Sonntag, 1. Juli 2012

Duales System


Anlässlich des laufenden Prozesses gegen den Oslo-Attentäter und Utøya-Massenmörder Anders Breivik kommt ein bekanntes Thema wieder hoch, das am Kreuzungspunkt von Neurophysiologie, Psychologie, Moral- und Geistesphilosophie, Rechtsphilosophie und nicht zuletzt praktischer Rechtsprechung angesiedelt ist. Es ist das alte Leib-Seele-Problem bzw. die Frage danach, was eigentlich ein bewusstes Ich ausmacht und in welchem Verhältnis Geist und Gehirn zueinander stehen. Bezogen auf den Breivik-Prozess geht es natürlich um die Frage der Schuldfähigkeit und damit auch um den freien Willen. In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „der Freitag“[1] beleuchtet Redakteurin Kathrin Zinkant die Lage ausgehend vom berühmten Libet-Experiment[2] und weiteren sachdienlichen Informationen aus den Neurowissenschaften.
Es geht nun keineswegs darum, dass ich vielleicht mit ihrer Darstellung nicht einverstanden wäre, sondern vielmehr um eine der verbreiteten Prämissen der ganzen Diskussion, die sich auch in dem genannten Beitrag wieder findet. Mir scheint nämlich, dass der alltagspsychologische und eigentlich auf Descartes zurück gehende Dualismus von Geist und Körper, der sich vor allem darin zeigt, dass überhaupt zwischen Ich und Gehirn unterschieden wird, offenbar noch immer nicht überwunden ist. Warum, so frage ich mich, fällt es so schwer zu akzeptieren, dass es in uns nichts aber auch gar nichts gibt, das unsere Persönlichkeit konstituieren, unsere Empfindungen erzeugen, unsere Gedanken produzieren und sowohl Bewusstes als auch Unbewusstes hervorbringen könnte, als nur unser Gehirn? Wieso soll es eine Einschränkung des freien Willens bedeuten, wenn es kein imaginärer, nicht fass- und nicht vorstellbarer Geist ist, der meine Entscheidungen trifft und meine Handlungen bestimmt, sondern einfach nur das komplexe Organ in meinem Kopf? Was ist so furchtbar schrecklich an der Vorstellung: Mein Gehirn ist mein Ich?
Es scheint, als wäre es besonders für die Juristen und die Moralphilosophen ein größeres Problem anzuerkennen, dass ihr Begriff des freien Willens, den ja die Anerkennung der Schuldfähigkeit im Strafprozess voraussetzt, lediglich ein abstraktes Konstrukt ist, bei dem es mitnichten darum geht, den Menschen in eine Beziehung zu seinem konkreten Körper nebst aller seiner Organe zu setzen, sondern in Beziehung zu seinen Handlungen und deren möglichen Konsequenzen. Womöglich hat dies ja mit der einzigartigen Sonderstellung des Denkens als menschlicher Tätigkeit zu tun, die sich in seiner Reflexivität bzw. Selbstbezüglichkeit ausdrückt, wobei noch darüber nachzudenken wäre, ob diese Reflexivität nicht lediglich ein Sprachphänomen ist, das daher rührt, dass das Denken zu den Tätigkeiten gerechnet wird, ohne eine Handlung im eigentlichen Sinne zu sein. Handlungen sind nicht reflexiv, sie sind stets auf etwas anderes gerichtet. Selbst Empfindungen oder Gefühle oder Erinnerungen sind nicht reflexiv, oder ist es etwa jemals gelungen, ein Empfinden zu empfinden oder ein Fühlen zu fühlen oder ein Erinnern zu erinnern?  Nur das Denken kann auch sich selbst zum Gegenstand haben: Ich kann zwar nicht denken, dass ich denke, aber ich kann Gedanken und auch das Denken selbst zum Gegenstand meines Denkens machen.
Das Denken ist also eine Tätigkeit höherer Ordnung, wie der Philosoph sagen würde. Dumm nur, dass der Philosoph spätestens seit Wittgenstein weiß, dass nicht das Denken als solches Gegenstand des Denkens ist, vielmehr sind es Sprachgebilde – Wörter, Sätze, Begriffe usw. Denken spielt sich in Sprache ab. Außerhalb der Sprachform gibt es keine Gedanken. Es gibt auch kein vorsprachliches Denken: Bewusstseinstätigkeit außerhalb der Sprachform hat allenfalls Bilder, Töne, Vorstellungen zum Inhalt. Sobald ich versuche, über Bilder, Töne oder Empfindungen zu denken, bediene ich mich der Sprache, um meine Eindrücke überhaupt erst denkbar zu machen. Das aber bedeutet, es gibt kein Bewusstsein und mithin auch keinen freien Willen außerhalb der Sprache. Siegmund Freud, der Entdecker des Unbewussten, hatte seine psychoanalytische Methode auf der Erkenntnis aufgebaut, dass Unbewusstes erst durch Versprachlichung bewusst werden kann, gewissermaßen zur Sprache kommen muss, und so das Sprechen als Therapieform etabliert.
Der freie Wille, bezogen auf eine konkrete Handlung, setzt voraus, dass das Subjekt des Handelns fähig ist, sich Gedanken über die beabsichtigte Handlung und deren Konsequenzen zu machen, sein potenzielles Handeln antizipierend zu reflektieren, was eben nur in Sprache geschehen kann. Bezogen auf die Schuldfähigkeit kann die Frage also nur lauten, inwiefern die konkrete Handlung vom handelnden Subjekt sprachlich-gedanklich reflektiert werden konnte. Entscheidend ist dabei aber nicht, wie Handlungsabsichten im Hirn entstehen oder in welcher neurophysiologischen Beziehung der Geist zum Gehirn steht. Das sind für sich genommen hoch interessante und hoch aktuelle naturwissenschaftliche Fragestellungen, die m.E. jedoch in keiner Beziehung zum freien Willen stehen. Anders gesagt: Moralisches Handeln kann und sollte nicht reduktionistisch naturalisiert werden.
Es bleibt die Frage, wieso der cartesianische Dualismus offenbar so tief in der Alltagspsychologie verwurzelt ist, dass er z.T. immer noch bestimmend für die Bewertung neurophysiologischer Erkenntnisse zum Verhältnis von Geist und Körper ist. Es mag daran liegen, dass er unseren Intuitionen und vor allem unserer Erfahrung der Selbstreflexion eher entspricht als etwa die sprachlich komplexen Denkgebilde eines Martin Heidegger, der nicht das Ich ins Zentrum stellte, sondern die (körperliche) Welt mit dem Ich mittendrin, ohne zwischen den beiden, Welt und Ich, einen cartesianischen Gegensatz zu konstruieren. Auch spielt wohl unsere christliche Denktradition eine Rolle, die, obwohl in der Bibel an keiner Stelle davon die Rede ist, getreu ihrer scholastisch-aristotelischen Traditionslinie zwischen vergänglichem Körper und unsterblicher Seele unterscheidet. Vielleicht aber ist es auch einfach nur die tiefe Sehnsucht nach Unvergänglichkeit im Angesicht des Todes.

Samstag, 26. Mai 2012

Die Partei


Als Martin Sonneborn und seine Titanic-Kollegen anno 2004 mit Der PARTEI an die Öf­fentlichkeit gingen, war jedem geistig halbwegs gesunden Menschen klar, dass es sich bei Der PARTEI um einen hübschen satirischen Fake handelt. Aus mir unerfindli­chen Gründen ist das bei den Piraten anders. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Vertreter der Piratenpartei nicht über den Bekanntheitsgrad und den spaßpubli­zistischen  Hintergrund verfügen wie die PARTEI-Gründer und auch in ihren öffent­lichen Auftritten durchaus politische Ernsthaftigkeit zu vermitteln suchen. Mir jeden­falls fällt es schwer, die Piratenpartei ernst zu nehmen. Selbst wenn man annimmt, der inzwischen nicht unerheblichen Wählerschaft der Piraten ginge es primär um Protest, und die Piraten als aktuell einzig wählbare Alternative zu den ermüdend kor­rekten etablierten Parteien ansieht, stellt sich zumindest die Frage, was an den Pira­ten denn Alternative und was Protest sein soll. Und wenn Protest und Alternative, dann wogegen und wozu?
Umgehend wird man entgegnen können, den Piraten ginge es nach eigenem Bekun­den in erster Linie um einen anderen Politikstil, um Offenheit und Transparenz. Dann wäre also Glasnost nach einem guten Vierteljahrhundert auch in Deutschland angekommen. Nun sind Stilfragen im Politikbetrieb keineswegs unwichtig, im Gegen­teil: Ein Gutteil der Wählerermüdung rührt zweifelsohne her von der offensichtlichen Distanz zwischen eigener Alltagserfahrung einerseits und abgehobener Problem­wahrnehmung und Problemartikulation durch die politischen Akteure andererseits. Auch lässt sich nicht behaupten, das entgegen aller gut gemeinten Informationsfrei­heitsgesetze immer undurchsichtiger und z.T. undurchdringlicher werdende bürokra­tische Unterholz befördere den staatsbürgerlich-demokratischen Frohsinn. Insofern sind Offenheit, Transparenz und Bürgerbeteiligung sicher hehre Ziele, die zu verfol­gen Unterstützung verdient. Gerade ein anderer Aspekt der politischen Stilistik aber ist es, der nachdenklich stimmt.
Die Piratenpartei versteht sich selbst als sozialliberale Bürgerrechtspartei, sieht sich also gar nicht außerhalb vom oder randständig zum etablierten politischen Spektrum. Und so scheint es auch von Anfang an ihr Bestreben zu sein, auf ganz traditionellem Wege in die Parlamente zu kommen. Es mag an meinem Alter liegen, aber Alternati­ven und Protest stelle ich mir anders vor: Außerparlamentarische Opposition, Neues Forum, Attac, Occupy. Wenn es doch bei den Piraten nur etwas gäbe, was ein biss­chen nach Rebellion riechen würde... Fehlanzeige! Statt dessen nur allzu brave Forde­rungen nach weitgehend uneingeschränkten Kopierrechten auf digitale Inhalte und ansonsten nach allem Möglichen, das nach politischem und sozialem Fortschritt klingt, wobei die konkreten Inhalte ironischer- bzw. passenderweise überwiegend zu­sammen kopiert sind. Recht deutlich zeigt sich das bspw. an dem butterweichen und eigentlich lächerlichen Statement zur Leiharbeit, dem m.E. übelsten Übel auf dem Arbeitsmarkt: „Um sie nicht als Konkurrenz und Druckmittel gegen die Stammgesell­schaft [Gemeint ist wohl Stammbelegschaft, sic!] zu etablieren, stehen wir für eine Be­grenzung der Leiharbeit ein.“1 Da wird nicht einmal gefordert, da wird „eingestanden“. Und alles schön im Rahmen der vorgefundenen Verteilungsverhält­nisse. Das er­innert doch arg an die berühmte Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze2 des Jaroslav Hašek.
Mein womöglich antiquiertes Verständnis von Wirtschaft und Moral sagt mir, dass das Internet keinen Wert an sich hat. Der Wert einer Festplatte  (nicht ihr Preis!) be­misst sich nicht an ihrem Fassungsvermögen oder ihrer Rotationsgeschwindigkeit sondern an der Relevanz der auf ihr gespeicherten Informationen. Politischen Dilettantismus in der Form kann man ja tolerieren oder gar sympathisch finden, intellektuellen Di­lettantismus in der Sache muss man sich keineswegs gefallen lassen. So gesehen er­scheinen die Piraten nicht, wie man gerne annehmen würde, als die Interessenvertre­ter eines digitalen Großstadtprekariats, sondern als sich elitär gerierende Mittel­schichtheinis und digitale Kostgänger. Sie verkörpern in meinen Augen die Verwechs­lung von Form und Inhalt bzw. reine Form ohne Inhalt und passen somit ganz wun­derbar in unsere deutsche Par­teienlandschaft.
Und genau aus diesem Grund sollte man die Piratenpartei nicht wählen. Nicht, dass ich den anderen Parteien mehr zutrauen oder sie für weniger eigennützig halten wür­de, aber in der realen Welt, in der man so wichtige Tätigkeiten wie Essen, Trinken, Ko­pulieren und Politikmachen verrichtet, ist eine Kopie nun mal von schlechterer Qualität als das Original. Wären die Abgeordneten der Piratenpartei bereit, sich ihre Diäten statt in Original-Euros in deren Papierkopien auszahlen zu lassen, könnte ich mir die Sache ja noch mal überlegen.

Montag, 7. Mai 2012

Fassadenkletterer


Im Januar 2005 hatte ich im Auftrag der bayerischen Justiz für mehrere Tage in Bayreuth zu tun. Ich war in einem kleinen Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs abgestiegen. Kurz nach der Ankunft setzte ich mich in das Hotelrestaurant, um bei einem Kaffee die bevorstehenden Aktionen durchzugehen und ein paar flankierende Notizen zu machen. Durch die Restaurantfenster konnte man auf die gegenüberliegende Hauswand blicken, an der Fassadenklettererfiguren aus Plastik befestigt waren. Solche Figuren kennt man ja vornehmlich aus der Adventszeit, wo sie als Weihnachtsmänner die Häuserfassaden „verzieren“. Diese hier jedoch waren einfache, unbekleidete Figuren in Rot und Blau, die irgendwie an Keith-Haring-Männchen erinnerten.

Kurz, nachdem ich mich gesetzt und den Kaffee bestellt hatte, kam ein schon recht betagter Herr zu mir an den Tisch, der sich als der Hoteleigentümer vorstellte und mir umgehend ungefragt mitteilte, er habe das Hotelmanagement an seinen Sohn abgegeben und schaue dem ganzen Betrieb nur noch so zu. Er fragte nach dem Zweck meines Hierseins und wie ich auf sein Hotel gekommen sei. Wir unterhielten uns ein wenig über Gott und die Welt. Dann fragte er unvermittelt, ob ich Jude sei. Ich zuckte zusammen und war zunächst völlig perplex. Was sollte diese Frage? Nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder gefangen und verneinte, stellte ihm aber die Gegenfrage, wie er dann darauf käme, ich könne Jude sein. Daraufhin verwies er auf meine große Nase. Nun ist das mit meiner Nase so, dass sie wirklich recht groß ist, allerdings keine sonderliche Krümmung aufweist, es sei denn man rechnet den Buckel des oberen Nasenrückens dazu. Die Nasenspitze ist jedoch keine Spitze sondern eher ein Knödel. Alles in allem ist meine Nase weder von vorn noch im Profil eine Schönheit. Aber sie fällt auf. Den breiten, buckligen Rücken hat sie von meinem Vater, der ihn wiederum von dem seinen und von seiner Mutter geerbt hat. Jedenfalls sind die charakteristischen Nasenzüge sowohl auf den Fotos von Opa Hugo als auch von Oma Grete auszumachen. Hugo starb im Herbst 1945 in einem Internierungslager der Roten Armee, Grete stammte aus einer alteingesessenen Großbauernfamilie. Der im Dritten Reich vorzulegende Stammbau geht zurück bis ins 18. Jahrhundert und befindet sich in meinem Besitz. Der Hotelbesitzer irrte also definitiv.
Er redete weiter, es habe damals viele Juden in der Stadt gegeben, die wären dann aber alle weggeschafft worden. Ihn hätten sie nicht gestört, es seien auch freundliche Leute darunter gewesen, und das hätte auch alles nicht sein müssen. Vieles wäre ja gut gewesen damals, aber das mit den Juden hätte man nicht machen sollen. Und das mit Auschwitz habe man ja nicht gewusst. Mir wurde immer unwohler. Warum erzählte er mir das? Ich hätte ihn unterbrechen sollen, ihm sagen, dass mir sein Nazigeschwurbele auf den Geist geht und ich nicht verstehe, wie man 60 Jahre nach dem Krieg noch solch eine Schwachsinn von sich geben kann. Statt dessen ließ ich ihn weiter faseln – wohl auch aus anerzogenem Respekt vor dem Alter - und dachte bei mir: Das also waren damals die Täter. Nie zuvor hatte ich mit einem Täter gesprochen. Im Osten war das bis 1990 ein Tabuthema. Da erwähnten ältere Lehrer höchstens mal, dass sie in der HJ oder im BDM waren. Mehr Aufklärung gab es nicht. Die Nazis waren eh die anderen, und das Dritte Reich hatte irgendwo bei Pipaponesien (© Lothar Kusche) gelegen. 
Nun hätte ich also die Gelegenheit nutzen können. Doch ich schaute nur betreten aus dem Restaurantfenster. Und einen Moment lang erschienen mir die Fassadenklettererfiguren wie die fliehenden Juden von Bayreuth.

Sonntag, 6. Mai 2012

Wetten, dass…

Bei näherer Betrachtung wirkt es schon etwas merkwürdig, mit welcher verbalen Verve Politik und Medien in den vergangenen Jahren auf Banken, Hedgefonds etc. und deren Geschäftsmodelle eingeknüppelt haben. Mit Vorliebe wurden martialische Ausdrücke gebraucht, von denen Casino-Kapitalismus noch eines der harmloseren Epitheta ist. Vereinzelt war gar von organisierter Kriminalität oder mafiösen Strukturen die Rede. Es liegt mir wahrlich fern, die Finanzbranche in Schutz zu nehmen – vor einiger Zeit spielte ich selbst mit dem Gedanken, mich protesthalber vor der örtlichen Niederlassung der Deutschen Bank unter einem selbstgebastelten Plakat mit der Aufschrift „Banker in die Produktion!“ zu postieren. Dieser - mit anderer Ansprechgruppe - vor vielen Jahren populäre Slogan mag erst mal recht lustig wirken, mir schien es dann aber doch nicht gerechtfertigt, die armen Provinzfilialangestellten von Deutschlands größtem Kreditinstitut auf solche Art mit hauptamtlichen Angehörigen des MfS auf eine Stufe herab zu würdigen.
Das angesprochene Banker-Bashing will mir mittlerweile nicht mehr so recht einleuchten. Das riecht nach Nebelkerzen. Banken, egal ob Geschäftsbanken, Investmentbanken oder Fondgesellschaften, betreiben seit eh und je das Geschäft der Spekulation. Uns als einfachen Inhabern von Giro- oder Spar- oder Festgeldkonten mag das nicht  so präsent sein, und es fällt uns nicht einmal auf, wenn wir einen Kredit aufnehmen. Wir erwarten nur, dass das eingezahlte Geld verfügbar ist, das Sparguthaben um die vertraglich versprochene Rate steigt und ein Kreditzins während der Laufzeit nicht erhöht wird. Dass das so ist, liegt an unserer Stellung als Verbraucher, auf deren Seite der Staat mit seiner Verbraucherschutzgesetzgebung den vertrauensvollen Dritten im Verhältnis zu den Banken spielt. Was für Privatpersonen als Bankkunden gilt, gilt gleichermaßen für Unternehmen. In der Rolle von Geschäftsbanken sind Banken vertrauenswürdig, weil sie einer weitgehend kundenorientierten staatlichen Regulierung unterliegen. Doch zurück zur Spekulation.
Mit Geld arbeiten, heißt, es zu vermehren – durch Kredite. Eine Kreditvergabe ist ein Geschäft mit der Zukunft und deshalb stets spekulativ. Sie ist eine Spekulation darauf, dass der Kreditnehmer sich an die Kreditvereinbarung hält und den geliehenen Betrag zzgl. der Zinsen im vereinbarten Zeitrahmen zurückzahlt. Genauso ist eine Investition eine Spekulation darauf, dass sie sich lohnt, dass also das Investitionsobjekt am Ende des Tages mehr Geld abwirft als anfangs hinein gesteckt wurde. Der Geldgeber, gleich ob nun Bank oder Privatinvestor, geht gewissermaßen eine Wette darauf ein, dass sich seine Prognose erfüllt. Wie das mit Prognosen so ist, weiß man ja, denn sie betreffen die Zukunft, zu deren Attributen bekanntlich gehört, reichlich ungewiss zu sein. Das Geldgeschäft hat insofern den Charakter einer Wette, als es wegen der Ungewissheit der Prognose risikobehaftet ist. Lange Zeit wurde deshalb in der Geldtheorie auch angenommen, dass der Kreditzins als Risikoaufschlag anzusehen ist. Dass dem nicht ganz so ist, kann man u.a. in der Geldtheorie von Otto Steiger und Gunnar Heinsohn[1] nachlesen und auch an der aktuellen Krisenbewältigungsstrategie der EZB[2] erkennen.
Wir haben das Geldgeschäft nicht als Spekulations- und Wettgeschäft wahrgenommen, weil es, so lang es in den staatlich regulierten Bahnen abläuft, als solches nicht unbedingt erkennbar ist. Die Regulierungen dienen schließlich der Risikominderung für alle Beteiligten, auch für die Banken. Es konnte also nicht viel schief gehen und wenn doch einmal, dann war man durch Finanzaufsicht, BGB und Insolvenzrecht einigermaßen geschützt. Schwarze Schafe, hier also bösartige Spekulanten oder gar Hochrisikospieler, gibt es in jeder Branche. Betrüger sowieso. Und im Casino gilt ja eh: „Die Bank gewinnt immer.“ In diesem Sinne war der Finanzkapitalismus schon immer ein Casino-Kapitalismus und wetten sein Geschäftsmodell.
Was sich in dem Spielcasino geändert hat und von uns als ordinären Bankkunden nicht wahrgenommen werden konnte, obwohl es in den einschlägigen Medien thematisiert wurde, ist, dass neue Wettspiele hinzugekommen sind, ohne dass diese mit den erforderlichen Spielregeln versehen worden sind. Das schien zunächst auch nicht nötig zu sein, denn es handelt sich um Wettspiele, die die Banken und Investmentfonds zum allergrößten Teil miteinander austragen. Die spekulativen Geschäfte mit Kreditausfallversicherungen, verbrieften Wertpapieren oder irgendwelchen anderen Derivaten, mit Wetten auf steigende oder fallende Aktienkurse, Währungskurse oder Rohstoffpreise finden fast ausschließlich zwischen den Playern am Finanzmarkt statt und das z.T. auch außerhalb der öffentlichen Börsenplätze. Offenbar hatte man in der Politik angenommen, dass es sich dabei lediglich um casinointerne Umverteilungen handelt, die keinerlei gravierende Auswirkungen auf die sonstigen Geschäfte der Teilnehmer haben. Und lange Zeit hatte es ja auch den Anschein, als würde die dabei entstehende globale Finanzblase einen rein fiktiven, gewissermaßen virtuellen Geldwert darstellen, dem kein realwirtschaftlicher Gegenwert entspricht -reines Buchgeld also, dass nur zwischen den Finanzakteuren hin- und hergeschaufelt wird. Das Casino erschien so als eine Art Second Life der Finanzbranche und die Geldblase gefüllt mit Lindendollars.
Was dabei nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurde, sind m.E. drei Aspekte:
(1)  Die Wettspiele der höheren Art (man könnte sie auch Wetten 2.0 nennen) werden unter Einsatz auch von echten Dollars gespielt. Das System ist kein in sich geschlossenes. Das Interbankengeschäft mit Derivaten und verbrieften Forderungen benötigt monetäre Zuflüsse, denn es ist wie jede wirtschaftliche Aktivität im Kapitalismus dessen elementarer Wachstumslogik unterworfen. Und da es selbst kein Geld erzeugt, haben sich die beteiligten Banken und Fondgesellschaften am ihnen anvertrauten Geld der Anleger bedient und es als Einsatz ins Casino geworfen, natürlich mit der festen Absicht und dem Versprechen, es so zu vermehren. Auf ganz natürliche, systemimmanente Weise entstehen so Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen den Wetten 2.0 und den Wetten 1.0, die dann doch zur Schaffung von Geld führen müssen, um die Forderungen der Anleger zu erfüllen.
(2) Da die steuernde und regulierende Funktion der Börsen beim Interbankenhandel umgangen wird, entsteht ein selbstorganisierendes System, dessen Komplexität rapide anwächst. Mit der Zahl der Derivate und der beteiligten Akteure steigt die Zahl der möglichen Transaktionsbeziehungen exponentiell. Selbstorganisierende Systeme sind nichtlinear, d.h. ihr Verhalten ist - ähnlich wie beim Wetter - nur eingeschränkt und bestenfalls statistisch vorhersehbar. Die Systemtheorie lehrt, dass solche nichtlinearen, selbstorganisierenden Systeme tendenziell instabil sind und bereits kleinste Fluktuationen chaotische Auswirkungen bis zum Kollaps des Gesamtsystems haben können. Dabei ist die Frage gar nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Kollaps ist, sondern nur wann er eintritt. Um eine Analogie zur Thermodynamik zu bemühen, bleibt ein selbstorganisierendes System nur dann dauerhaft am Leben, wenn es regelmäßig mit Energie versorgt wird, in diesem Fall also mit Anlegerkapital. Um nichts anderes bemüht sich wohl die EZB, wenn sie seit einiger Zeit hunderte Milliarden Euro in das europäische Bankensystem pumpt.
(3)    Der bereits zitierte Satz: „Die Bank gewinnt immer.“  gilt in diesem Casino nicht. Es gibt keine Bank im Sinne der klassischen Spielbank. Diese Rolle könnten die Zentralbanken oder der IWF oder eine andere globale Finanzbehörde eventuell ausfüllen. In Wirklichkeit geht das aber nicht, denn mit der Kopplung der Staatsschuldenfinanzierung an die Geschäfts- und Investmentbanken haben sich die Staaten und mit ihnen die Zentralbanken selbst zu Protagonisten des Wetten 2.0-Systems gemacht. Primär zwar nicht als Spieler, sondern als Wettobjekte, trotzdem macht sie das zu einem Teil des Systems.[3] Damit rächt sich nun die Vernachlässigung des Regelwerks bei der Freigabe des Casinobetriebs durch die staatlichen Aufsichtsbehörden. Dass sich die Finanzbranche vehement gegen die Einführung neuer Spielregeln wehrt, ist vor diesem Hintergrund nur zu verständlich, besonders wenn man bedenkt, welche traditionell große Bedeutung Fairplay im marktbeherrschenden anglo-amerikanischen Sprachraum hat: Während des Spiels ändert man nicht dessen Regeln.
So heißt es nun also: „Die Banken gewinnen immer.“  Aus Sicht des Steuerzahlers ist das äußerst bedauerlich, denn als Staats- und Euro-Bürger wird er schlicht in Haftung genommen, um den Casinobetrieb aufrecht zu erhalten. Beim regulierten Wetten 1.0-System haftet der Kunde nicht für Fehler der Bank. Bei der Freigabe des Wetten 2.0-Systems hatten die Staaten allerdings verabsäumt, sich als Bankkunden ebenso von der Haftung auszunehmen.  Die Finanzakteure handeln deshalb in diesem Wettsystem höchst rational, da die Politik dafür gesorgt hat, die Risiken für die Spieler gering zu halten. Daran war und ist nichts Verbrecherisches, es sei denn, man sieht Unmoral im Rahmen geltendes Rechts als Verbrechen an.
„Banker in die Produktion!“ ist definitiv der falsche Slogan. „Politiker in die Produktion!“ wäre angebrachter. Aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um Personen oder Berufsgruppen – das Bankensystem und die gesamte Finanzbranche gehören umgekrempelt. Wetten, egal worauf, darf sich nicht mehr lohnen.


[3] Inwieweit Zentralbanken verbriefte Forderungen als Einlagen akzeptiert haben, ist mir nicht bekannt. Selbst wenn, ist das an dieser Stelle irrelevant.

Freitag, 20. April 2012

Vom Umgang mit dem Tod

Gemeinhin gilt der Tod als das Ende des Lebens, des Lebens jedenfalls, wie wir es zu leben gewohnt sind. Über das Danach wissen wir eigent­lich nichts. Unbestritten ist, dass der Tod das Ergeb­nis der end­gültigen Desin­tegration lebensnotwendiger Körperfunktio­nen ist. Geht man davon aus, dass Körper und Geist (Seele, Bewusst­sein, Psyche etc.) zusammen gehören, muss man zu dem Schluss kom­men, dass mit dem Tod des Körpers auch der Geist stirbt. Bei nähe­rer Betrachtung erweist sich, dass es im eigentlichen Sinne der Geist ist, der stirbt, während der Körper nur zu funktionieren aufhört, um nach und nach zu zerfallen. (Daher wohl die Fixierung auf den Hirntod als medizinisches Kriterium.) Der Tod bildet die Grenze zwischen menschli­cher Existenz und menschlicher Nicht-Existenz bzw., ontologisch ge­sprochen, zwischen Sein und Nichtsein. Bis zum Tod ist Etwas, danach – Nichts.
Rein rational betrachtet, gibt es keinen Grund, sich mit dem Tod zu be­fassen. Was sollte das Nichts uns sagen können? Und doch ist der Tod zentrales The­ma menschlicher Kultur. Seit ihren Anfängen fragt die Philoso­phie nach ihm. Alle Religionen beschäftigen sich auf irgendeine Weise damit. In Gestalt des Kreuzes stellt das Christentum den Tod ins Zentrum seiner Theologie. Bei Paulus heißt es im 1. Korintherbrief:
Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet wer­den, ist es Gottes Kraft.
Die Christen sehen Gott gewissermaßen durch das Kreuz, mithin durch den Tod. Freud, kein Christ, sah im To­destrieb und damit in der kontin­genten Anwesenheit des Todes eine Grund­konstante der Psyche. In der christlichen Aufforde­rung, Jesus zu folgen, mit ihm bereitwill­ig auch in den Tod zu gehen und nur so zur erhofften Erlö­sung zu ge­langen, mag der Todestrieb seine radi­kalste religiöse Aus­prägung gefun­den ha­ben. Man kann, sicherlich mit guten Gründen, diese letzte Konse­quenz christli­cher Dogmatik welt­fremd und lebensfern finden, anzuerkennen bleibt jedoch: Der Tod ist unser ständiger Begleiter.
Epikur hat wohl eine wirklich philosophische Haltung zum Tod gefund­en, wenn er im Brief an Menoikeus schreibt:
Ferner gewöhne Dich an den Gedanken, dass der Tod für uns ein Nichts ist. Be­ruht doch alles Gute und alles Üble nur auf Empfindung, der Tod aber ist Aufhe­bung der Empfin­dung. Darum macht die Erkenntnis, dass der Tod ein Nichts ist, uns das ver­gängliche Leben erst köstlich. Dieses Wissen hebt natür­lich die zeitli­che Gren­ze unseres Daseins nicht auf, aber es nimmt uns das Ver­langen, uns­terblich zu sein, denn wer einge­sehen hat, dass am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken. Sagt aber einer, er fürchte den Tod ja nicht deshalb, weil er Leid bringt, wenn er da ist, sondern weil sein Be­vorstehen schon schmerzlich sei, der ist ein Tor; denn es ist doch Unsinn, dass etwas, dessen Vorhandensein uns nicht beunruhigen kann, uns dennoch Leid bereiten soll, weil und solange es nur erwartet wird!
So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solan­ge wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.
Wenn es doch nur so einfach wäre. Epikur selbst zeigt einen Grund, warum es eben nicht so einfach ist, und warum uns der Tod, un­geachtet höhe­rer Erkenntnis, nicht los lässt: „...wer eingesehen hat, dass am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Le­ben nichts schrecken.“ Dies ist die große Einsicht, derer es bedarf, um sich von der Angst vor dem Nichts zu befreien. Es bedarf der Fähigkeit, sich selbst nicht zu denken, sich selbst weg zu denken. Man muss sich eine Welt ohne das eigene Ich vorstellen kön­nen, erst dann verliert der Tod seinen nihilistischen Schrecken. Aber wer kann das schon? Wo uns doch Kognitionspsychologen und Neurologen mittlerweile erklä­ren können, dass unsere Welt- und damit auch Selbstwahrnehmung ein Konstrukt des Nervensystems ist, oder, um ein Gedankenexperi­ment des Philosophen Thomas Nagel zu bemühen, dass wir allein schon des­halb keine objektive Weltsicht haben, weil wir uns nicht in den Empfindungsmodus ei­ner Fledermaus versetzen können, es also eine unabhängige Objektivität für uns gar nicht gibt. Wenn wir die Welt immer nur durch uns selbst wahrnehmen und erleben können, wie könnte dann der Einzelne eine Vorstellung von einer Welt haben, in der er selbst nicht vorkommt?
Angst vor dem Tod ist auch Angst vor dem Verlust des Ich und da­mit der Selbstempfindung. Man denke nur an die Angstzustände von Ampu­tierten oder von Menschen, die nur wahnhaft meinen, Körperteile ver­loren zu haben. Selbst motorische Störungen, die zu einem zeitweiligen Kontrollverlust über einzelne Gliedma­ßen führen, können den Betroffe­nen in äußerste Panik versetzen. Um wie viel stärker sollte da die Angst vor dem Ver­lust der gesamten Körperlich­keit und jeglicher Emp­findungen sein? Mithin geht es auch um Weltverlust. Den natür­lichsten Um­gang zeigen klei­ne Kinder, wenn sie, die Augen schließend, mei­nen, nicht mehr gese­hen zu werden: Ich bin weg, denn ich sehe dich nicht. Nicht allein ich verschwinde, die Welt verschwindet mit mir. Bei Peter Rühm­korf liest sich das so:
'n Ich hat irgendwie jeder, und das ist auch gar nicht so ungewal­tig. / Wenn es die Augen zuklappt, / geht die Erde unter, / sind die Sterne aus.
Dies entspricht wohl auch dem Weltempfinden vor­christlicher Kulturen und Reli­gionen. Aus heutiger Sicht mag es zugleich naiv und anmaßend er­scheinen, dass die Menschen in früheren Kulturen glaubten, die Welt ginge unter, wenn sie die überlieferten Rituale nicht ausüben würden. Aber könnte dieser tief verwurzelte Glaube an die entscheidende Rolle des Einzelnen im und für das Weltgebäude nicht die Angst davor erklä­ren, als Toter diese Rolle nicht mehr ausfüllen zu können? Würde dies nicht eine Erklärung für die Grabbeilagen liefern, die Verstorbenen mitgegeben wurden, damit sie ihre Aufgabe als Jäger, Bauer, Krieger, Priester oder Pharao auch im Jenseits erfüllen? Könnte unsere Angst vor dem Tod nicht ein Nachhall, ein Residuum jener Urangst vor dem Verschwinden der Menschheit überhaupt sein, wie sie unse­re in klei­nen, meist voneinander isolierten Horden lebenden Vorfahren empfun­den haben mögen? Alles nur Spekulation - natürlich.
Trotzdem ist die Aufforderung Epikurs bedenkenswert. Um ihr nach zu kommen, müsste man über die Fähigkeit verfügen, sich selbst zu objek­tivieren, ne­ben sich zu treten und sich als dritte Person zu sehen. In der Psychologie wird dies als Depersonalisation bezeichnet und in schwereren Fällen zu den psychi­schen Störungen gerechnet. Deperso­nalisation kann aber auch als unbewuss­te Schutzreaktion bei seelischem oder körperlichem Stress auftreten, z.B. kurzzeitig in Unfall­situationen (was mir selbst schon mehrfach widerfahren ist) oder lan­ganhaltender bei physischen Misshandlungen, wie etwa Prügel­strafen, Fol­ter oder Vergewaltigung. Wenn ich es richtig verstanden habe, trägt die buddhistische Vorstellung vom Nirwana ebenfalls Züge von Deper­sonalisation.
Kann man also dem Tod nur gelassen entgegen sehen, wenn man sich bereits von seinem Ich losgelöst bzw. losgesagt hat? Der Rockmusi­ker Maynard James Keenan hat diese Frage in zwei Texten für sei­ne Bands Tool und A Perfect Circle  (in einer möglichen Interpretation) thematisiert. In Schism (Tool, 2001) heißt es:
I know the pieces fit / 'Cause I watched them fall away / Mildewed and smoulde­ring / Fundamental differing
und in Vanishing (APC, 2003):
Disappear / Disappear / Thinner / thinner / Into the air / Never really here / What that never / Like a thought brushing up against a sigh / Floating away. 
Das auseinander gefallene Ich auf der einen Seite, auf der anderen der Wunsch zu verschwinden, als wäre man nie da gewesen. Todessehn­sucht in dissoziativer Todesge­lassenheit?
Verbreitet ist das Bild vom Tod als Tor, das man durch­schreitet, um in ein anderes, hoffentlich besseres Leben einzutre­ten, etwa so wie in Stargate. Womöglich haben ja all diese Ideen von Wurmlöchern, Fal­träumen, transdimensionalen Reisen ihren tiefe­ren Ur­sprung in der Meta­pher vom Tod als Tor. Die Religionen haben über das, was einen auf der anderen Sei­te erwartet, unterschiedliche Ansichten, häufig aber erzählen sie davon, dass man auf der anderen Seite nicht allein sein wird. Es warten die Vorfahren, mythi­sche Gestal­ten und Volkshelden, Engel oder Gott selbst. Es sind dies sehr tröstli­che Ideen, die den unvermeidlichen Gang durch das Tor erleichtern sol­len.
Epikur zufolge, wäre auf der anderen Seite jedoch nichts. Ist schon eine Welt ohne einen selbst kaum vorstellbar, so das Nichts noch weni­ger. Erst recht nicht ein Tor oder eine Tür, hinter der, wenn wir sie öff­nen, nichts, abso­lut nichts ist. Was wir uns vorstellen können, ist Leere, so wie die Leere ei­nes Alls ohne Sterne, Planeten, Gaswolken etc. Eine Hülle ohne Inhalt - das ist unsere Vorstellung von Leere. Doch diese Leere ist nicht das Nichts. Sie ist Et­was, nur ohne Inhalt. Aber auch das ist nicht ganz kor­rekt, weil wir uns die leere Hülle nicht ohne einen sie umge­benden Raum denken können. Außerdem wäre diese Leere, sobald wir in sie hinein treten würden, ja nicht mehr leer. Sie enthielte ein empfin­dendes Bewusstsein. Wie sonst könnten wir sie wahrnehmen? Offenbar kann man sich den eigenen Tod zwar sprach­lich-abstrakt denken, ihn sich jedoch nicht bildhaft-kon­kret vor­stellen. Wer weiß, ob Epikur es wirklich konnte.
Wohin aber will Maynard James Keenan verschwinden? Vermutung: Der emotionale Teil des dissoziierten Bewusst­seins sehnt sich nach Auf­lösung in dessen rationalem Teil. Das fühlen­de Ich flüchtet in die Arme des denkenden Ichs, um dem unaus­weichlich bevorstehenden Schmerz des Selbstverlusts im Tode zu ent­gehen. In einem Akt vorausei­lenden Gehorsams vor dem Unaus­weichlichen handelt es letztmalig in freier Entscheidung und beschließt zu verschwinden, sich nötigenfalls selbst auszulöschen. Es ist ein spurloses Verschwinden, ein rück­standsfreies Ausbrennen, denn es spielt sich ausschließlich im In­nern ab. Äußerlich bleibt der Mensch er selbst. So kann das dissoziier­te Be­wusstsein, sich selbst dabei zusehend, in rationaler Gelassenheit und ohne Angst den Tod auf sich zukommen lassen oder ihm selbstbe­wusst entgegen gehen.
Der Preis dafür ist freilich der Verlust des füh­lenden Ichs oder zumindest seine Entkopplung vom denkenden Ich, so dass ein unmittelbares Fühlen im bewussten Sein nicht mehr stattfin­det. Emotionen zeigen sich, wenn überhaupt, so vom rationalen Be­wusstsein verarbeitet, reflektiert und kontrolliert. Das Unmittelbare und Spontane verschwindet, und selbst wenn es doch sporadisch ein mal auftauchen sollte, wirkt es falsch und aufgesetzt, wie von einem schlechten Schauspieler auf die Bühne getragen. Zuweilen mag das fühlende Ich sein selbstgewähltes Gefängnis verlassen, und die einge­pferchten, angestauten Emotionen entladen sich in einem wilden, unge­zügelten Gefühlsausbruch, in Zorn, in Euphorie, in Theatralik, in Me­lancholie, in Tränen und schließlich in To­dessehnsucht. Nur nicht in Glück. Man höre Tool.
Für den rationalen Verstand liegt hinter dem Tod das Nichts. Das Chris­tentum sieht dort Auferstehung und ewiges Leben als hoffnungsvolle Vor­stellung, um im irdischen Leben dem Nichts den ihm eigenen läh­menden Schrecken zu nehmen. Seit langem gefällt mir die Idee der Noosphäre des rus­sischen Geologen Wernadskij, die von Theilhard de Chardin aufgenom­men und theologisch ausgestaltet wurde. Kurz ge­fasst beschreibt dieser Begriff eine die Erde umschließende Sphäre der menschlichen Gedan­ken, ursprünglich aller gedachten Gedanken, spä­ter aber auch, vor al­lem in der digitalen Esoterik, aller denkbaren. (Letzterer Auffassung möchte ich mich ausdrücklich nicht anschließen.) Die Noosphäre bezeich­net also den Raum reinen Geistes, bevölkert von den Re­sultaten menschlicher Denktätigkeit. Anders als bei Platon ist diese Welt der Ideen nicht ein für alle mal gegeben und harrt der Erkenntnis, sondern evolutioniert: Die Noosphäre ent­steht und wächst nur mit und durch den Menschen. Sie ist der Ort, an den der Geist gehen kann, nachdem sich die Körperfunktionen des­integriert haben. Das Sympathi­sche an dieser Idee besteht darin, dass sie auch denen Trost spenden kann, die nicht an Gott glauben und auch mit dem Nirvana nichts anzufangen wissen. Andererseits, und das hat Theilhard de Chardin getan, lässt sich die Noosphäre durchaus mit christlichen Jenseits­vorstellungen vereinbaren, etwa bei der Frage, wo sich die Toten bis zur Auferste­hung aufhalten. So wäre das Universum ein sowohl göttlich als auch menschlich beseelter Raum: Nichts wäre nichts. Nichts ginge verloren. Nichts wäre vergeblich. Und der Tod keineswegs das Ende.

Donnerstag, 12. April 2012

Was bedeutet das alles? von Thomas Nagel

Gutes Philosophieren beginnt mit dem Staunen. Gute Philosophen stellen erst einmal Fragen, das heißt, sie stellen in Frage. Oft machen sie sich damit unbeliebt, manchmal - meist erst nach ihrem Ableben - werden sie berühmt, selten aber verstanden. Sokrates war so einer, Kant ebenso und Jesus irgendwie auch.
Ob der Amerikaner Thomas Nagel dereinst zu den ganz großen seines Fachs zu zählen sein wird, ist schwer zu sagen. Ein guter ist er in jedem Fall. Nagel ist Rationalist im besten Sinne des Wortes, also zutiefst überzeugt von der Kraft des menschlichen Verstandes. Deshalb glaubt er auch, dass die Titel gebende Frage „Was bedeutet das alles?“ grundsätzlich beantwortet werden kann. Als Autor gelingt es ihm, in jeder Zeile seines Buchs dem Leser das Staunen darüber zu vermitteln, dass der menschliche Verstand sich diese und andere grundlegende Fragen, wie z.B. die neun von ihm ausgewählten, überhaupt zu stellen vermag.
In der Einleitung schreibt Thomas Nagel: „Im Zentrum des Philosophierens stehen gewisse Fragen, die ein reflektiertes menschliches Bewusstsein auf natürliche Weise verwunderlich findet, und am besten beginnt man sein philosophisches Nachdenken, indem man sich ihnen unmittelbar zuwendet.“ Man muss allerdings zugeben, dass nicht alle Fragen, denen sich Nagel zuwendet, eine gleichermaßen natürliche Verwunderung auslösen. So gehören gleich die ersten zwei Probleme: „Woher wissen wir etwas?“ und „Das Fremdpsychische“, sowie das fünfte: „Die Bedeutung von Wörtern“, wohl zu den dem Alltagsbewusstsein eher fern liegenden, erkenntnistheoretisch elaborierten Themen, die gleichwohl fundamentale Fragen des Menschseins behandeln. Um einiges näher „an der Basis“ sind hingegen die Fragen nach der Moral, nach dem Tod oder dem Sinn des Lebens.
Thomas Nagel gibt keine Antworten. Er behandelt verschiedene, auch widerstreitende Standpunkte, darunter stets auch den eigenen, und vermittelt so, dass es auf die gestellten Fragen bislang keine befriedigenden Antworten gibt. Dies und der in seiner lakonischen Sachlichkeit und Schlichtheit fast poetisch anmutende Stil des Autors machen „Was bedeutet das alles?“ zu einer intellektuell anregenden und sprachlich angenehmen Lektüre. Das Buch ist nicht neu, es erschien erstmals 1987, hat aber seither, wie es sich für gute Philosophie gehört,  nichts an Substanz verloren. Denn, Zitat Nagel: „Über diese Probleme wird seit tausenden von Jahren geschrieben...“
Mir wurde Thomas Nagel bekannt durch seinen Aufsatz "What is it like to be a bat"1, in dem er begründet, dass, egal wie viel wir über das Gehirn eines Wesens wissen, z.B. über das einer Fledermaus (daher der Titel), wir doch nie dessen Erlebnisperspektive erschließen können2. Schon dieser Denkansatz lässt erahnen, worauf man sich einlässt, wenn man Thomas Nagel folgt, was unbedingt zu empfehlen ist, denn, wie Einstein einst sinngemäß anmerkte, ist das Denken eine der schönsten Vergnügungen der menschlichen Spezies.

Thomas Nagel. Was bedeutet das alles? Stuttgart, 2008


1 http://organizations.utep.edu/Portals/1475/nagel_bat.pdf
2 zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Nagel_(Philosoph)

Montag, 2. April 2012

Agamben und das Wünschen

Giorgio Agamben ist zweifelsohne populär. Seine Texte werden breit bespro­chen und vom Fachpublikum weidlich auseinander genommen. Ich mag sie trotzdem. Mir gefällt einfach sein Stil. Sein freier, spekulativer Umgang mit den Themen sagt mir mehr zu, als manches tiefschürfende Abarbeiten an der Faktizität des Gegenstands.
Das schmale Sammelbändchen Profanierungen[1] aus dem Jahr 2005 enthält fol­genden kurzen Text:

Wünschen
Wünschen ist das Einfachste und Menschlichste, was es gibt. Warum kön­nen wir uns dann ausgerechnet unsere Wünsche nicht eingestehen, warum fällt es uns so schwer, sie zur Spra­che zu bringen? So schwer so­gar, daß wir sie schließlich ver­borgen halten, irgendwo in uns eine Krypta für sie bauen, wo sie einbalsamiert liegen und warten. 
Wir können unsere Wünsche nicht zur Sprache bringen, weil sie Einbildun­gen von uns sind. Die Krypta enthält in Wirklichkeit nur Bilder, wie ein Buch für Kinder, die noch nicht lesen können, wie die Images d‘Epinal ei­nes Volkes, das weder lesen noch schreiben kann. Der Körper der Wün­sche ist ein Bild. Und was wir uns an einem Wunsch nicht eingestehen können, ist das Bild, das wir uns von ihm ge­macht haben.
Jemandem unsere Wünsche ohne die Bilder mitzuteilen ist brutal. Ihm unsere Bilder ohne die Wünsche mitzuteilen ist fad (wie das Erzählen von Träumen oder Reisen). Aber leicht in beiden Fällen. Die Wünsche als Ein­bildungen und die Bilder als Wünsche mitzuteilen ist die schwierigste Auf­gabe. Deshalb verschieben wir sie. Bis zu dem Augenblick, in dem wir zu verstehen beginnen, daß sie für immer unge­löst bleiben wird. Und daß der Wunsch, den wir uns nicht eingestehen können, wir selbst sind, für immer in der Krypta eingeschlossen.
Der Messias kommt wegen unserer Wünsche. Er trennt sie von den Bil­dern, um sie zu erfüllen. Oder eher, um zu zei­gen, daß sie schon erfüllt sind. Was wir uns eingebildet haben, haben wir schon bekommen. Uner­füllt — bleiben die Bilder des Erfüllten. Aus den erfüllten Wünschen baut er die Hölle, aus den unerfüllbaren Bildern den Limbus. Und aus dem eingebildeten Wunsch, dem reinen Wort, baut er die Seligkeit des Para­dieses.

Man kann diesen Text auch als Spekulation darüber lesen, warum wir uns einen Messias wünschen:
Paradies ist ein Wort für ein Bild, das in der Genesis wiederum mit Wor­ten beschrieben ist. Das Bild vom Paradies ist für uns also ausschließlich durch den Wortlaut der Genesis-Erzählung gegeben. Hinter der Sehnsucht nach dem Paradies verbirgt sich ein Wunsch, den wir uns nicht selbst einbil­den wie unsere anderen Wünsche, sondern dessen Einbildung uns die Bibel (wie auch der Khoran) im Wort vom Paradies vorgibt. Denn: Im Anfang war das Wort. 
Profanierung des Wünschens hieße dann, sich von der definitorischen, bildne­rischen Macht des gegebenen Wortes frei zu machen und seine Wunschbilder selbst in die Worte zu fassen, die es dem Messias am Ende der Zeit ermögli­chen, jedem von uns sein eigenes Paradies zu übergeben.


[1] Giorgio Agamben, Profanierungen, Suhrkamp 2005

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag, in dem sich freie Menschen verpflichten, ...