Dienstag, 11. September 2012

Das heilige Profane

In einem früheren Blog-Eintrag1 hatte ich mich mit einem kurzen Text aus Giorgio Agambens Sammelbändchen „Profanierungen“ befasst. Ich möchte darauf zurück­kommen, das Thema nun aber weiträumiger zu fassen versuchen.

Profanierung meint Entweihung, Entheiligung, Verweltlichung des Sakralen.

Das Christentum (wie auch das Judentum) anerkennt in erster Näherung nur Gott al­lein und die, die an ihn glauben, als heilig: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“ (Lev 19,2) Dass darüber hinaus auch Orte, Gebäude oder Bücher als heilig angesehen und verehrt werden, dürfte dem Wunsch geschuldet sein, dass der Ort der Huldigung des Heiligen selbst heilig zu sein und die Schrift als Verkündigung von Gottes Wort ebenso seine Heiligkeit zu übernehmen habe. Auch Gegenständen, wie dem Kreuz, kann Heiligkeit eignen. Heiligkeit in diesem erweiterten Sinn bedeutet dann Teilhabe von Orten und Dingen an Gottes Heil. Damit zieht, nebenbei gesagt, ein Hauch von Pantheismus in das monotheistische Kirchengebäude. Allerdings sind solcherart Verheiligungen den anderen monotheistischen Religionen ebenso wenig fremd. Man denke nur an den Umgang der Juden mit der Tora oder an die Zeremoni­en der Moslems während des Haddsch in Mekka. Daneben genießen auch religiöse Rituale, Prozeduren oder Bräuche den Status der Heiligkeit und werden als Sakra­mente bezeichnet (Taufe, Ehe usw.). Heiligkeit ist mithin Ausdruck einer symboli­schen Beziehung zum Göttlichen. Heilig ist, was zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln hilft.
Im engeren Sinne sind, wie ich glaube, nur Gott selbst, seine „Beamten“2, die Engel nämlich, und seine Gläubigen wirklich heilig. Auf Erden gehören nur die Gläubigen zur Gemeinschaft der Heiligen, nur sie sind Volk Gottes. Davon zeugt wohl auch das Bilderverbot in Ex 20,4. Denn jeder Gegenstand und jedes Bild, denen Heiligkeit zu­gesprochen wird, kann selbst zum Objekt der Vergöttlichung mutieren, so dass die Gefahr eines Verstoßes gegen das oberste Gebot „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ (Ex 20,3) bestünde. So verstanden trägt das monotheistische Heilig­keitsverständnis den Keim der Profanierung von Anfang an in sich, denn anders als die Polytheismen erlaubt es keinen Wechsel der Heiligkeitssubjekte zu anderen Hei­ligkeitsobjekten, sondern nur die komplette Aufgabe der Heiligkeit selbst, die Profa­nierung also. Andere Heiligkeitsobjekte gibt es schlichtweg nicht. Noch einmal: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ (Ex 20,3) Und stärker noch: „Er ist Gott, außer dem es keinen Gott gibt.“ (Sure 59,22) Hier findet der von Jan Assmann geprägte Begriff der Mosaischen Unterscheidung3 seinen tieferen Sinn: Die definitorische Macht des Gebots vom alleinigen Gott macht den, der sich von diesem Gott abwendet, nicht zum Anders- sondern zum Ungläubigen. Sie entzieht ihm die Bürgerrechte in Gottes Volk, übergibt ihn der Vogelfreiheit und macht ihn so zum Home Sacer4. Die Abkehr des Einzelnen vom konkreten Gott der Gemeinschaft ist somit Abkehr vom Heiligen schlechthin. Und da es per definitionem außerhalb der Gemeinschaft der Heiligen keine Heiligkeit gibt, kann der Abtrünnige Heil nur in sich selbst finden. Der Homo Sacer lebt, so lange er noch zu leben hat, in selbstermächtigter Heiligkeit, die nur aus unheiliger Selbstermächtigung zu gewinnen ist.
Indem er aber das ihm von der Gemeinschaft offerierte Geschenk der Heiligkeit qua Teilhabe ablehnt, gerät er unweigerlich in den Ruch, gemeinschaftlichen Symbolen und damit gemeinschaftlichen Konventionen grundsätzlich ablehnend gegenüber zu stehen. Die Gemeinschaft konkludiert aus der Abkehr vom einen Gott die Abkehr von der Gemeinschaft selbst, denn wenn dem Abtrünnigen einmal etwas nicht heilig ist, dann besteht Anlass zur begründeten Vermutung, dass ihm nichts mehr heilig sein könnte – anything goes, und so bedeutet in den Augen der Gemeinschaft Profanie­rung nicht nur Entsakralisierung sondern vielmehr Entsozialisierung. Im Kern ist Profanierung weniger Säkularisierung als Individualisierung, und das sich selbst profanierende Individuum trägt den Spaltpilz der sozialen Zersetzung in die Gemein­schaft. Und ist es nicht auch so? Wer sich nicht zu Gott bekennt, bekennt sich entwe­der zu gar nichts oder, was noch schlimmer ist, zu Abgöttern, von denen es, weil men­schengemacht, unzählige gibt. Er macht sich damit selbst zum Demiurgen, zum Schöpfer einer gottlosen Heiligkeit, die heilig aber nur in dem individuellen Bezug des Profanierenden zu seinen selbstgemachten Abgöttern ist.
Die europäische Aufklärung ist ein solches Projekt der Profanierung des gemein­schaftlichen Ganzen. Ein Ziel der Aufklärung war die Befreiung des Individuums, um es zu rational begründeter Bestimmung über das eigene Leben zu ertüchtigen, zur Selbstermächtigung eben. Politisch bewirkte das Projekt Aufklärung nicht nur die De­mokratisierung, sondern auch die Säkularisierung der Gesellschaften. Das Endstadi­um dieser Entwicklung, in das wir wohl spätestens mit dem faktischen Sieg des Wes­tens über die staatlich organisierte kommunistische Ersatzreligion eingetreten sind, zeichnet sich nun durch eine alles erfassende und alles durchdringende Profa­nierung aus. Wer würde ernsthaft behaupten, dem postmodernen, partikularisierten, flexiblen Menschen5, dem Idealmenschen der Marketingstrategen, der Personalbera­ter, der Wahlkampfmanager6 wäre auch noch irgendetwas wirklich heilig? Individua­lisierung und Profanierung sind zwei Seiten einer Medaille, das eine ist ohne das an­dere nicht zu haben. Und wenn hier und da über Relativismus und Werteverfall la­mentiert wird, wobei die Protagonisten dieser Lamenti von den meisten Beobachtern nur müde belächelt werden, dann zeigt das nur, wie weit fortgeschritten und irreversibel der Profanierungsprozess inzwischen ist.
Doch kommen wir wirklich ohne Heiliges aus? Ich meine: Nein. Und Agamben sieht das in seinen kurzen Texten wohl ebenso. Ihm geht es um die Rückgewinnung des Heiligen aus dem Profanen. Auf den ersten Blick scheint dies widersprüchlich, doch ist es aus Agambens Sicht möglich, denn alles Profane war vormals Heiliges und trägt immer noch einen heiligen Wesenskern in sich. Diesen gilt es auszugra­ben und wieder nutzbar zu machen, um statt des ursprünglich damit assoziierten ge­meinschaftlichen ein individuelles Heil zu gewinnen. Insofern für Agamben die Figur des Homo Sacer paradigmatisch ist für den Zustand des Individuums im 20. /21. Jahrhun­dert, weist er ihm die Aufgabe zu, seine, gleich ob gewollte oder ungewollte Entsozia­lisierung zur heilenden Selbstermächtigung zu nutzen. Wenn wir das Heilige brau­chen, ist die Rückgewinnung der Heiligkeit aus dem Alltäglichen ein individueller Akt der Emanzipation von der Herrschaft des Gewöhnlichen im globalen Mainstream des anything goes.
2 Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit. Suhrkamp 2010
3 Jan Assmann, Moses der Ägypter. Fischer 2011
4 Giorgio Agamben, Homo Sacer. Suhrkamp 2002
5 Richard Sennet, Der flexible Mensch. Bloomsbury 2000
6 ders. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Bloomsbury 2006

Freitag, 31. August 2012

Ach Lance, ach Ulle!


Nun ist es also endlich raus: Der große Lance ist überführt. Er wurde zwar nie erwischt, doch die Zeugenaussagen scheinen so stichhaltig, dass jedenfalls für die amerikanische Antidopingagentur USADA keine Zweifel mehr daran bestehen, dass Lance Armstrong jahrelang systematisch gedopt hat. Und das ist natürlich alles andere als eine Überraschung.
Wir, die wir den Profiradsport seit Jahrzehnten verfolgen und als mehr oder weniger ambitionierte Hobby-Radler eine ganz gute Vorstellung davon haben, was die Jungs auf den Carbon-Maschinen bei der Tour de France, beim Giro d´ Italia oder bei den schweren Eintagesrennen wie Paris-Roubaix zu leisten haben, wir, die wir uns mit Leidenschaft und unter Schmerzen über die legendären Alpen- und Pyrenäenpässe quälen oder mit Gleichgesinnten an Jedermann-Rennen über mehr als 200 km und 4000 Höhenmeter teilnehmen, nur um den Hauch eines Eindrucks davon zu bekommen, was es bedeutet, Radprofi zu sein, und dabei nicht einmal das Privileg gesperrter Straßen genießen dürfen, ja wir haben es die ganze Zeit gewusst. 


     Lance Armstrong 2002 am Mt. Ventoux ((c) Autor)

Insofern Wissen nichts anderes ist als begründete Überzeugung, haben wir gewusst, dass auch und gerade Lance in die medizinische Trickkiste gegriffen hat. Warum auch sollte, wenn über all die Jahre rundherum ein Profi nach dem anderen beim Dopen erwischt wurde, gerade er sauber gewesen sein? Das erscheint heute und es erschien schon damals höchst unplausibel. Nicht, dass mir Ulle leidtun würde, doch seine Aussage, er habe niemanden betrogen, ist unter den herrschenden juristischen Umständen in ihrer Ehrlichkeit und Eindeutigkeit kaum zu toppen.
Es wäre sicher zu einfach, das Thema Doping lapidar mit dem Verweis auf die verderbliche Macht des Geldes abzutun. Der Profiradsport gehört, gemessen an der Dichte des Wettkampfkalenders, an der Schinderei der Athleten und den Risiken, denen sie ausgesetzt sind, zu den schlecht bezahltesten Sportarten überhaupt, auch und gerade was das Preisgeld angeht. „Wo es ums Geld geht wird betrogen.“, greift hier zu kurz. Der Sportsoziologe und Philosoph Gunter Gebauer hat das, worum es bei der Tour de France wirklich geht, in die folgenden Worte gefasst: „Die Tour ist mit allen ihren Facetten diesseitig, mit dem Interesse am Geldverdienen, an Ruhm, Bekanntheit und Darstellung von Männlichkeit, mit der gnadenlosen Konkurrenz, der Erschleichung von Vorteilen, dem Doping, das seit langem zu ihrer Geschichte gehört. Aber diese Banalität des Materiellen wird überhöht, ins Immaterielle gewendet durch den Wunsch, zum Helden zu werden.“[1] Es geht also um Heldentum, es geht um das übermenschliche Leiden und deshalb um die übermenschliche Größe, die der Sieger verkörpert. Das Faszinierende an den Duellen zwischen Lance und Ulle am Anfang des letzten Jahrzehnts war ja, dass beide in Mimik und Gestik dieses übermenschliche Leiden verkörperten. Mit Rasmussen, Contador und den Schleck-Brüdern verschwand diese Faszination umgehend.
Man sollte Lance also nicht nur als eiskalten und rücksichtslosen Geschäftemacher sehen, der alles und jeden für seine persönlichen Interessen missbraucht hat. Das u.a. wird ihm, sicher zu Recht, vorgeworfen. Die Sache ist m.E. viel schlimmer. Der spanische Ex-Radprofi Jesus Manzano hat bei seinen Vernehmungen durch die spanische Staatsanwaltschaft davon berichtet, dass Doping abhängig macht. Dopingmittel sind wohl i.d.R. keine suchterzeugenden Substanzen, doch die zunehmende Abhängigkeit des sportlichen Erfolgs von der Verwendung verbotener Mittel und Methoden, führt eben zur psychischen Abhängigkeit. Damit einher geht dann, laut Manzano, ein zunehmender Realitätsverlust. Der Doper bekommt ein schiefes Bild von sich und von der Welt. Wenn er dazu noch der Überzeugung ist, seine Kollegen täten das Gleiche wie er, wird dieses Bild noch schiefer. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in diesen Tagen einige Exkollegen Lance Armstrong nicht den Betrug an sich vorwerfen, sondern, dass er sich in jenen Jahren der sportlichen Überlegenheit auch als Mensch ihnen gegenüber wie ein Überlegener verhalten habe. Kurz gesagt: Lance war ein Arsch, und er benimmt sich wohl auch heute noch so. Der Realitätsverlust scheint so tiefgreifend, dass er immer noch meint, unantastbar zu sein wie vor zehn Jahren. Nimmt er womöglich immer noch was?
Und wir? Lieben wir Helden ohne Großmut und ohne Demut? Ne, dann schon lieber Ulle, den gefallenen Engel, der nicht clever genug war, sich ebenso elegant aus der Fuentes-Affäre zu ziehen wie ein Valverde, und nun (in Demut?) beim Ötztaler in der Menge der Jedermänner untertaucht. Vielleicht wollte Ulle, der große Junge, ja nie ein Held werden, bis ihn andere zu einem machten? Vielleicht hatte er von sich aus nie das Ego, die Ruhmsucht oder auch nur den Ehrgeiz gehabt, ganz oben zu stehen und Herr über die Welt zu sein? Das würde ihn für unsereinen wiederum sympathisch machen.
Wichtiger als die Frage, ob Lance nun seine Toursiege aberkannt bekommt, ist, was man sporthistorisch mit den neunziger und nuller Jahren überhaupt anfängt. Die bisherige Praxis, einfach nachträglich den Zweitplatzierten auf den Thron zu hieven, scheint mir in diesem Fall absurd: Ullrich, Klöden und all die anderen waren genauso fragwürdig unterwegs. Mein Vorschlag wäre, keinem seinen Titel abzuerkennen und die Statistiken so zu belassen,  wie sie jetzt sind, aber stattdessen hinter den Namen der Sieger und Platzierten  zu vermerken, ob und wann derjenige nachträglich des Dopings überführt wurde. Das würde zumindest dem Vergessen vorbeugen.



[1] Der Freitag, 18.07.2003

Dienstag, 14. August 2012

Gedanken machen

Ein Gedanke, ein bewusst gedachter Gedanke, wird m.E. stets in Worten ausgedrückt - mal sind es Worte, mal Phrasen, mal ganze Sätze. Gedanken haben eine sprachliche Form. Dass es vorsprachliches Denken gibt, möchte ich bezweifeln. Diese Vorstellung scheint mir äußerst unplausibel zu sein.[1] Ich glaube, Denken, so wie wir es kennen, und das heißt nicht Empfinden, nicht Vorstellen, nicht Ahnen, hat zur Bedingung seiner Möglichkeit die grundsätzliche Fähigkeit zur sprachlichen Artikulation. Dem widerspricht auch nicht die Tatsache, dass sich Sprache nicht nur akustisch oder in Schriftsymbolen ausdrückt, sondern genauso gut in Gesten, Gebärden oder Mimik, denn solcherart Sprachformen lassen sich ohne weiteres in Laut- oder Symbolsprache übersetzen.
Nun kennt man wohl geometrisches, bildnerisches oder musikalisches Denken, verstanden als die höhere geistige Tätigkeit, Formen, Muster, Farben oder Töne sich vorzustellen und in Beziehungen zueinander zu setzen, sie also ähnlich zu behandeln wie Buchstaben, Wörter und Sätze der Sprache. Nach meinem Dafürhalten ist das kein propositionales Denken, sondern von diesem qualitativ unterschieden. Gegen eine Vermengung dieser kognitiven Funktionen spricht auch die Tatsache, dass sich die ästhetischen bzw. mathematischen Assoziationsformen ineinander überführen lassen - nicht im Sinne einer strengen Isomorphie, doch bekanntermaßen gibt es Menschen, die Musik „sehen“ oder geometrische Objekte „hören“ können. Ich glaube aber, ein solches ästhetisches Denken unterscheidet sich qualitativ grundlegend vom hier thematisierten begrifflich-propositionalen Denken. Soweit zur Abgrenzung.
Naheliegend ist, einen Gedanken als Information aufzufassen. Diese Idee liegt u.a. dem mittlerweile als (auch empirisch) widerlegt anzusehenden Computerfunktionalismus[2] zu Grunde. Dieser erklärt die Funktionsweise des denkenden Gehirns u.a. anhand des Modells der Turingmaschine.[3] Im Computerfunktionalismus wäre ein Gedanke, vereinfacht ausgedrückt, so etwas wie der Output einer Turingmaschine, wobei die Hirnphysiologie die Rolle der Maschinenhardware und die verschiedenen Erregungszustände des Gehirns die Rolle von Programmen zu übernehmen hätten. Von dieser Vorstellung nicht allzu weit entfernt sind die aktuell favorisierten konnektionistischen Modelle auf der Grundlage neuronaler Netze. Nach diesen wären Gedanken, wie auch andere mentale Phänomene, Zustände von selbst organisierenden, miteinander verbundenen neuronalen Netzen in der „Hardware“ des Gehirns. Aus einer naturalistischen Perspektive erscheint mir das konnektionistische Modell durchaus plausibel, zumal es mittlerweile durch eine große Anzahl empirischer Befunde[4] gestützt werden kann. Ich werde mich im Folgenden daran orientieren.
Donald Davidson versteht unter einem Gedanken einen geistigen Zustand, dessen Inhalt angegeben werden kann.[5] Er folgt damit Gottlob Frege, für den der Gedanke der Sinn (man kann auch sagen der Informationsgehalt) eines Satzes ist.[6] Umgehend stellt sich die Frage, was denn den konkreten Informationsgehalt eines Satzes bzw. eines geistigen Zustands ausmacht. Diese Frage führt wieder zum Informationsbegriff. Leider gibt es bislang keine einheitliche Sichtweise auf den Begriff der Information. Naturwissenschaften (etwa Quantenphysik und Thermodynamik), Geisteswissenschaften und theoretische Informatik verwenden je unterschiedliche Informationsbegriffe. Ich werde mich hier allerdings der gängigen Auffassung der Geisteswissenschaften anschließen, wonach Information in Kommunikationsvorgängen auftritt und eine Bedeutung für den Empfänger[7] hat, was wohl auch dem Verständnis Freges entsprechen dürfte. In jüngster Zeit wird verstärkt thematisiert, dass Information aufs Engste mit Veränderung, mit Differenz zusammenhängt, und zwar insofern als Information  eine Zustandsänderung beim Empfänger bewirkt. Man kann dies so interpretieren, dass sich die Bedeutung einer Information für den Empfänger aus der von ihr vermittelten Zustandsänderung erschließt. Zu den charakterisierenden Merkmalen von Information gehört in jedem Fall, dass sie ohne einen materiellen Träger nicht existiert.
Zusammenfassend lässt sich zunächst fest halten:
  1. Ein Gedanke ist der Informationsgehalt eines mentalen Zustands[8].
  2. Der mentale Zustand ist der Träger der Information.
  3. Der Informationsgehalt ist die Bedeutung der Information.
  4. Die Bedeutung der Information ergibt sich aus der Änderung des mentalen Zustands.
  5. Ein mentaler Zustand ist ein Hirnzustand.
Um zu erklären, was mentale Zustände sind und wie sie entstehen, hat sich der Begriff der mentalen Repräsentation etabliert. Dabei handelt es sich um ein theoretisches Konstrukt zur Beschreibung der Informationsverarbeitung im Gehirn. Allerdings herrscht bislang auch hier kein einheitliches Verständnis darüber, wie mentale Repräsentation zu verstehen sei. Ein gemeinsamer Grundgedanke besteht jedoch darin, dass das Gehirn mentale Repräsentate von inneren und äußeren Wahrnehmungsinhalten bildet und die eigentliche Informationsverarbeitung auf der Ebene dieser mentalen Repräsentate von statten geht. Die mentalen Repräsentate haben eine physiologische Entsprechung in Gehirnstrukturen - neuronalen Netzen und deren energetischen Zuständen. Nach Meinung von Antonio R. Damasio basieren die mentalen Repräsentate auf lokalisierbaren, topographisch organisierten Strukturen im Gehirn.[9]
Thomas Metzinger[10] hat die Repräsentationstheorie dahingehend weiter entwickelt, dass das Gehirn aus den vorliegenden mentalen Repräsentaten diverse mentale Modelle bildet, darunter das eigene Körpermodell, das Weltmodell, das Modell einer anderen Person sowie auch ein Modell von sich selbst - das bewusste Modell, das uns als Selbstbewusstsein erscheint. Metzinger bezeichnet letzteres  als das Selbstmodell.
Somit könnte man sagen, dass ein mentaler Zustand die Interpretation eines mentalen (und damit neuronalen) Repräsentats im Rahmen eines zuständigen mentalen Modells ist. Durch die Interpretation erhält der mentale Zustand seine konkrete Bedeutung als Empfindung, Vorstellung oder auch Gedanke. Wer oder was aber interpretiert hier? Wer oder was gibt einem Gedanken seine Bedeutung? Um diese Frage zu behandeln, komme ich auf den Kommunikationsaspekt der Information zurück.
Mentale Zustände werden bewirkt von mentalen Repräsentaten, die ihre Entsprechung in neuronalen Repräsentaten haben, die wiederum aus Wahrnehmungsinhalten verschiedenster Art gespeist werden. Änderungen der Wahrnehmungsinhalte bewirken Änderungen vorhandener Repräsentate bzw. die Erzeugung neuer. Mentale Zustände werden ursprünglich durch sinnliche Reize hervorgerufen - Bilder durch visuelle Reize, Töne durch akustische usw. Entscheidend ist dabei der jeweilige Kommunikationskanal, bestehend aus somatischem Sensor, neuronalem (und biochemischem[11]) Transportsystem, neuronaler und mentaler Repräsentation. Die Sprache, in der unsere Gedanken sich ausdrücken, verwendet als Lautsprache den akustischen Kommunikationskanal und als Schrift- oder Gebärdensprache (kurz: Symbolsprache oder allgemeiner gefasst: Bildsprache) den visuellen.
Wenn wir davon ausgehen, dass das menschliche Gehirn ein Produkt biologischer und sozialer Evolutionsprozesse ist, scheint es naheliegend, dass sich die spezifisch menschliche Kognitionsleistung des Denkens als Hirnfunktion in diesen Evolutionsprozessen herausgebildet hat. Zunächst hat das menschliche Gehirn gelernt, akustische Signale der Artgenossen aus der eigenen sozialen Gruppe wahrzunehmen, zu repräsentieren und als bedeutungsbehaftet zu interpretieren, sowie, parallel dazu, selbst bedeutungsbehaftete Repräsentate zu erzeugen und diese mittels des Sprechapparats als akustische Signale auszusenden.[12] Denken entsteht also aus genuin sozialen Kommunikationsformen. Das Gehirn ist ein soziales Organ. Voraussetzung für adäquate Informationsübermittlung ist, dass Sender und Empfänger dem übermittelten Signal die annähernd gleiche Bedeutung beimessen, das Signal annähernd gleich interpretieren. Der Sender muss also, wenn er verstanden werden will, eine Vorstellung davon haben, wie der Empfänger das Signal wahrnimmt und interpretiert. Er muss sowohl die Signalwahrnehmung als auch die Signalinterpretation durch den Empfänger antizipieren. Hierzu benötigt der Sender die Fähigkeit, die Wahrnehmung und die Interpretation intern zu simulieren. Bereits bei der Formung eines Gedankens wird der andere Interpret schon immer mitgedacht.
In einer psychologischen Betrachtungsweise führt dies zur Notwendigkeit einer Theory of Mind.[13] Demnach wäre das Vorhandensein einer angemessenen Theory of Mind über den Empfänger eine Voraussetzung für adäquate Gedankenbildung beim Sender. Im Rahmen der Theorie mentaler Repräsentation bedeutet dies, dass der Sender über ein mentales Repräsentat des Empfängers verfügen muss. Mehr noch: Folgt man Metzinger, muss der  Sender ein mentales Modell des Kommunikationspartners, nennen wir es mentales Fremdmodell, haben und die Informationsübermittlung zwischen seinem eigenen Selbstmodell und dem Fremdmodell simulieren. Wenn nun mentale Repräsentate auf Strukturen des neuronalen Substrats beruhen, müsste das Senderhirn wohl eine Simulation der Strukturen des neuronalen Substrats des Empfängerhirns erzeugen. Eine durchaus merkwürdige Vorstellung.
Oder anders ausgedrückt: Damit ein Komplex neuronaler Netze (Senderkomplex) eine Information an einen anderen Komplex neuronaler Netze (Empfängerkomplex) übermitteln kann, müsste er die Zustandsänderungen des Empfängerkomplexes adäquat simulieren, d.h. antizipierend nachbilden. Es scheint fast überflüssig zu vermerken, dass dies nur bei Vorliegen erheblicher struktureller und funktionaler Ähnlichkeit der beiden Komplexe überhaupt vorstellbar ist.
Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild:
  1. Ein mentaler Zustand ist der Zustand eines mentalen Repräsentats.
  2. Mentale Repräsentate beruhen auf Zuständen des neuronalen Substrats, d.h. auf neuronalen Repräsentaten.
  3. Aus mentalen Repräsentaten werden mentale Modelle gebildet.
  4. Kommunikation zwischen Menschen ist die wechselseitige Übertragung von mentalen Zuständen.
  5. Der Sender verfügt über mentale Repräsentate sowie ein mentales Modell des Empfängers.
  6. Beim Generieren des Kommunikationsinhalts simuliert der Sender die Interpretation (Bedeutungszuweisung) durch den Empfänger.
  7. Vor der externen Kommunikation wird diese vom Sender als Kommunikation zwischen mentalem Selbstmodell und Fremdmodell intern simuliert.
  8. Auf neuronaler Ebene ist diese mentale Simulation ein Vorgang der Übertragung von Informationen als Zustandsänderungen.[14]
Wenn Gedanken unabhängig von realen Kommunikationsvorgängen gedacht werden, wenn wir also - so wie ich in diesem Moment - einfach nur so denken, so liegt dem, nach meiner Überzeugung,  eine zur Kommunikationssituation analoge Simulation zu Grunde.[15] Beim Denken kommunizieren zwei mentale Modelle innerhalb eines Gehirns, in dem sie eine reale Kommunikationssituation simulieren. Das Fremdmodell wird durch ein zweites, sicher rudimentäres Selbstmodell bzw. durch die Kopie eines Teil des Selbstmodells ersetzt. Da diese Simulation auf den grundsätzlich gleichen neuronalen Strukturen basiert, erscheint sie dem denkenden Subjekt als innere Rede oder innerer Dialog, die gedachten Gedanken werden von der inneren Stimme gesprochen und vom inneren Ohr gehört, die verwendeten Wörter bzw. Buchstaben werden vom inneren Auge gesehen.[16]
Vor diesem Hintergrund ist unser intuitiver Dualismus und der darauf beruhende Cartesianismus die wohl natürlichste Einstellung, die wir zum Körper-Geist-Problem überhaupt haben können, wenn auch nicht die wissenschaftlich korrekte.


[1] Möglicherweise entspringt diese Aussage auch nur meiner eigenen subjektiven und begrenzten Erfahrung.
[2] Ansgar Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. De Gruyter 2008, S. 156ff
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Turingmaschine; vgl. auch: Roger Penrose, Computerdenken. Spektrum 2009
[4] Vgl. u.a. Antonio R. Damasio,Descartes´ Irrtum. List 2004; Paul Churchland, Die Seelenmaschine. Spektrum2001
[5] Donald Davidson, Voraussetzungen für Gedanken. In derselbe, Der Mythos des Subjektiven. Philosophische Essays.Reclam1993
[6] Gottlob Frege, Der Gedanke. Einelogische Untersuchung. In: derselbe, Logische Untersuchungen. Vandenhoeck &Ruprecht 2003
[7] Die Bedeutung für einen etwaigen Sender ist an dieser Stelle ohne Belang.
[8] Ich bevorzuge das umfassendere Attribut mental, das in seiner Bedeutung auch Empfindungs- und Gefühlszustände umfasst.
[9] „Die meisten Wörter, die wir beim inneren Sprechen verwenden, bevor wir einen Satz sagen oder schreiben, existieren in unserem Bewusstsein als akustische oder visuelle Bilder. Würden sie nicht zu Vorstellungsbildern – und wenn nur von flüchtigster Art -, dann wären sie nichts, was wir wissen könnten.“ Antonio R. Damasio, ebenda, S. 152
[10] Thomas Metzinger, Subjekt und Selbstmodell. Mentis 1999
[11] Transport von Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin oder Glutamat.
[12] Akustische Signalübertragung (Lautsprache) kann hier ohne weiteres durch optische (Bildsprache) ersetztwerden.
[13] Lt. Wikipedia bezeichnet dieser Ausdruck in der Psychologie und den anderen Kognitionswissenschaften die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen, also Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen zu vermuten.
[14] Kurze Anmerkung: Hätte Penrose (vgl.Fußnote 3) Recht mit seiner Annahme, dass Hirnzustände auf Quantenzuständen beruhen, dann wäre bei der Übertragung von Zustandsänderungen auch instantane Fernwirkung durch Quantenverschränkung denkbar. Ein hübscher Gedanke für Anhänger der Parapsychologie.
[15] Daraus kann man schlussfolgern, dass eine der Voraussetzungen für künstliche Intelligenz, verstanden als möglichst getreue maschinelle Nachbildung unserer natürlichen Intelligenz, in der Fähigkeit von Maschinen bestünde, autonom miteinander zu kommunizieren und auf dieser Basis die Intuition für das Vorliegen von Fremdintelligenz zu entwickeln.
[16] Vgl. Fußnote 9

Sonntag, 1. Juli 2012

Duales System


Anlässlich des laufenden Prozesses gegen den Oslo-Attentäter und Utøya-Massenmörder Anders Breivik kommt ein bekanntes Thema wieder hoch, das am Kreuzungspunkt von Neurophysiologie, Psychologie, Moral- und Geistesphilosophie, Rechtsphilosophie und nicht zuletzt praktischer Rechtsprechung angesiedelt ist. Es ist das alte Leib-Seele-Problem bzw. die Frage danach, was eigentlich ein bewusstes Ich ausmacht und in welchem Verhältnis Geist und Gehirn zueinander stehen. Bezogen auf den Breivik-Prozess geht es natürlich um die Frage der Schuldfähigkeit und damit auch um den freien Willen. In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „der Freitag“[1] beleuchtet Redakteurin Kathrin Zinkant die Lage ausgehend vom berühmten Libet-Experiment[2] und weiteren sachdienlichen Informationen aus den Neurowissenschaften.
Es geht nun keineswegs darum, dass ich vielleicht mit ihrer Darstellung nicht einverstanden wäre, sondern vielmehr um eine der verbreiteten Prämissen der ganzen Diskussion, die sich auch in dem genannten Beitrag wieder findet. Mir scheint nämlich, dass der alltagspsychologische und eigentlich auf Descartes zurück gehende Dualismus von Geist und Körper, der sich vor allem darin zeigt, dass überhaupt zwischen Ich und Gehirn unterschieden wird, offenbar noch immer nicht überwunden ist. Warum, so frage ich mich, fällt es so schwer zu akzeptieren, dass es in uns nichts aber auch gar nichts gibt, das unsere Persönlichkeit konstituieren, unsere Empfindungen erzeugen, unsere Gedanken produzieren und sowohl Bewusstes als auch Unbewusstes hervorbringen könnte, als nur unser Gehirn? Wieso soll es eine Einschränkung des freien Willens bedeuten, wenn es kein imaginärer, nicht fass- und nicht vorstellbarer Geist ist, der meine Entscheidungen trifft und meine Handlungen bestimmt, sondern einfach nur das komplexe Organ in meinem Kopf? Was ist so furchtbar schrecklich an der Vorstellung: Mein Gehirn ist mein Ich?
Es scheint, als wäre es besonders für die Juristen und die Moralphilosophen ein größeres Problem anzuerkennen, dass ihr Begriff des freien Willens, den ja die Anerkennung der Schuldfähigkeit im Strafprozess voraussetzt, lediglich ein abstraktes Konstrukt ist, bei dem es mitnichten darum geht, den Menschen in eine Beziehung zu seinem konkreten Körper nebst aller seiner Organe zu setzen, sondern in Beziehung zu seinen Handlungen und deren möglichen Konsequenzen. Womöglich hat dies ja mit der einzigartigen Sonderstellung des Denkens als menschlicher Tätigkeit zu tun, die sich in seiner Reflexivität bzw. Selbstbezüglichkeit ausdrückt, wobei noch darüber nachzudenken wäre, ob diese Reflexivität nicht lediglich ein Sprachphänomen ist, das daher rührt, dass das Denken zu den Tätigkeiten gerechnet wird, ohne eine Handlung im eigentlichen Sinne zu sein. Handlungen sind nicht reflexiv, sie sind stets auf etwas anderes gerichtet. Selbst Empfindungen oder Gefühle oder Erinnerungen sind nicht reflexiv, oder ist es etwa jemals gelungen, ein Empfinden zu empfinden oder ein Fühlen zu fühlen oder ein Erinnern zu erinnern?  Nur das Denken kann auch sich selbst zum Gegenstand haben: Ich kann zwar nicht denken, dass ich denke, aber ich kann Gedanken und auch das Denken selbst zum Gegenstand meines Denkens machen.
Das Denken ist also eine Tätigkeit höherer Ordnung, wie der Philosoph sagen würde. Dumm nur, dass der Philosoph spätestens seit Wittgenstein weiß, dass nicht das Denken als solches Gegenstand des Denkens ist, vielmehr sind es Sprachgebilde – Wörter, Sätze, Begriffe usw. Denken spielt sich in Sprache ab. Außerhalb der Sprachform gibt es keine Gedanken. Es gibt auch kein vorsprachliches Denken: Bewusstseinstätigkeit außerhalb der Sprachform hat allenfalls Bilder, Töne, Vorstellungen zum Inhalt. Sobald ich versuche, über Bilder, Töne oder Empfindungen zu denken, bediene ich mich der Sprache, um meine Eindrücke überhaupt erst denkbar zu machen. Das aber bedeutet, es gibt kein Bewusstsein und mithin auch keinen freien Willen außerhalb der Sprache. Siegmund Freud, der Entdecker des Unbewussten, hatte seine psychoanalytische Methode auf der Erkenntnis aufgebaut, dass Unbewusstes erst durch Versprachlichung bewusst werden kann, gewissermaßen zur Sprache kommen muss, und so das Sprechen als Therapieform etabliert.
Der freie Wille, bezogen auf eine konkrete Handlung, setzt voraus, dass das Subjekt des Handelns fähig ist, sich Gedanken über die beabsichtigte Handlung und deren Konsequenzen zu machen, sein potenzielles Handeln antizipierend zu reflektieren, was eben nur in Sprache geschehen kann. Bezogen auf die Schuldfähigkeit kann die Frage also nur lauten, inwiefern die konkrete Handlung vom handelnden Subjekt sprachlich-gedanklich reflektiert werden konnte. Entscheidend ist dabei aber nicht, wie Handlungsabsichten im Hirn entstehen oder in welcher neurophysiologischen Beziehung der Geist zum Gehirn steht. Das sind für sich genommen hoch interessante und hoch aktuelle naturwissenschaftliche Fragestellungen, die m.E. jedoch in keiner Beziehung zum freien Willen stehen. Anders gesagt: Moralisches Handeln kann und sollte nicht reduktionistisch naturalisiert werden.
Es bleibt die Frage, wieso der cartesianische Dualismus offenbar so tief in der Alltagspsychologie verwurzelt ist, dass er z.T. immer noch bestimmend für die Bewertung neurophysiologischer Erkenntnisse zum Verhältnis von Geist und Körper ist. Es mag daran liegen, dass er unseren Intuitionen und vor allem unserer Erfahrung der Selbstreflexion eher entspricht als etwa die sprachlich komplexen Denkgebilde eines Martin Heidegger, der nicht das Ich ins Zentrum stellte, sondern die (körperliche) Welt mit dem Ich mittendrin, ohne zwischen den beiden, Welt und Ich, einen cartesianischen Gegensatz zu konstruieren. Auch spielt wohl unsere christliche Denktradition eine Rolle, die, obwohl in der Bibel an keiner Stelle davon die Rede ist, getreu ihrer scholastisch-aristotelischen Traditionslinie zwischen vergänglichem Körper und unsterblicher Seele unterscheidet. Vielleicht aber ist es auch einfach nur die tiefe Sehnsucht nach Unvergänglichkeit im Angesicht des Todes.

Samstag, 26. Mai 2012

Die Partei


Als Martin Sonneborn und seine Titanic-Kollegen anno 2004 mit Der PARTEI an die Öf­fentlichkeit gingen, war jedem geistig halbwegs gesunden Menschen klar, dass es sich bei Der PARTEI um einen hübschen satirischen Fake handelt. Aus mir unerfindli­chen Gründen ist das bei den Piraten anders. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Vertreter der Piratenpartei nicht über den Bekanntheitsgrad und den spaßpubli­zistischen  Hintergrund verfügen wie die PARTEI-Gründer und auch in ihren öffent­lichen Auftritten durchaus politische Ernsthaftigkeit zu vermitteln suchen. Mir jeden­falls fällt es schwer, die Piratenpartei ernst zu nehmen. Selbst wenn man annimmt, der inzwischen nicht unerheblichen Wählerschaft der Piraten ginge es primär um Protest, und die Piraten als aktuell einzig wählbare Alternative zu den ermüdend kor­rekten etablierten Parteien ansieht, stellt sich zumindest die Frage, was an den Pira­ten denn Alternative und was Protest sein soll. Und wenn Protest und Alternative, dann wogegen und wozu?
Umgehend wird man entgegnen können, den Piraten ginge es nach eigenem Bekun­den in erster Linie um einen anderen Politikstil, um Offenheit und Transparenz. Dann wäre also Glasnost nach einem guten Vierteljahrhundert auch in Deutschland angekommen. Nun sind Stilfragen im Politikbetrieb keineswegs unwichtig, im Gegen­teil: Ein Gutteil der Wählerermüdung rührt zweifelsohne her von der offensichtlichen Distanz zwischen eigener Alltagserfahrung einerseits und abgehobener Problem­wahrnehmung und Problemartikulation durch die politischen Akteure andererseits. Auch lässt sich nicht behaupten, das entgegen aller gut gemeinten Informationsfrei­heitsgesetze immer undurchsichtiger und z.T. undurchdringlicher werdende bürokra­tische Unterholz befördere den staatsbürgerlich-demokratischen Frohsinn. Insofern sind Offenheit, Transparenz und Bürgerbeteiligung sicher hehre Ziele, die zu verfol­gen Unterstützung verdient. Gerade ein anderer Aspekt der politischen Stilistik aber ist es, der nachdenklich stimmt.
Die Piratenpartei versteht sich selbst als sozialliberale Bürgerrechtspartei, sieht sich also gar nicht außerhalb vom oder randständig zum etablierten politischen Spektrum. Und so scheint es auch von Anfang an ihr Bestreben zu sein, auf ganz traditionellem Wege in die Parlamente zu kommen. Es mag an meinem Alter liegen, aber Alternati­ven und Protest stelle ich mir anders vor: Außerparlamentarische Opposition, Neues Forum, Attac, Occupy. Wenn es doch bei den Piraten nur etwas gäbe, was ein biss­chen nach Rebellion riechen würde... Fehlanzeige! Statt dessen nur allzu brave Forde­rungen nach weitgehend uneingeschränkten Kopierrechten auf digitale Inhalte und ansonsten nach allem Möglichen, das nach politischem und sozialem Fortschritt klingt, wobei die konkreten Inhalte ironischer- bzw. passenderweise überwiegend zu­sammen kopiert sind. Recht deutlich zeigt sich das bspw. an dem butterweichen und eigentlich lächerlichen Statement zur Leiharbeit, dem m.E. übelsten Übel auf dem Arbeitsmarkt: „Um sie nicht als Konkurrenz und Druckmittel gegen die Stammgesell­schaft [Gemeint ist wohl Stammbelegschaft, sic!] zu etablieren, stehen wir für eine Be­grenzung der Leiharbeit ein.“1 Da wird nicht einmal gefordert, da wird „eingestanden“. Und alles schön im Rahmen der vorgefundenen Verteilungsverhält­nisse. Das er­innert doch arg an die berühmte Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze2 des Jaroslav Hašek.
Mein womöglich antiquiertes Verständnis von Wirtschaft und Moral sagt mir, dass das Internet keinen Wert an sich hat. Der Wert einer Festplatte  (nicht ihr Preis!) be­misst sich nicht an ihrem Fassungsvermögen oder ihrer Rotationsgeschwindigkeit sondern an der Relevanz der auf ihr gespeicherten Informationen. Politischen Dilettantismus in der Form kann man ja tolerieren oder gar sympathisch finden, intellektuellen Di­lettantismus in der Sache muss man sich keineswegs gefallen lassen. So gesehen er­scheinen die Piraten nicht, wie man gerne annehmen würde, als die Interessenvertre­ter eines digitalen Großstadtprekariats, sondern als sich elitär gerierende Mittel­schichtheinis und digitale Kostgänger. Sie verkörpern in meinen Augen die Verwechs­lung von Form und Inhalt bzw. reine Form ohne Inhalt und passen somit ganz wun­derbar in unsere deutsche Par­teienlandschaft.
Und genau aus diesem Grund sollte man die Piratenpartei nicht wählen. Nicht, dass ich den anderen Parteien mehr zutrauen oder sie für weniger eigennützig halten wür­de, aber in der realen Welt, in der man so wichtige Tätigkeiten wie Essen, Trinken, Ko­pulieren und Politikmachen verrichtet, ist eine Kopie nun mal von schlechterer Qualität als das Original. Wären die Abgeordneten der Piratenpartei bereit, sich ihre Diäten statt in Original-Euros in deren Papierkopien auszahlen zu lassen, könnte ich mir die Sache ja noch mal überlegen.

Montag, 7. Mai 2012

Fassadenkletterer


Im Januar 2005 hatte ich im Auftrag der bayerischen Justiz für mehrere Tage in Bayreuth zu tun. Ich war in einem kleinen Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs abgestiegen. Kurz nach der Ankunft setzte ich mich in das Hotelrestaurant, um bei einem Kaffee die bevorstehenden Aktionen durchzugehen und ein paar flankierende Notizen zu machen. Durch die Restaurantfenster konnte man auf die gegenüberliegende Hauswand blicken, an der Fassadenklettererfiguren aus Plastik befestigt waren. Solche Figuren kennt man ja vornehmlich aus der Adventszeit, wo sie als Weihnachtsmänner die Häuserfassaden „verzieren“. Diese hier jedoch waren einfache, unbekleidete Figuren in Rot und Blau, die irgendwie an Keith-Haring-Männchen erinnerten.

Kurz, nachdem ich mich gesetzt und den Kaffee bestellt hatte, kam ein schon recht betagter Herr zu mir an den Tisch, der sich als der Hoteleigentümer vorstellte und mir umgehend ungefragt mitteilte, er habe das Hotelmanagement an seinen Sohn abgegeben und schaue dem ganzen Betrieb nur noch so zu. Er fragte nach dem Zweck meines Hierseins und wie ich auf sein Hotel gekommen sei. Wir unterhielten uns ein wenig über Gott und die Welt. Dann fragte er unvermittelt, ob ich Jude sei. Ich zuckte zusammen und war zunächst völlig perplex. Was sollte diese Frage? Nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder gefangen und verneinte, stellte ihm aber die Gegenfrage, wie er dann darauf käme, ich könne Jude sein. Daraufhin verwies er auf meine große Nase. Nun ist das mit meiner Nase so, dass sie wirklich recht groß ist, allerdings keine sonderliche Krümmung aufweist, es sei denn man rechnet den Buckel des oberen Nasenrückens dazu. Die Nasenspitze ist jedoch keine Spitze sondern eher ein Knödel. Alles in allem ist meine Nase weder von vorn noch im Profil eine Schönheit. Aber sie fällt auf. Den breiten, buckligen Rücken hat sie von meinem Vater, der ihn wiederum von dem seinen und von seiner Mutter geerbt hat. Jedenfalls sind die charakteristischen Nasenzüge sowohl auf den Fotos von Opa Hugo als auch von Oma Grete auszumachen. Hugo starb im Herbst 1945 in einem Internierungslager der Roten Armee, Grete stammte aus einer alteingesessenen Großbauernfamilie. Der im Dritten Reich vorzulegende Stammbau geht zurück bis ins 18. Jahrhundert und befindet sich in meinem Besitz. Der Hotelbesitzer irrte also definitiv.
Er redete weiter, es habe damals viele Juden in der Stadt gegeben, die wären dann aber alle weggeschafft worden. Ihn hätten sie nicht gestört, es seien auch freundliche Leute darunter gewesen, und das hätte auch alles nicht sein müssen. Vieles wäre ja gut gewesen damals, aber das mit den Juden hätte man nicht machen sollen. Und das mit Auschwitz habe man ja nicht gewusst. Mir wurde immer unwohler. Warum erzählte er mir das? Ich hätte ihn unterbrechen sollen, ihm sagen, dass mir sein Nazigeschwurbele auf den Geist geht und ich nicht verstehe, wie man 60 Jahre nach dem Krieg noch solch eine Schwachsinn von sich geben kann. Statt dessen ließ ich ihn weiter faseln – wohl auch aus anerzogenem Respekt vor dem Alter - und dachte bei mir: Das also waren damals die Täter. Nie zuvor hatte ich mit einem Täter gesprochen. Im Osten war das bis 1990 ein Tabuthema. Da erwähnten ältere Lehrer höchstens mal, dass sie in der HJ oder im BDM waren. Mehr Aufklärung gab es nicht. Die Nazis waren eh die anderen, und das Dritte Reich hatte irgendwo bei Pipaponesien (© Lothar Kusche) gelegen. 
Nun hätte ich also die Gelegenheit nutzen können. Doch ich schaute nur betreten aus dem Restaurantfenster. Und einen Moment lang erschienen mir die Fassadenklettererfiguren wie die fliehenden Juden von Bayreuth.

Sonntag, 6. Mai 2012

Wetten, dass…

Bei näherer Betrachtung wirkt es schon etwas merkwürdig, mit welcher verbalen Verve Politik und Medien in den vergangenen Jahren auf Banken, Hedgefonds etc. und deren Geschäftsmodelle eingeknüppelt haben. Mit Vorliebe wurden martialische Ausdrücke gebraucht, von denen Casino-Kapitalismus noch eines der harmloseren Epitheta ist. Vereinzelt war gar von organisierter Kriminalität oder mafiösen Strukturen die Rede. Es liegt mir wahrlich fern, die Finanzbranche in Schutz zu nehmen – vor einiger Zeit spielte ich selbst mit dem Gedanken, mich protesthalber vor der örtlichen Niederlassung der Deutschen Bank unter einem selbstgebastelten Plakat mit der Aufschrift „Banker in die Produktion!“ zu postieren. Dieser - mit anderer Ansprechgruppe - vor vielen Jahren populäre Slogan mag erst mal recht lustig wirken, mir schien es dann aber doch nicht gerechtfertigt, die armen Provinzfilialangestellten von Deutschlands größtem Kreditinstitut auf solche Art mit hauptamtlichen Angehörigen des MfS auf eine Stufe herab zu würdigen.
Das angesprochene Banker-Bashing will mir mittlerweile nicht mehr so recht einleuchten. Das riecht nach Nebelkerzen. Banken, egal ob Geschäftsbanken, Investmentbanken oder Fondgesellschaften, betreiben seit eh und je das Geschäft der Spekulation. Uns als einfachen Inhabern von Giro- oder Spar- oder Festgeldkonten mag das nicht  so präsent sein, und es fällt uns nicht einmal auf, wenn wir einen Kredit aufnehmen. Wir erwarten nur, dass das eingezahlte Geld verfügbar ist, das Sparguthaben um die vertraglich versprochene Rate steigt und ein Kreditzins während der Laufzeit nicht erhöht wird. Dass das so ist, liegt an unserer Stellung als Verbraucher, auf deren Seite der Staat mit seiner Verbraucherschutzgesetzgebung den vertrauensvollen Dritten im Verhältnis zu den Banken spielt. Was für Privatpersonen als Bankkunden gilt, gilt gleichermaßen für Unternehmen. In der Rolle von Geschäftsbanken sind Banken vertrauenswürdig, weil sie einer weitgehend kundenorientierten staatlichen Regulierung unterliegen. Doch zurück zur Spekulation.
Mit Geld arbeiten, heißt, es zu vermehren – durch Kredite. Eine Kreditvergabe ist ein Geschäft mit der Zukunft und deshalb stets spekulativ. Sie ist eine Spekulation darauf, dass der Kreditnehmer sich an die Kreditvereinbarung hält und den geliehenen Betrag zzgl. der Zinsen im vereinbarten Zeitrahmen zurückzahlt. Genauso ist eine Investition eine Spekulation darauf, dass sie sich lohnt, dass also das Investitionsobjekt am Ende des Tages mehr Geld abwirft als anfangs hinein gesteckt wurde. Der Geldgeber, gleich ob nun Bank oder Privatinvestor, geht gewissermaßen eine Wette darauf ein, dass sich seine Prognose erfüllt. Wie das mit Prognosen so ist, weiß man ja, denn sie betreffen die Zukunft, zu deren Attributen bekanntlich gehört, reichlich ungewiss zu sein. Das Geldgeschäft hat insofern den Charakter einer Wette, als es wegen der Ungewissheit der Prognose risikobehaftet ist. Lange Zeit wurde deshalb in der Geldtheorie auch angenommen, dass der Kreditzins als Risikoaufschlag anzusehen ist. Dass dem nicht ganz so ist, kann man u.a. in der Geldtheorie von Otto Steiger und Gunnar Heinsohn[1] nachlesen und auch an der aktuellen Krisenbewältigungsstrategie der EZB[2] erkennen.
Wir haben das Geldgeschäft nicht als Spekulations- und Wettgeschäft wahrgenommen, weil es, so lang es in den staatlich regulierten Bahnen abläuft, als solches nicht unbedingt erkennbar ist. Die Regulierungen dienen schließlich der Risikominderung für alle Beteiligten, auch für die Banken. Es konnte also nicht viel schief gehen und wenn doch einmal, dann war man durch Finanzaufsicht, BGB und Insolvenzrecht einigermaßen geschützt. Schwarze Schafe, hier also bösartige Spekulanten oder gar Hochrisikospieler, gibt es in jeder Branche. Betrüger sowieso. Und im Casino gilt ja eh: „Die Bank gewinnt immer.“ In diesem Sinne war der Finanzkapitalismus schon immer ein Casino-Kapitalismus und wetten sein Geschäftsmodell.
Was sich in dem Spielcasino geändert hat und von uns als ordinären Bankkunden nicht wahrgenommen werden konnte, obwohl es in den einschlägigen Medien thematisiert wurde, ist, dass neue Wettspiele hinzugekommen sind, ohne dass diese mit den erforderlichen Spielregeln versehen worden sind. Das schien zunächst auch nicht nötig zu sein, denn es handelt sich um Wettspiele, die die Banken und Investmentfonds zum allergrößten Teil miteinander austragen. Die spekulativen Geschäfte mit Kreditausfallversicherungen, verbrieften Wertpapieren oder irgendwelchen anderen Derivaten, mit Wetten auf steigende oder fallende Aktienkurse, Währungskurse oder Rohstoffpreise finden fast ausschließlich zwischen den Playern am Finanzmarkt statt und das z.T. auch außerhalb der öffentlichen Börsenplätze. Offenbar hatte man in der Politik angenommen, dass es sich dabei lediglich um casinointerne Umverteilungen handelt, die keinerlei gravierende Auswirkungen auf die sonstigen Geschäfte der Teilnehmer haben. Und lange Zeit hatte es ja auch den Anschein, als würde die dabei entstehende globale Finanzblase einen rein fiktiven, gewissermaßen virtuellen Geldwert darstellen, dem kein realwirtschaftlicher Gegenwert entspricht -reines Buchgeld also, dass nur zwischen den Finanzakteuren hin- und hergeschaufelt wird. Das Casino erschien so als eine Art Second Life der Finanzbranche und die Geldblase gefüllt mit Lindendollars.
Was dabei nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurde, sind m.E. drei Aspekte:
(1)  Die Wettspiele der höheren Art (man könnte sie auch Wetten 2.0 nennen) werden unter Einsatz auch von echten Dollars gespielt. Das System ist kein in sich geschlossenes. Das Interbankengeschäft mit Derivaten und verbrieften Forderungen benötigt monetäre Zuflüsse, denn es ist wie jede wirtschaftliche Aktivität im Kapitalismus dessen elementarer Wachstumslogik unterworfen. Und da es selbst kein Geld erzeugt, haben sich die beteiligten Banken und Fondgesellschaften am ihnen anvertrauten Geld der Anleger bedient und es als Einsatz ins Casino geworfen, natürlich mit der festen Absicht und dem Versprechen, es so zu vermehren. Auf ganz natürliche, systemimmanente Weise entstehen so Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen den Wetten 2.0 und den Wetten 1.0, die dann doch zur Schaffung von Geld führen müssen, um die Forderungen der Anleger zu erfüllen.
(2) Da die steuernde und regulierende Funktion der Börsen beim Interbankenhandel umgangen wird, entsteht ein selbstorganisierendes System, dessen Komplexität rapide anwächst. Mit der Zahl der Derivate und der beteiligten Akteure steigt die Zahl der möglichen Transaktionsbeziehungen exponentiell. Selbstorganisierende Systeme sind nichtlinear, d.h. ihr Verhalten ist - ähnlich wie beim Wetter - nur eingeschränkt und bestenfalls statistisch vorhersehbar. Die Systemtheorie lehrt, dass solche nichtlinearen, selbstorganisierenden Systeme tendenziell instabil sind und bereits kleinste Fluktuationen chaotische Auswirkungen bis zum Kollaps des Gesamtsystems haben können. Dabei ist die Frage gar nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Kollaps ist, sondern nur wann er eintritt. Um eine Analogie zur Thermodynamik zu bemühen, bleibt ein selbstorganisierendes System nur dann dauerhaft am Leben, wenn es regelmäßig mit Energie versorgt wird, in diesem Fall also mit Anlegerkapital. Um nichts anderes bemüht sich wohl die EZB, wenn sie seit einiger Zeit hunderte Milliarden Euro in das europäische Bankensystem pumpt.
(3)    Der bereits zitierte Satz: „Die Bank gewinnt immer.“  gilt in diesem Casino nicht. Es gibt keine Bank im Sinne der klassischen Spielbank. Diese Rolle könnten die Zentralbanken oder der IWF oder eine andere globale Finanzbehörde eventuell ausfüllen. In Wirklichkeit geht das aber nicht, denn mit der Kopplung der Staatsschuldenfinanzierung an die Geschäfts- und Investmentbanken haben sich die Staaten und mit ihnen die Zentralbanken selbst zu Protagonisten des Wetten 2.0-Systems gemacht. Primär zwar nicht als Spieler, sondern als Wettobjekte, trotzdem macht sie das zu einem Teil des Systems.[3] Damit rächt sich nun die Vernachlässigung des Regelwerks bei der Freigabe des Casinobetriebs durch die staatlichen Aufsichtsbehörden. Dass sich die Finanzbranche vehement gegen die Einführung neuer Spielregeln wehrt, ist vor diesem Hintergrund nur zu verständlich, besonders wenn man bedenkt, welche traditionell große Bedeutung Fairplay im marktbeherrschenden anglo-amerikanischen Sprachraum hat: Während des Spiels ändert man nicht dessen Regeln.
So heißt es nun also: „Die Banken gewinnen immer.“  Aus Sicht des Steuerzahlers ist das äußerst bedauerlich, denn als Staats- und Euro-Bürger wird er schlicht in Haftung genommen, um den Casinobetrieb aufrecht zu erhalten. Beim regulierten Wetten 1.0-System haftet der Kunde nicht für Fehler der Bank. Bei der Freigabe des Wetten 2.0-Systems hatten die Staaten allerdings verabsäumt, sich als Bankkunden ebenso von der Haftung auszunehmen.  Die Finanzakteure handeln deshalb in diesem Wettsystem höchst rational, da die Politik dafür gesorgt hat, die Risiken für die Spieler gering zu halten. Daran war und ist nichts Verbrecherisches, es sei denn, man sieht Unmoral im Rahmen geltendes Rechts als Verbrechen an.
„Banker in die Produktion!“ ist definitiv der falsche Slogan. „Politiker in die Produktion!“ wäre angebrachter. Aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um Personen oder Berufsgruppen – das Bankensystem und die gesamte Finanzbranche gehören umgekrempelt. Wetten, egal worauf, darf sich nicht mehr lohnen.


[3] Inwieweit Zentralbanken verbriefte Forderungen als Einlagen akzeptiert haben, ist mir nicht bekannt. Selbst wenn, ist das an dieser Stelle irrelevant.

Die Estimatortheorie

Über eine neue Theorie zur Erklärung des Ursprungs und der Funktion von Bewusstsein 1         Einleitung Was ist Bewusstsein? Welchen Zwec...