutung der Sätze und Wörter eines literarischen Werkes nicht anhand eines dem Werk beigefügten Thesau­rus, sondern bringt sie gewissermaßen zur Lektüre bereits mit, was nicht ausschließt, dass er während der Lektüre ggf. Umdeutungen vornehmen muss. Die gesprochene Sprache, die Alltagssprache, die Umgangssprache gehen der literarischen Werksprache voraus und bestimmen erstinstanzlich deren Interpretation.
Wenn nun ein literarisches Wort in der Sprache nicht mehr in Gebrauch ist oder sich sein Gebrauch in der Sprache über die Jahre seit der Werkentstehung gravierend verändert hat, sieht sich der Leser, falls er nicht über den nötigen historisch-kritischen Sachverstand verfügt, ge­zwungen, zu Duden oder Wörterbuch (gerne auch online) zu greifen, was die Lektüre nicht unbedingt flüssiger macht. Dass es sich bei dem Wort Neger um eines handelt, dessen Be­deutung sich seit den 1950er Jahren entschieden gewandelt hat, und das, zumindest nach Maßstäben der political correctness, gar nicht mehr in Gebrauch sein dürfte, wird niemand ernsthaft bestreiten. Seinen Kindern wird man dieses Wort genauso wenig beibringen und auch erlauben wollen wie Fidschi, Zigeuner oder Kümmeltürke. Warum also sollte der Ne­ger noch Platz in der Kinderliteratur haben?
Wer hier auf Authentizität oder historische Werktreue pocht, hat nicht verstanden, wozu Kinderliteratur da ist und von wem sie gelesen wird. Will man allen Ernstes, dass sich Kinder beim Lesen eines Kinderbuches mit dem gesellschaftlichen und sprachli­chen Kontext zur Entstehungszeit des Buches auseinandersetzen? Grimms Mär­chen werden gelesen und verstanden, ohne dass die Leser etwas über die Zeit und Umstände ihrer Entstehung  wissen müssen. Kinderliteratur zeichnet sich, wie andere gute Literatur auch, eben dadurch aus, dass sie sich allein durch sich selbst verständlich machen kann. Noch weniger kann man wollen, dass in der Sprache nicht mehr gebräuchliche oder, wie im konkreten Fall, richtigerweise aus der Sprache verschwindende Wörter auf solche Weise künstlich am Leben erhalten werden. Also raus mit dem ganzen Mist.



Donnerstag, 17. Januar 2013

…was es ist


In Ridley Scotts Filmklassiker Blade Runner (1982) gibt es eine höchst bemerkenswerte Szene: Deckard hat Rachael soeben dem Voight-Kampff-Test unterzogen und spricht nun mit Dr. Tyrell über sein Ergebnis. Der ist beeindruckt darüber, dass es zwar erheblich mehr Fragen als üblich bedurfte, um heraus zu finden, dass Rachael ein Replikant ist (aus Sicht von Deckard und Tyrell verbietet sich die Verwendung des p.c. Ausdrucks „Replikantin“), Deckard schlussendlich aber doch dahinter gekommen ist. Tyrell erklärt Deckard den Grund dafür: „Sie weiß es nicht.“, woraufhin Deckard die bedeutsame Frage stellt: „Wie kann es nicht wissen, was es ist?“ („How can it not know, what it is?“)
Mit dieser Frage bezieht sich Deckard zunächst gewissermaßen nur auf die Gattungszugehörigkeit. Also: Kann es sein, dass ein Replikant, ein künstlicher Organismus oder auch eine künstliche Person, wie der Android Bishop in Alien3 sich selbst bezeichnet, nicht weiß, dass er/es künstlich ist? Oder allgemeiner: Kann es sein, dass ein intelligentes, vernunftbegabtes Wesen nicht weiß, was es für ein Wesen ist?
Implizit unterstellt diese Fragestellung, dass es für das betreffende Individuum einen Unterschied machen sollte, ob es natürlich oder ob es künstlich ist. Abgesehen davon, dass sich in einer solchen Unterstellung ein anthropozentrisches Weltbild offenbart, das behauptet, das Natürliche habe definitorische Hoheit über das Künstliche, was vor allem im Kontext der Filmszene keineswegs gerechtfertigt zu sein scheint, denn noch während des zitierten Dialogs zwischen Deckard und Tyrell bringt dieser das Credo seines Unternehmens mit dem Slogan: „Menschlicher als der Mensch“ auf den Punkt und stellt eben jene Definitionshoheit in Frage. Also abgesehen davon scheint Deckard mit seiner Frage ausdrücken zu wollen, dass ein künstliches intelligentes Wesen entweder wissen sollte, dass es künstlich ist, beispielsweise dadurch, dass seine Schöpfer ihm dies mitgeteilt hätten (das wäre trivial), oder, und nur das macht die Intention von Deckards Frage überhaupt erst interessant, dass es dies fühlen sollte, also ein subjektives Empfinden dafür haben sollte, nicht natürlichen Ursprungs zu sein. Aber kann das sein? Wie kann es fühlen, was es ist?
Angenommen, es kann dies. Angenommen, es würde einen Unterschied in der Selbstwahrnehmung machen, ob das Wesen durch die Vereinigung von Ei- und Samenzelle in die Welt gekommen ist oder dank mikrobiokybernetischer Ingenieurskunst. Nach der Theorie Siegmund Freuds sollte es einen solchen Unterschied geben, selbst wenn er dem betreffenden Wesen nicht bewusst wäre, denn, was die Selbstwahrnehmung und die Selbstinterpretation betrifft, hätte es schlicht keine adäquaten Vergleichsmaßstäbe, da ihm entscheidende Phasen der psychischen Individualentwicklung fehlten. Es wäre vergleichbar mit einem Asperger-Autisten, dem mangels einer Theory of Mind2 (ToM) die emotionalen Äußerungen seiner Umgebung größtenteils entgehen. Allerdings bezieht sich Freuds Theorie auf menschliches Bewusstsein und Unterbewusstsein, nicht auf künstliches. Warum sollte ein künstliches kognitives System, so menschengleich es auch konstruiert und gebaut sein mag, über vergleichbare mentale Zustände verfügen - vergleichbar in dem Sinne, dass unsere gängigen psychologischen Theorien anwendbar sind?
Im Film lautet die Antwort auf Deckards Frage schlicht: Künstliche Erinnerungen. Die für das Nichtwissen um die eigene Künstlichkeit erforderliche Kontingenz der Individualgeschichte wird mittels implantierter oder programmierter Erinnerungssequenzen einer natürlichen Person hergestellt. Auch das eine sehr weitgehende Annahme: Um sich als natürlicher Mensch zu empfinden, genügt es, wie ein natürlicher Mensch auszusehen, aus menschlichem Material zu bestehen und menschliche Erinnerungen zu haben. Vielleicht genügt das ja auch wirklich, und das Vorhandensein einer spezifisch menschlichen inneren Gefühlswelt und einer ToM ist für die menschliche Befindlichkeit völlig irrelevant. Mein Innenleben ist eine zutiefst subjektive Angelegenheit, von der nur ich selbst Kenntnis habe. Das Innenleben einer anderen Person bleibt mir notwendigerweise und trotz ToM größtenteils unzugänglich. Realistisch betrachtet, kann deshalb auch ich als Mensch nicht mit letzter Gewissheit wissen, was ich bin. Diese Einsicht erzeugt in Deckard die agnostische Paranoia, die die weitere Filmhandlung durchzieht.1
Man kann die Frage auch von einer anderen Seite aus beleuchten. In immer besserem Maße sind wir in der Lage, natürliche Bestandteile des menschlichen Körpers - Zellen, Gewebe, Organe, Gliedmaßen – durch künstliche zu ersetzen. Das können sowohl organische als auch anorganische Substitute sein. Literatur und Film haben solche Szenarien schon früh unter dem Stichwort Cyborgisierung thematisiert. Primär geht es mir aber nicht um das Element der Kybernetisierung, nicht um elektronische Bauteile oder Nanosonden wie bei der Ver-Borg-erung3 in Star Trek Next Generation o.ä., sondern darum, ob und wie der spezifisch menschliche Erlebnisgehalt von Wahrnehmungen, Empfindungen und Gefühlen, die innere Befindlichkeit also, sich bei zunehmender Entmenschlichung des Körpers verändern und wann die Gewissheit, Mensch zu sein, erodieren und dem Gefühl weichen könnte, es nicht mehr zu sein.
Wie ich an anderer Stelle bereits erwähnt habe, verfügt jeder von uns über ein Körpermodell, das den eigenen biologischen Körper umfasst und auch Fremdkörper wie Werkzeuge, Sportgeräte oder künstliche Gliedmaßen integrieren kann. Selbst nicht vorhandene, nur vorgestellte Teile des Körpers oder imaginierte Körpererweiterungen können unter bestimmten Umständen vom Körpermodell als eigene integriert werden.4 So könnte es durchaus sein, dass, egal, was mit einem menschlichen Körper angestellt wird, welche Teile durch künstliche ersetzt und welche künstlichen Zusatzkomponenten hinzu gefügt werden, der Mensch sich immer noch als Mensch fühlen würde. Möglicherweise stellt sich die Frage nach dem Übergang von Mensch zu Nichtmensch gar nicht, so lange das Gehirn, das ja das Körpermodell konstruiert, nicht massiv angetastet wird. Und möglicherweise ist es gar nicht die eigene Befindlichkeit, die Selbstwahrnehmung, das Selbstmodell, was den Unterschied ausmacht.
Der oben erwähnte Prozess der Ver-Borg-erung im fiktiven Star-Trek-Universum (wo er Assimilation heißt) besteht m.E. weniger in der technischen Cyborgisierung der zu integrierenden Individuen, als darin, dass diese in eine neue Sozialstruktur aufgenommen werden. Dem geht zwar der technische Anpassungsprozess (Nanosonden, zusätzliche Bauteile etc.) voraus, doch bestimmend für das neue Selbstverständnis der assimilierten Subjekte wird ihre Sozialisation als Seven of Nine bzw. als Teil eines umfassenden Kollektivs, in dem sich soziale und mentale Interaktion gegenseitig bedingen.
Der Ausbruch aus dem Kollektiv kann nur gelingen, wenn das Kollektivmitglied einen Teil seiner Individualität bewahrt oder zurückgewinnt, und sei es auch nur den individuellen Namen, der ganz im Sinne von Thomas Nagel5 eine Bedingung für die Identifikation des subjektiven Ich mit dem objektiven Wesen ist, in dessen Körper dieses Ich steckt. So muss Captain Jean-Luc Picard notwendigerweise als Locutus6 und nicht als durchnummerierte Drohne assimiliert werden, weil ihm andernfalls die spätere Selbstbefreiung aus dem Kollektiv, dieser Akt der individuellen Desintegration, unmöglich gemacht würde.
Das Gegenteil von Assimilation ist Ausgrenzung. Die Erfahrung des Ausgegrenztseins macht Rachael in dem Moment, da sie den Voight-Kampff-Test „besteht“. Sie gehört nun nicht mehr zur menschlichen Spezies, obwohl sie wie ein natürlicher Mensch aussieht, (möglicherweise) aus menschlichem Material besteht und menschliche Erinnerungen hat. Indem er Rachael wider besseres Wissen als menschliche Person behandelt, versucht Deckard, sie wieder zurück zu holen, wenn auch nicht in die naturbelassene Menschheit so doch immerhin in eine minimale soziale Gemeinschaft - die 2-Personen-Urgemeinschaft des Garten Eden.
Und darin liegt wohl der Schlüssel: Ich bin und weiß, was ich bin, nur durch meine Sozialisation, durch meine Integration in einen gemeinschaftlichen Kontext, der, und sei er noch so klein, mir aber die Gewissheit gibt, dazu zu gehören, unabhängig davon, was ich selbst von mir halte. Entscheidend für die Selbstgewissheit und das Selbstempfinden einer Person ist das Wechselverhältnis von Individuation und Sozialisation. Das Ich spiegelt sich nicht nur, es manifestiert sich im Wir. Das Individuum ist Person nur insofern es sich einer menschlichen Gemeinschaft zugehörig weiß. Wird man als menschliches Individuum behandelt, fühlt man sich auch als solches. Wird man von der Gemeinschaft ausgegrenzt, kann alles Menschliche in einem absterben. Insofern besteht Hoffnung, dass, selbst wenn irgendwann eine signifikanter Teil der Menschheit aus größtenteils künstlichen „Bauteilen“, einschließlich neuronaler Implantate, bestehen sollte, und sage keiner, dass diese Vorstellung unsinnig sei, er doch zu uns gehören würde, vorausgesetzt wir würden ihn als Teil der Menschheit annehmen und nicht als Ansammlung von Fremdkörpern.
1 Verschiedentlich ist auf die phonetische Nähe der Namen Deckard und Descartes verwiesen worden.
4 Antonio R. Damasio, Descartes´ Irrtum. List 2004
5 Thomas Nagel. Der Blick von Nirgendwo. Suhrkamp 2012
6 Star Trek TNG: In den Händen der Borg, Angriffsziel Erde


PS (14.02.2013): Bis heute wusste ich nicht, dass der mit Carbon-Prothesen laufende Leichtathlet Oscar Pistorius auch "Blade Runner" genannt wird. Welche Ironie...



Sonntag, 23. Dezember 2012

Kann man wollen, was man will?

I

In seinem äußerst lesenswerten Buch „Geist, Sprache und Gesellschaft“1 befasst sich der amerikanische Philosoph John R. Searle hauptsächlich mit dem ersten der drei titelgebenden Phänomene und erläutert dabei auch seine Position zum Thema Wil­lensfreiheit. Die Frage nach der Möglichkeit und der Natur des freien Willens wird seit Jahrhunderten nicht nur in der Philosophie kontrovers diskutiert. Auch John Searle beantwortet die Frage nicht, er legt aber eine interessante Darstellung des Sachverhalts vor, die ich zum besseren Verständnis zunächst kurz referieren werde, um im Anschluss eigene Ansichten zu Searles Position und zur Frage selbst zu entwi­ckeln.
Dem Bewusstsein widmet John Searle die drei zentralen Kapitel von „Geist, Sprache und Gesellschaft“. Für Searle lässt sich das Bewusstsein biologisch als ein höherstufi­ges Merkmal des Gehirns mit der besonderen Eigenschaft der Subjektivität, also der Fähigkeit zur Ich-Perspektive verstehen. Neben der Subjektivität eignet dem Be­wusstsein Intentionalität. Mit diesem Terminus wird das Vermögen des Bewusst­seins bezeichnet, sich auf etwas zu beziehen. Gemeint ist damit schlichtweg, dass ein Gedanke einen gedachten Inhalt hat (Man denkt nicht einfach nur, man denkt et­was.), eine Wahrnehmung einen wahrgenommenen Gegenstand (Man sieht nicht einfach nur, man sieht etwas.), ein Wunsch eine gewünschte Sache (Man wünscht nicht einfach nur, man wünscht etwas.). Spätestens seit Descartes Meditationen stel­len Philosophen die Frage nach der Möglichkeit intentionaler Verursachung, danach also, wie intentionale psychische Zustände (Überzeugungen, Wünsche, Absichten) kausal in die reale Welt wirken und so materielle Phänomene2 verursachen können. Um zu einer Lösung zu gelangen, erklärt Searle zunächst sein Verständnis von Kau­salität, indem er sich vom mechanistischen Modell der Verursachung, wie es von Da­vid Hume vertreten wurde und nach Searles Meinung noch immer von einer Mehr­heit der Philosophen vertreten wird, klar abgrenzt, um anschließend zu erläutern, wie aus seiner Sicht intentionale Verursachung funktioniert.
Über den Körper hat das Bewusstsein eine basale Beziehung zur realen Welt. Inten­tionale Zustände repräsentieren die reale Welt oder sie imaginieren, wie die reale Welt sein sollte. Diese Beziehung zwischen Bewusstsein und Welt bezeichnet Searle als Ausrichtung eines intentionalen Zustands. Die Beziehung der Ausrichtung kann eine Welt-auf-Geist-Ausrichtung oder eine Geist-auf-Welt-Ausrichtung sein: „Überzeugungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen haben die Geist-auf-Welt-Ausrichtung, weil es ihr Ziel ist, zu repräsentieren, wie die Dinge sind. Wünsche und Absichten haben die Welt-auf-Geist-Ausrichtung, weil es ihr Ziel ist, nicht zu repräsentieren, wie die Dinge sind, sondern wie wir sie gerne hätten bzw. wie wir sie zu machen gedenken.“3 Wie man weiß, kann das Bewusstsein auch auf sich selbst ausgerichtet sein – dann ist es Selbstbewusstsein und hat eine Null-Ausrichtung.
Entscheidend für das Verständnis der Ausrichtung von Intentionalität ist nach Searle der Begriff der Erfüllung: „Ein intentionaler Zustand ist erfüllt, wenn die Welt so ist, wie der intentionale Zustand sie repräsentiert.“4 Das bedeutet, bei Geist-auf-Welt-Ausrichtung ist der intentionale Zustand erfüllt, wenn er die Welt (weitgehend) rich­tig repräsentiert. Hier wirkt die kausale Verursachung von der Welt auf den Geist. Bei Welt-auf-Geist-Ausrichtung ist der intentionale Zustand erfüllt, wenn die Welt (weit­gehend) so ist, wie er sie haben wollte. Die kausale Verursachung wirkt also vom Geist auf die Welt.
So weit, so verständlich, so plausibel. Oder auch nicht.
Intentionale Verursachung sei entscheidend für das Verständnis unseres Verhaltens, schreibt Searle: „Wenn menschliches Verhalten rational ist, beruht es auf Gründen, aber die Gründe erklären das Verhalten nur, wenn die Beziehung zwischen dem Grund und dem Verhalten sowohl eine logische als auch eine kausale ist. In Erklärun­gen rationalen menschlichen Verhaltens wird somit wesentlich vom Werkzeug der in­tentionalen Verursachung Gebrauch gemacht.“5 Er verdeutlicht dies am Beispiel der rational nachvollziehbaren Beweggründe Hitlers, die Sowjetunion zu überfallen (d.i. Wunsch nach Lebensraum im Osten), die allerdings nicht ausreichend gewesen seien, dieses Vorhaben auch auszuführen, da Hitler sich trotz seiner Beweggründe auch an­ders hätte entscheiden können. Searle kommt zu dem Schluss, dass die Erklärung menschlichen Verhaltens mittels intentionaler Verursachung nicht deterministisch ist, es also keinen hinreichenden kausalen Zusammenhang zwischen intentionalen Zuständen und menschlichen Handlungen gibt, ausgenommen pathologische Fälle, wie Sucht oder Zwangsstörung: „Wenn ich mein eigenes Verhalten damit erkläre, daß ich die Überzeugungen und Wünsche angebe, die mein Handeln motiviert haben, dann impliziere ich damit normalerweise nicht, daß ich mich nicht hätte anders verhalten können.“6 Searle diagnostiziert eine Lücke zwischen den intentionalen Gründen der Entscheidung und der Entscheidung selbst, sowie eine weitere Lücke zwischen der Entscheidung und dem Vollzug der Handlung. Damit gemeint sind nicht zeitliche oder logische Lücken, sondern kausale Lücken, die Ausdruck dessen seien, was wir Willensfreiheit nennen. Unser Handeln ist nicht vollständig determiniert, weder durch äußere, objektive noch durch innere, subjektive Tatbestände. Searle, wie viele andere Philosophen, sieht eben darin eine Erklärungslücke.
Meiner Ansicht nach gibt es diese Lücke nicht. Es gibt offensichtlich das Phänomen des freien Willens und das der Handlungsfreiheit, und wir empfinden auch die von Searle festgestellten Lücken, nur eine Erklärungslücke kann ich nicht sehen. Ich be­streite, dass intentionale Zustände das Handeln nicht vollständig determinieren kön­nen, behaupte vielmehr, dass Willensfreiheit ein psychologisches Phänomen ist, nicht aber eine geistesphilosophische Kategorie und werde im Folgenden versuchen, dies zu begründen.

II

Das Gehirn, das menschliche zumal, ist ein hochkomplexes System. Der Hirnforscher Wolf Singer meint: "Das Gehirn ist ein klassisches komplexes System, weil es aus sehr vielen Elementen besteht, die miteinander verkoppelt sind und auf diese Weise eine Dynamik entwickeln können, die charakteristisch ist für komplexe Systeme. Es kommt noch hinzu, dass die Dynamik, die sich daraus entwickelt, eine nichtlineare Dynamik ist. Es ist ein nichtlineares komplexes System und wahrscheinlich das kom­plexeste, dass wir auf der Erde überhaupt kennen.“7
Komplexität bezeichnet die Eigenschaft eines Systems, dass man sein Gesamtverhal­ten selbst dann nicht beschreiben kann, wenn man vollständige Infor­mationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt. Die Komplexität eines Systems steigt mit der Anzahl an Elementen, der Anzahl der Verknüpfungen zwischen diesen Elementen sowie der Funktionalität dieser Verknüpfungen.
Aus der Systemtheorie weiß man, dass komplexe Systeme bzw. Modelle komplexer Systeme sich dadurch auszeichnen, dass ihre mathematische Beschreibung, wenn sie denn überhaupt bekannt ist, nichtlinear ist. Darauf bezieht sich auch Wolf Singer. Das wohl vertrauteste Beispiel eines nichtlinearen komplexen Systems ist die Erdat­mosphäre. Zu deren mathematischer Beschreibung dienen die Lorenz-Gleichungen, ein System nichtlinearer Differentialgleichungen, dessen numerische Lösungen ein grafisches Gebilde ergeben, das als Lorenz-Attraktor8 bekannt ist.
Ein wesentliches Verhaltenselement komplexer dynamischer Systeme sind Bifurka­tionen. Das sind zeitliche Verzweigungspunkte, an denen der weitere Prozess offen ist, d.h. er ist nicht eindeutig determiniert, hat gewissermaßen die freie Wahl. Unmit­telbar vor der Bifurkation ist die Chaoszone, die diese Wahl erlaubt. Bifurkationen entstehen aus geringfügen Fluktuationen in chaotischen Prozessen durch Rückkopp­lungs- und daraus resultierende Verstärkungseffekte. Dadurch wird eine der Zu­kunftsoptionen, die dem Prozess vor dem Verzweigungspunkt offen stehen, bevorzugt und eben realisiert.
Nebenbei, während meiner Doktorandenzeit in den 1980er Jahren gab es an unserer Uni eine mathematische Forschungsgruppe, die sich mit eben diesen Bifurkati­onsphänomenen in nichtlinearen dynamischen Prozessen befasst hat. Die Theorie vom Chaos und von Katastrophen, von Bifurkationen, Fraktalen und dissipativen Prozessen war damals dank der Arbeiten von Mandelbrot, Thom, Zeeman und Prigo­gine9 schwer in Mode. Ein paar Jahre später begegnete mir das Phänomen auch in praxi, als ich Strömungsvorgänge in Atomkraftwerksarmaturen zu berechnen hatte. Die mathematische Simulation des Schließprozesses einer Schnellschlussarmatur, deren Aufgabe es sein sollte, im Störfall selbsttätig, binnen einer Sekunde ein Kühl­rohr von 1 m Durchmesser abzuschotten, ließ keine zuverlässigen Vorhersagen des Systemverhaltens zu. Die numerischen Näherungsrechnungen bifurgierten und di­vergierten - und zwar desto stärker und desto schneller, je feiner das Näherungsgitter war.
Nun könnte man meinen, es läge nur an der Schwäche unserer physikalischen Model­le und mathematischen Methoden, dass solche nichtlinearen komplexen Systeme nicht prognostizierbar sind, und die Fortschritte der Wettervorhersage auf der Grundlage immer besserer Modelle und immer leistungsfähigerer Computer scheinen das zu bestätigen. Instabilität, Chaos, Bifurkationen und abrupte, ka­tastrophale Ver­änderungen des Systemverhaltens sind jedoch intrinsische Merkmale nichtlinearer dynamischer Prozesse. Der entscheidende Unterschied zwischen li­nearen und nichtli­nearen Systemen besteht darin, dass bei letzteren winzigste Verän­derungen der Aus­gangsparameter gravierende Konsequenzen für das Systemverhal­ten haben können. Der bekannte Butterfly-Effekt10 zeigt dies anschaulich.
In den Naturwissenschaften ist man sich weitgehend darüber einig, dass aus der Nichtvorhersehbarkeit nichtlinearer dynamischer Systeme nicht auf deren Indeter­miniertheit geschlossen werden kann. Vielmehr ist es wohl so, dass die in der Heisenb­ergschen Unbestimmtheitsrelation11 ausgedrückten absoluten Grenzen der Messgenauigkeit den Spielraum für die Ausgangsparameter liefern, der eben wegen der intrinsischen Systemeigenschaften zu Bifurkationen mit unvorhersehbarem Aus­gang führt. Auf einem mikroskopischen Raum-Zeit-Niveau sind Bifurkationen an­scheinend determiniert, weshalb auch von deterministischen chaotischen Prozessen gesprochen wird, nur lässt sich diese Determiniertheit nicht beobachten.

III

Doch zurück zur Willensfreiheit, zum Gehirn und zu John Searle. Es wurde versucht, die mit den diagnostizierten Lücken inkriminierte Indeterminiertheit unter Bezug auf die Quantenmechanik und deren statistische Interpretation zu deuten. Neurophysio­logische Prozesse seien ja elektrische und elektrochemische Prozesse auf molekularer und z.T. subatomarer Ebene, und da dort die Gesetze der Quantenphysik wirksam seien, wären auch die neurophysiologischen Prozesse im Hirn diesen unterworfen.12 Das heißt, in der Lücke zwischen intentionalem Zustand und Entscheidung wie auch in der Lücke zwischen Entscheidung und Handlung würde der quantenphysikalische Zufall walten. Auch John Searle neigt zu solchen Überlegungen, wie er vor einigen Jahren in einem FAZ-Interview äußerte13.
Die rein quantenmechanische Argumentation leuchtet nicht so recht ein, denn das Gehirn besteht zwar wie alle materiellen Objekte dieser Welt aus Quanten, ist selbst jedoch ein makroskopisches und kein quantenmechanisches System. Ich glaube auch nicht, dass es der Berufung auf die Quantenphysik bedarf, um die Lücken zu schlie­ßen. Betrachtet man nämlich das Gehirn als dynamisches und als biologisches Sys­tem, sollten die folgenden Aspekte, die ich nachfolgend näher erläutern werde, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken:

(1) Biologische Systeme sind selbst organisierende Systeme fernab des thermo­dynamischen Gleichgewichtszustands.
(2)   Alle realen Prozesse haben eine Richtung in der Zeit.
(3)   Die Kausalität in der klassischen Physik ist zeitsymmetrisch.
Die letzte Feststellung ist Ausdruck der Tatsache, dass der Kausalitätsbegriff in der klassischen Physik zwar mit dem Zeitbegriff verwoben ist, in seiner Verwendung in klassischen physikalischen Modellen aber insofern zeitunabhängig, als die Gleichun­gen zeitsymmetrisch sind. Dies gilt für die klassische Mechanik wie auch für die Re­lativitätstheorie. Erst in der statistischen Thermodynamik und in der Quantenphysik wird diese formale Zeitsymmetrie aufgehoben. Mit den Gesetzen der klassischen (ma­kroskopischen) Physik können Prognosen in beide Zeitrichtungen angestellt werden. Aus dem bekannten Jetztzustand eines Systems können sowohl die Systemzustände in der Zukunft als auch die Systemzustände in der Vergangenheit zuverlässig berech­net werden. Aus dem Jetztzustand des Universums bspw. kann auf seine weitere Ent­wicklung geschlossen werden, es lassen sich aber auch seine früheren Zustände bis kurz nach dem Urknall rekonstruieren. Die Kausalität in der klassischen Physik ist also auch in dem Sinne zeitsymmetrisch, als nicht nur von einer bekannten Ursache auf eine Wirkung geschlossen werden kann, sondern auch umgekehrt von einem bekann­ten Zustand auf dessen Ursache.
Dass John Searle Lücken zwischen intentionalem Zustand und Entscheidung sowie zwischen Entscheidung und Handlung sieht, zeigt, dass er diesen klassischen Kausa­litätsbegriff verwendet, was insofern verwundert als er ja selbst, wie oben angemerkt, das von Hume inspirierte mechanistische Verständnis von Verursachung als überholt charakterisiert hatte. Er möchte von der Handlung auf die Entscheidung schließen können und von der Entscheidung auf den intentionalen Zustand. Was wir bei anderen Menschen zuallererst wahrnehmen, ist ihr Handeln - alles Weitere ist Zuschreibung. Die Erklärung der kausalen Beziehung zwischen Handlung und Entscheidung muss also zunächst von der wahrgenommenen Handlung ausgehen, wozu auch das Sprechen über diese Handlung gehört. Die Erklärungslücke entsteht nur dann, wenn die Erklärung folgendermaßen von statten gehen soll:
  1. Wir sehen die Handlung H von Person P.
  2. Anhand der Handlung H stellen wir die Hypothese auf, Person P habe die Entscheidung Eh getroffen, Handlung H auszuführen.
  3. Anhand der Entscheidung Eh von Person P stellen wir wiederum die Hypo­these auf, Person P habe den intentionalen Zustand Ih gehabt, Handlung H ausführen zu wollen.
Eine Erklärung von Handlung H wäre nun, unter der Annahme des Vorhandenseins von Ih bei P zunächst Eh und daraus H kausal abzuleiten. Dies aber wäre die Anwen­dung des Kausalitätsverständnisses der klassischen Physik. Das moderne Verständnis von Kausalität berücksichtigt hingegen die Existenz von deterministischen chaoti­schen Systemen:
Man sagt, B hängt kausal von A ab (oder: A verursacht B), wenn
  1. A zeitlich vor B liegt,
  2. die Wahrscheinlichkeit dafür, dass B eintritt, wenn A eingetreten ist, höher ist als die Wahrscheinlichkeit dafür, dass B eintritt, ohne dass A eingetreten ist.
In dieser modernisierten Formulierung ist der Kausalitätsbegriff grundsätzlich asym­metrisch gegenüber der Zeitrichtung und damit adäquater zu der in (2) festgestellten zeitlichen Gerichtet­heit realer Prozesse: Aus dem Eintreten von B kann nun nichts Verlässliches mehr über das Ein­treten von A geschlussfolgert werden, denn B hätte auch ohne A eintreten können, nur wäre das womöglich sehr unwahrscheinlich gewe­sen. Dieses Verständnis von Kausalität vorausgesetzt, verschwinden die Erklärungs­lücken umgehend. Zur Erläu­terung werde ich (1) heranziehen.
Aussage (1) besagt, dass biologische Systeme - auch das Gehirn - Systeme sind, die
  • offen sind und permanent mit ihrer Umwelt Materie und Energie austauschen (Stoffwechsel),
  • mittels des Stoffwechsels ihre eigenen Strukturen aufrechterhalten (Struktur­bildung im thermodynamischen Nichtgleichgewicht sowie Homöostase),
  • sich selbst organisieren in dem Sinne, dass sie ihren Systemzustand selbststän­dig an Veränderungen äußerer oder innerer Faktoren anpassen (adaptive Selbstregulation).
Das dritte Merkmal ist hier das entscheidende, denn die Selbstregulation basiert auf Rückkopplung. Das System bewertet mehr oder weniger regelmäßig seinen eigenen Zustand und verändert diesen bei Bedarf mittels entsprechender Rückkopplungsme­chanismen so lange, bis wieder ein optimaler Zustand erreicht ist. Da das System auf dieser Ebene noch kein Gedächtnis im eigentlichen Sinne hat, muss es vom festge­stellten Jetztzustand auf die Gründe und Ursachen der Abweichung vom optimalen Zustand schließen. Dass dies im Regelfall zuverlässig funktioniert, ist der Evolution geschuldet, die dafür sorgt, dass eben nur zuverlässig arbeitende, stoffwechselnde und selbstregulierende Systeme überleben - das Gedächtnis ist ein genetisches. Feh­ler aufgrund von Fehlinterpretation sind dabei bekanntlich nicht ausgeschlossen. Man denke nur an Allergien und Autoimmunerkrankungen.
Auf der Ebene der höheren geistigen Funktionen, um die es ja bei der Fragestellung eigentlich geht, geschieht etwas Ähnliches: Um für sich die Begründung einer Hand­lung H aus einer Entscheidung Eh zu liefern und einer Entscheidung Eh aus einem in­tentionalen Zustand Ih, muss das Gehirn die Erklärungsschritte a, b und c vollzie­hen. Es muss Hy­pothesen über vorangegangene eigene Systemzustände anstell­en und bewerten, ob diese hypo­thetischen Zustände das Zustandekommen von H bewirkt haben könnten. Zum Glück haben wir nicht nur ein genetisches Gedächt­nis sondern auch ein neuronales, in dem vorangegangene Systemzustände als Erin­nerungen gespeichert sind. Das Gehirn ist aber ein nichtlineares komplexes System und als biologisches System zu allem Überfluss auch noch ein thermodynamisches Nichtgleichgewichtssystem. Jedes Aufstellen von Hypothesen, jede Suche im Ge­dächtnis und jedes Vergegenwärtigen von Gedächtnisinhalten und damit früheren Systemzuständen verändert, wie jede geistige Funktion, das System selbst, bewirkt Rückkopplungen, kurzzeitige chaotische Prozesse und Bifurkationen, deren Auslöser unklar und deren Ausgang unvorhersehbar ist. Dem Gehirn bleibt dann nur die Inter­pretation von plausiblen kausalen Zusammenhängen anhand von Wahrscheinlichkei­ten im Sinne von Teil 2 der obigen Kausalitätsdefinition.

IV

Was subjektiv als Willens- bzw. Handlungsfreiheit erscheint, könnte tatsächlich nichts weiter sein als eine Selbstzuschreibung aufgrund des Fehlens anderer Anhalts­punkte für das Zustandekommen von Entscheidungen und Handlungen. Die ent­scheidungsrelevanten Parameter sind aus den im Gedächtnis abgelegten Systemzu­ständen wegen ihrer ursprünglichen Irrelevanz für das Gesamtsystem nicht mehr re­konstruierbar. Auch dies eine Konsequenz der Komplexität des Systems. Wenn wir eine Entscheidung treffen, dann tun wir dies nicht nur aufgrund eines bestimmten in­tentionalen Zustands (z.B. Wünschen), sondern bewerten, welche Folgen die Hand­lung, für die wir uns zu entscheiden gedenken, für uns und für andere haben könnte. Wir stellen Prognosen über die Zukunft an, und je schwerwiegender die möglichen Folgen der Handlung erscheinen, desto langwieriger und konzentrierter ist der Ent­scheidungsprozess, desto mehr Parameter und Einflussfaktoren fließen ein und desto überlegter erscheint dann die Handlung. Nun weiß jeder, dass je schwerwiegender eine getroffene Entscheidung war, umso tiefer hat sie sich - und mit ihr der Entschei­dungsprozess mit all seinen Parametern und Einflussfaktoren - ins Gedächtnis ein­gegraben. Die Parameter und Einflussfaktoren könnten nämlich von höchster Relevanz für die künftige Bewertung von Systemzuständen sein, werden deshalb gespeichert und sind so später auch leichter rekonstruierbar. Solch schwerwiegende Entschei­dungen (z.B. zu heiraten) erscheinen retrospektiv als erheblich folgerichtiger, deter­minierter und subjektiv weniger frei getroffen als irgendwelche x-beliebigen All­tagsentscheidungen (z.B. ein Bier zu trinken). Andererseits kann es auch sein, dass, je mehr subjektive Gründe ich retrospektiv für meine Entscheidung anführen kann, umso selbstbestimmter, umso freier getroffen erscheint sie mir und anderen.
Das von John Searle diagnostizierte Problem der Willensfreiheit, die als Phänomen in kausalen Erklärungslücken zwischen intentionalem Zustand und Entscheidung sowie Entscheidung und Handlung erscheint, ist nach meiner Überzeugung kein philoso­phisches sondern ein rein psychologisches Thema. Allenfalls kann sich noch die Neu­robiologie damit auseinander setzen. Wie so viele psychische Phänomene erschließt sich das Problem, das die Willensfreiheit für die Philosophie darstellt, aus der Selbs­treferenzialität unseres Denkens: Das Gehirn, ein komplexes nichtlineares System, interpretiert seine eigenen Systemzustände. Der Philosoph nun versucht, über die Welt und damit freilich auch über sich selbst als einem Vertreter der Gattung Mensch von einer möglichst objektiven Position aus nachzudenken. Thomas Nagel hat die­sem Grundwiderspruch allen Philosophierens seine fundamentale Abhandlung „Der Blick von Nirgendwo“14 gewidmet. Von Kurt Gödel und Alan Turing haben wir ge­lernt, dass Selbstreferenzialität unweigerlich zu Widersprüchen führt - so vergleichs­weise einfache Gedankengebäude wie die elementare Arithmetik oder die theoreti­sche Informatik scheitern bei dem Versuch, ihre eigene Schlüssigkeit nachzuweisen, an der Möglichkeit von Selbstreferenzialität. Besteht nicht umso mehr Grund zu der Annahme, dass der Mensch bei dem Versuch scheitern sollte, die Schlüssigkeit seiner eigenen Entscheidungen und Handlungen zu erklären?
Unser, auch psychisch wirksamer Selbsterhaltungstrieb hat sich den freien Willen wohl als Selbstzuschreibung konstruiert. Was schlussendlich nicht heißen soll, dass ich ein Gegner der Willensfreiheit bin. Im Gegenteil, subjektiv bestehe ich darauf, nur denke ich auch, dass diese Kategorie ihren Platz in der Moral- und Rechtsphilosophie hat und zwar genau in dem oben intendierten Sinn der Fähigkeit des Individuums, die Folgen des eigenen Handelns hinreichend prognostizieren und bewerten zu können. In diesem ju­ristischen und meinetwegen auch alltäglichen Kontext hat der Begriff der Willensfrei­heit einen Sinn und eine Berechtigung.

Und was die Eingangsfrage, "Kann man wollen, was man will?" betrifft, ich weiß es nicht, schätze aber, die Antwort lautet: Nein.

1 John R. Searle. Geist, Sprache und Gesellschaft. Suhrkamp 2004
2 wie natürlich auch fremdpsychische Phänomene. Vgl. auch Thomas Nagel. Was bedeutet das alles? Reclam 1984, Kap. 3: Das Fremdpsychische
John R. Searle. Geist, Sprache und Gesellschaft. S. 124
4 ebenda, S. 125
5 ebenda, S. 129
6 ebenda, S. 129f
12 u.a. Roger Penrose. Computerdenken. Spektrum 1991
14 Thomas Nagel. Der Blick von Nirgendwo. Suhrkamp 1992

Donnerstag, 15. November 2012

Viva la Philosophucion!


Heute, am 15. November 2012, ist der Welttag der Philosophie, ausgerufen vor 10 Jahren von der UNESCO. Den Lesern dieser Seite dürfte nicht entgangen sein, dass ich ein durchaus inniges Verhältnis zu dieser, wie Holm Tetens meint, Disziplin „höherer Ordnung“ [1] habe. (Unwillkürlich muss ich bei dieser Formulierung immer an den Film „Das fünfte Element“ denken, in dem Milla Jovovich von sich sagt: „Bin Wesen höherer Ordnung.“) Insofern ist der heutige Tag auch für mich ein Feiertag, und am liebsten würde ich mich auf eine Parkbank setzen und Wittgenstein lesen. Doch wir haben November, und trotz ungewöhnlich starker Sonneneinstrahlung ist dies in hiesigen Breiten nicht der Monat fürs Verweilen auf Parkbänken. Bei der Festsetzung des Datums hatte die UNESCO offenbar nicht berücksichtigt, dass sich, wie wir von Sokrates und den anderen alten Griechen gelernt haben, am besten im Freien philosophieren lässt und dass auf der Nordhalbkugel entschieden mehr philosophiert wird als auf der südlichen Hemisphäre. Aber vielleicht spielte bei der Datumsfestsetzung auch die besondere Rolle der Deutschen in der Geistesgeschichte eine Rolle, denn der November gilt ja gemeinhin als deutscher Schicksalsmonat. Zudem bietet der November gerade in den nördlicheren Breiten  angesichts der üblicherweise vorherrschenden Witterung ausgiebig Gelegenheit zu innerlichem Sinnieren über Sein oder Nichtsein, und manch ein Sinnierer zieht daraus  handfeste Konsequenzen, was in Einzelfällen auch der Bahn und ihren Passagieren Probleme bereiten kann.
Sei´s drum, es ist Feiertag für die UNESCO und für mich dann eben auch. Aber allzu viele Menschen dürften sich darüber hinaus wohl nicht davon angesprochen fühlen. Wie ich kürzlich  hier geschrieben habe, hat die Philosophie als Wissenschaftsdisziplin  nicht gerade Konjunktur – ganz im Widerspruch zu dem von ihren Vertretern beklagten Gebrauch des Begriffs, worauf ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Zur Unsinnigkeit des inflationären Ge- bzw. Missbrauchs des Philosophiebegriffs ist genug gesagt und geschrieben worden. Stattdessen möchte ich darüber plaudern, welche Rolle die Philosophie für mich ganz persönlich spielt und was mich an ihr seit Jahrzehnten fesselt.
Es begann mit der Physik. Ja, ich wollte mal Physiker werden. An der Physik faszinierten mich weniger die putzigen Experimente, die unsere Lehrer uns vorführten, oder, wie man vielleicht aus der Tatsache schließen könnte, dass später eine Art Mathematiker aus mir geworden ist, die Formeln, aus denen man schwuppdiwupp die Weltbewegungen herleiten konnte, nein, mich faszinierten die Großen Fragen nach Raum und Zeit, Materie und Energie, die Fragen danach, woher das alles kommt, wohin es geht und warum es so ist, wie es ist. Ich war ein Träumer, der seine Weltsicht nicht zuletzt aus den Geschichten und Romanen von Stanislaw Lem schöpfte, der über Neutronensterne und Schwarze Löcher las und versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl innerhalb einer Schwarzschildsphäre zugehen mochte.
Den ersten dezidiert philosophischen Disput hatte ich mit unserer Lehrerin im reichlich verrufenen Schulfach Staatsbürgerkunde, in dem uns u.a. auch marxistische Philosophie eingetrichtert wurde. Die Diskussion drehte sich um das Verhältnis von Geist und Materie. Ich stellte die Frage, warum man annehmen sollte, dass der Geist nicht materiell sei. Wenn man Materialist wäre, müsse es doch auch eine materialistische Erklärung für den Geist geben. Nun, Kenner der damaligen Verhältnisse wissen, dass dieser Disput nicht zu meinen Gunsten ausgehen konnte, was mir heute umso merkwürdiger erscheint, als, wie ich jetzt weiß, in jenen 1970er Jahren amerikanische und britische Philosophen verschiedene Theorien ausarbeiteten, deren Ziel gerade die Rückführung geistiger Phänomene auf materielle Ursachen war und die u.a. als reduktionistischer Naturalismus oder Physikalismus bekannt wurden. Unsere (pseudo-)marxistische Schulphilosophie steckte zu der Zeit noch tief im 19. Jahrhundert und war über Ernst Häckels „Welträtsel“ wohl noch nicht hinaus gekommen.
Die Philosophie begleitete mich in den folgenden Jahren sowohl als Studienpflichtfach als auch als private Passion. Dort, wo ich studierte, und das lag um einiges weiter östlich als Frankfurt an der Oder, nahm man es mit der Abgrenzung von „bürgerlicher Ideologie“ nicht so genau, und so las und referierte ich Hegels „Wissenschaft der Logik“ oder Spinozas „Ethik“, lernte Freuds Menschenbild kennen und befasste mich mit Ernst Machs Wissenschaftstheorie. Als Doktoranden hatten wir gar ein einsemestriges Seminar zu belegen, das sich in je vier Wochenstunden mit Wissenschaftsphilosophie und Erkenntnistheorie befasste, und dort ging es beileibe nicht um Marxismus. Es wurde gestritten über philosophischen Konstruktivismus, erkenntnistheoretischen Behaviorismus, Utilitarismus u.d.g.m. Dank Poincare und anderen, über die philosophischen Grundlagen der Mathematik sinnierenden Autoren wurde ich schließlich Platoniker. Das heißt, ich glaubte und glaube es irgendwie bis heute, dass da draußen etwas ist, was unabhängig von uns existiert und harrt, als Formel oder Gleichung entdeckt zu werden.
Daneben entwickelte sich eine Vorliebe für philosophisch angehauchte Literatur, Literatur also, die die Großen Fragen stellt, Fragen nach der Natur des Menschseins, dem Verhältnis von geistiger Produktion zur natürlichen Körperlichkeit, der Identität des Subjekts, aber auch nach der Bestimmung der Menschheit als Gattung. Dazu gehörten vor allem die Werke von Jorge Luis Borges, Max Frisch und Fjodor Dostojewski.
Was mich an der Philosophie fasziniert, sind eben diese Fragestellungen. Es geht nicht um die Antworten, die Fragen sind das Entscheidende. Und es ist die Art, wie die Fragen gestellt werden, wie der Philosoph versucht, sich zunächst dem Kern der Frage zu nähern, sie wie ein Forensiker zu sezieren, von allen denkbaren Seiten zu betrachten, Zusammenhänge aufzudecken und sich langsam und behutsam möglichen Antworten zu nähern. Es ist dieser begehbare intellektuelle Prozess, der für mich die Faszination philosophischer Literatur ausmacht. Selten wird ein Ergebnis präsentiert, nie ein endgültiges Urteil. Gesetze gibt es nur als Werkzeuge, nicht als Wahrheiten. Wie die Mathematik ist die Philosophie eine Art Denksport. Es geht darum, seinen Geist maximal zu beanspruchen, um daraus ein Höchstmaß an intellektueller Befriedigung zu gewinnen. Die Metapher vom Denksport passt auch insofern, als es bspw. großes Vergnügen bereitet, beim Laufen auf der Hausrunde nach 20-30 Minuten den Mindflow anspringen zu lassen und dann genüsslich vor sich hin zu denken, während die Beine sich wie von selbst bewegen.
Ich war immer ein Freund eher essayistischer Philosophie, die ja gerade in Deutschland u.a. mit Peter Sloterdijk voluminös (was sich nicht auf die Person bezieht) und öffentlichkeitswirksam vertreten ist. Zur Faszination des Denkens gehört eben auch die Sprache, denn wir denken nun mal in Sprache. Und die Wirksamkeit eines Gedankens hängt nicht unerheblich an seinem sprachlichen Ausdruck. In letzter Zeit aber hat sich ein Interesse am analytischen Zweig der Philosophie entwickelt, also hin zur akademischen und theoretischen Philosophie, die wohl in Kant ihren Stammvater hatte. Dieses neue Interesse hängt damit zusammen, dass sich inzwischen die Großen Fragen ohne Rückgriff  auf die sprachsezierenden Methoden der analytischen Philosophie nicht einmal mehr sinnvoll stellen lassen.  Das alte Körper-Geist-Problem, mit dem (s.o.) auch bei mir alles begann, ist so eine Fragestellung, die sowohl der analytischen Durchdringung (Was ist Geist?) als auch der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (Was ist Körper?) bedarf.  Und manchmal zeigen sich dabei ganz spannende Zusammenhänge.
Gestern z.B. kam mir (beim Laufen) der Gedanke, dass die kommunistische Idee von der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln schon deshalb nicht realisierbar sein könnte, weil dem psycho-philosophische Erkenntnisse widersprechen. Aus den Neuro- und Biowissenschaften weiß man, dass jeder Mensch (wie auch jedes hinreichend entwickelte Lebewesen) über ein Körpermodell verfügt. Unsere Selbstwahrnehmung und folglich unser Selbstbewusstsein basieren auf diesem Körpermodell. Gebraucht man ein Werkzeug, und zwar systematisch und zielgerichtet, dann findet ein Prozess der immer besseren Integration dieses Werkzeugs in das Körpermodell statt. Auf einer neuronalen Ebene wird das Werkzeug schließlich zu einem Teil des Körpermodells und damit auch funktional zu einem Teil des Körpers. Sollte man sich nicht fragen, wie es sein kann, dass man mit einem Fahrrad ziemlich genau auf eine enge Durchfahrt zusteuert und dann auch noch ohne anzuecken durch sie hindurch kommt, oder dass man mit einem 1,5 Tonnen wiegenden Auto ohne Einparkhilfe aus einem fast zugestellten Parkplatz wieder hinaus manövriert? Und das sind nur Alltagsbeispiele, die jeder nachvollziehen kann. Akrobaten und Spitzensportler zeigen, wie  perfekt Körper und Werkzeug zu einer funktionalen und auch mentalen Einheit zusammen wachsen können.
Jeder von uns hat Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken, ja auch Träume. Und er weiß  oder empfindet es zumindest, dass diese mentalen Phänomene seine eigenen sind. Eigen in dem ganz einfachen Sinn, dass sie privat und nicht öffentlich sind, dass sie mit niemandem geteilt werden müssen. Man kann darüber reden, muss es aber nicht. In der Philosophie gibt es dafür den (nicht wirklich) schönen (und typisch deutschen) Begriff der Meinigkeit [2].  Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Qualia und meint damit die individuelle, zutiefst subjektive Qualität eines mentalen Zustands. Zugegebenermaßen habe ich mich längere Zeit schwer getan, diese Qualia als real zu akzeptieren. Es lag außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass sich jemand anders selbst anders anfühlt als ich mich selbst anfühle, oder konkret ausgedrückt, dass das Gefühl, ein Paar Langlaufski an den Füßen zu haben, für Petter Northug ein anderes sein könnte als für mich. Doch wenn man Petter Northug so langlaufen sieht, besteht kein Zweifel: Für ihn sind die Bretter definitiv Teil seines Körpermodells geworden und zwar auf eine Weise, die man sich als Außenstehender eben nicht vorstellen kann. 
Wenn es nun in unserer Natur liegt, Werkzeuge in unser Körpermodell zu integrieren und sie uns so anzueignen, wenn es noch dazu unser Bestreben ist, dies immer besser zu tun, und wenn sich in diesem Körpermodell die Meinigkeit des Individuums manifestiert, dann kann von Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln keine Rede mehr sein. Was sind Produktionsmittel anderes als Werkzeuge? Sie müssen ja nicht immer materieller Natur sein. Wie uns die Banker und Anleger zeigen, kann auch Geld ein solches Werkzeug sein, das mental in das eigene Selbstmodell (das Körpermodell ist Teil des Selbstmodells) integriert wird: „Ich bin mein Geld.“ Es ist wohlfeil, von der Natur des Menschen zu sprechen, wenn es um die Begründung der Wettbewerbsökonomie geht. Wenn die Dinge aber so liegen, dass wir nur Mensch sein können, in dem wir uns die Dinge aneignen und sie insofern privatisieren, dass wir sie zu immer integrierteren (meinigeren) Bestandteilen von uns selbst machen (egal ob materiell oder ideell), dann erübrigt sich jede Diskussion um Privateigentum: "Ich bin, was ich mir aneigne." Umgekehrt bleibt mir das fremd, was ich mir nicht aneignen kann, sei es aus Unvermögen oder weil man mich nicht lässt. So gedacht, würde - ganz gegen Marx - eher die kommunistische Idee zur Entfremdung führen.
Heute also ist der Welttag der Philosophie. Und das ist gut so, denn die Philosophie, vielleicht das zweitälteste Gewerbe der Welt, hat diesen Feiertag verdient. Dann wollen wir doch feiern, jeder auf seine (Seinigkeits-)Weise, und mit dem bedeutenden TV-Philosophen Oliver Kalkofe ausrufen: „Stösschen!“[3]



[1] Holm Tetens. Philosophisches Argumentieren: Eine Einführung. C.H.Beck 2010
[2] Thomas Metzinger, Subjekt und Selbstmodell. Mentis 1999
[3] Seinerzeit als Aufmunterung geprostet anlässlich eines misslungenen „Wort zum Sonntag“ am Vorabend des Muttertags.

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag, in dem sich freie Menschen verpflichten, ...