Mittwoch, 21. Januar 2015

Der Mob macht mobil

Nichts gegen Presse und Medien, doch manchmal ist der persönliche Augenschein aufklärender als alle Vorder- und Hintergrundberichterstattung.
So war ich denn am Montagabend in erster Linie aus purer Neugier Zeuge der MAGIDA-Demo vor dem Rathaus, aber auch Teilnehmer der parallelen Gegenkundgebung. Anders als in Dresden fand sich zur MAGIDA-Demo nur ein Häuflein von (nach Polizeiangaben) 200 Teilnehmern zusammen, wohingegen es die Gegner wohl auf die Zahl von 6.000 gebracht haben sollen. Darum geht es mir aber nicht. Entscheidend ist, was ich dort sehen und hören konnte, und das war der Mob, der gleiche braune Mob, der sich auch sonst im Januar in der Stadt versammelt, die gleichen stadtbekannten extremen Rechten. Man hatte dabei keineswegs den Eindruck, dass dieser Mob die MAGIDA geentert hätte, wie das ja bzgl. der Dresdener PEGIDA vielfach behauptet wurde. Nein, der Mob war offensichtlich Initiator, Organisator und Rädelsführer des kleinen, aber lautstarken Aufmarsches. Erschreckend war die aggressive Stimmung, die der Mob mit seinen Parolen verbreitete. Und als er sich dann in Bewegung setzte, natürlich innerhalb des Polizeikordons, hatte man trotzdem die Befürchtung, er könnte unversehens zur Meute1 werden.
Gut, das war hier. Doch wenn auch nur ein Teil der Dresdener „Spaziergänger“ in dieser Art und mit diesen Parolen auftritt, und das ist wohl so, dann haben alle anderen PEGIDA-Teilnehmer jedes Recht darauf verwirkt, lediglich als „besorgte Bürger“ angesehen zu werden, deren "Ängste“ man ernst nehmen und mit denen ein "seriöser Dialog" geführt werden sollte. Denn es sind diese Parolen und die darin verwendeten Begriffe, mit denen sich die PEGIDA in Gänze in meinen Augen diskreditiert und die sie nicht satisfaktionsfähig macht, was aber gleichwohl ihre Gefährlichkeit ausmachen könnte, so lange sie sich als bürgerliche Antipolitikbewegung zu gerieren vermag.
Was mich bestürzt und auch irgendwie traurig macht, ist, dass 70 Jahre nach dem Nationalsozialismus in den von PEGIDA verwendeten Begrifflichkeiten eine typisch deutsche Geschichtsvergessenheit oder auch nur Gedankenlosigkeit sich artikuliert, denn nicht nur „Lügenpresse“ ist historisch kontaminiert, auch „Volksverräter“ oder „Überfremdung“, wie überhaupt dieses Wort vom Volk. Für mich jedenfalls sind alle, die Silbe „volks“ beinhaltenden Begriffe negativ besetzt. Gleiches gilt mit Abstrichen für die Silbe „deutsch“ und das Wort „Nation“. All dies hat für mich keinen positiven Inhalt, sondern verbindet sich fast ausschließlich mit negativen Assoziationen, mit Deutschtümelei, mit Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit, mit rechter Ideologie. Ich glaube, wer sich solcher Begriffe und Parolen bedient, tut es entweder bewusst oder ist eben der typisch deutschen Ignoranz und Überheblichkeit verfallen, die uns in zwei verheerende Weltkriege und in die Schuld an ethnischen und ideologischen Genoziden geführt hat.
Was ist das überhaupt das Volk? Ich kann damit nichts anfangen. Im deutschen Sprachgebrauch klingt Volk nach Blut und Boden, nach Ausschluss alles Fremden, was immer auch als solches angesehen wird, ob Juden, Araber, Türken, Bulgaren, Rumänen, Zigeuner, Homosexuelle oder Erbkranke. Aber selbst als ethnologischer Terminus taugt das Volk schon längst nicht mehr zur Beschreibung sozialer Tatsachen. Es wäre schön, wenn der Deutsche, in Sonderheit der PEGIDA-Deutsche, sich endlich nicht mehr als Volksangehöriger sondern schlicht und ergreifend als Bürger, als citoyen im besten französisch-revolutionären Sinne begreifen würde.
Auch der Begriff „Islamisierung“ weckt schlimme Assoziationen. Bezeichnenderweise ist in unserem Sprachgebrauch das Wort „Christianisierung“ sehr positiv besetzt. Damit verbinden wir so tolle Sachen wie Kultur, Zivilisation, den Westen schlechthin, ungeachtet der unzähligen Verbrechen, die im Namen der Christianisierung großer Teile des Globus begangen wurden. Auf der anderen Seite steht das Wort „Judaisierung“ oder schlimmer noch, wie es im Dritten Reich gebraucht wurde, „Verjudung“, was i.Ü.. nicht eine aktive Missionierung durch jüdische Rabbiner meinte, sondern die angebliche jüdische Unterwanderung deutscher Kultur und deutscher Institutionen. Wollen wir da allen Ernstes von Islamisierung sprechen?
Und wenn wir schon dabei sind, der PEGIDA geht es doch überhaupt nicht um den Islam. Schaut man sich den deutschen Protestbürger dieser Tage genauer an, dann geht es ihm in Wahrheit nur darum, alles Fremde und Irritierende, alles potenziell Bedrohliche, alles Risikobehaftete und seinen Status Quo gefährdende von sich fern zu halten. Der Islam dient ihm dabei lediglich als Simplifizierungsschablone zur kompakten Artikulation seiner vermeintlichen Existenzängste. Der Islam ist so nichts als die verbale Verkörperung allen Ungemachs, der uns bedrohen könnte. Da kommt es gerade Recht, dass Terroristen sich seit einigen Jahren auf den Islam berufen, wiewohl der auch in diesen Fällen nur als argumentative Projektionsfläche dient. Angenommen, Terroristen würden sich auf Buddha berufen, dann hätten die PEGIDA-Leute (dann natürlich PEGBuDA), wie auch die Geheimdienste und die Strafverfolgungsbehörden die Buddhisten auf dem Schirm, was wiederum eine putzige Vorstellung wäre, denkt man nur an die vielen buddhistisch angehauchten Sinnsucher in unserem Land. Damit will ich nur sagen, dass man unterscheiden sollte zwischen Ursache und Begründung. Der Grund einer Tat ist nicht unbedingt ihre Ursache, man kann sich Gründe auch im Nachhinein zurecht legen, soweit man dann dazu noch in der Lage ist. Man kennt das ja aus der eigenen Biographie.
Die Ängste, die der Dresdener Mitläufer den Medien zufolge zum Ausdruck bringen will, sind jedoch keine intrinsischen, es sind geschürte diffuse Ängste, die in der vermeintlichen Islamisierung bzw. Überfremdung nur eine passende Zielprojektion gefunden haben, zumal die Stichworte und Argumentationslinien, wie sich leicht nachrecherchieren lässt, von den Großparteien, namentlich von CDU und CSU selbst entwickelt wurden. PEGIDA ist vielmehr eine Folge der schröder/fischerschen Hartz-Gesetzgebung, die gerade erst ihr 10-jähriges Jubiläum begangen hat. Die hat nachweislich zu einer verbreiteten Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft geführt und Abstiegsängste gerade in der Ü50-Mittelschicht erzeugt. Das entlastet diese Mitläufer keineswegs, wie es auch die Nazi-Mitläufer und Heil-Schreier nicht entlastet hat, dass seinerzeit eine Weltwirtschaftskrise herrschte und es den Juden ja trotzdem soo gut ging, denn schließlich sind sie, die Mitläufer, denkende Individuen, die sich dessen, was sie tun und bei wem sie da mitlaufen, bewusst sein sollten.
Was mir zu denken gibt, und das schon seit längerem, ist, dass es der Politik und der Wirtschaft immer wieder gelingt, die, die wenig haben, gegen die aufzuhetzen, die noch weniger haben, und die, die nichts haben, sogar gegen die, die nackt zu uns kommen. Und so was beruft sich dann auf ein christliches Abendland. Wie dumm sind wir eigentlich?
1Elias Canetti. Masse und Macht. Fischer 2003

Dienstag, 25. März 2014

Allen Falken und Scharfmachern

angesichts der Krim-Krise

Große Kriege seit dem Zweiten Weltkrieg (mit Opferzahl)

Diese Liste enthält die zivilen Toten durch Infektionskrankheiten, Hungersnöte, Kriegsverbrechen, Völkermord usw. sowie die in Schlachten getöteten Soldaten, also die gesamte Anzahl der Kriegsopfer.
    55.000.000–60.000.000: Zweiter Weltkrieg (1939–1945)
    20.000.000: Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg (1937–1945)
    3.800.000–5.400.000: Zweiter Kongokrieg (1998–2003)
    2.500.000–3.500.000: Koreakrieg (1950–1953)
    2.300.000–3.800.000: Vietnamkrieg (gesamt 1955–1975)
    300.000–3.000.000: Bangladesch-Krieg (1971)
    1.500.000–2.000.000: Afghanischer Bürgerkrieg und sowjetische Intervention (1979–1989)
    1.300.000–6.100.000: Chinesischer Bürgerkrieg (1928–1949)
    1.000.000: Erster Golfkrieg, Iran-Irak (1980–1988)
    1.000.000: Zweiter Sudanesischer Bürgerkrieg (1983–2005)
    1.000.000: Biafra-Krieg, Nigeria (1967–1970)
    900.000–1.000.000: Mosambiks Bürgerkrieg (1976–1993)
    800.000–1.000.000: Bürgerkrieg in Ruanda (1990–1994)
    800.000: Bürgerkrieg der Republik Kongo (1991–1997)
    570.000: Eritreas Unabhängigkeitskrieg (1961–1991)
    550.000: Somalischer Bürgerkrieg (seit 1988)
    500.000: Bürgerkrieg in Angola (1975–2002)
    500.000: Bürgerkrieg in Uganda (1979–1986)
    200.000-240.000: Jugoslawienkrieg (1991-1999)
    393.000–942.000: Irakkrieg (2003-2011)
Es sind weltweit mindestens 25 Millionen Menschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch Kriege gestorben. Im 20. Jahrhundert starben circa 100–185 Millionen Menschen durch Kriege.

***

Mit der zeitlichen Entfernung vom Krieg sinkt für die Menschen wohl der Wert des Friedens. Es ist gleichsam wie das Abflauen des Verliebtseins nach zwei, drei Jahren – am Beginn war alles eine große Euphorie: Endlich Frieden! Doch nach Jahren des ruhigen Zusammenlebens verblasst die Erinnerung und Unruhe macht sich breit: Sehnsucht nach Veränderung kommt auf. Und der Mensch geht wieder ins Risiko, wohl ahnend, was ihm schlimmstenfalls widerfahren könnte, und doch tut er es. Er geht wieder auf die Jagd. Und damit in die Unfreiheit, denn Frieden schafft die Möglichkeit von Freiheit, Krieg hingegen das Gegenteil.
Die einzige Freiheit, die der Krieg zu bieten hat, ist die Freiheit zum Töten.
Was mich wirklich stört und in gewisser Weise zugleich zornig und traurig macht, ist die allgemein verbreitete Geschichtsvergessenheit, ja Geschichtsignoranz eines großen Teils unserer politischen Klasse, die spätestens mit dem Gespann Schröder/Fischer erst salonfähig, dann Mainstream wurde und nun mit den hysterischen Äußerungen des Unheilsgeschwaders Merkel/Steinmeier/Gauck/von der Leyen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Ich meine damit die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, sich und das eigene politische Handeln auch aus der Perspektive des oder der Anderen zu sehen und zu bewerten. Und die Anderen sind die, deren Länder einst besetzt waren und auf deren Boden im Namen des deutschen Volkes die wohl schwersten systematischen Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden.
Es mag an meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte und auch der meiner Familie liegen, dass ich in diesen Angelegenheiten wohl besonders sensibel bin.


Dieses Bild stammt vom Google-Service Street View. Es zeigt das Blockadedenkmal in St. Petersburg, das die Form eines stilisierten, aufgebrochenen Ringes hat und damit, sowie mit einem unterirdisch eingelassenen Museum an die fast 900 Tage und Nächte dauernde und über eine Millionen Menschenleben kostende Blockade der Stadt durch die Wehrmacht zwischen September 1941 und Januar 1944 erinnert.
Acht Jahre lang habe ich in dieser Stadt, die damals noch Leningrad hieß, gelebt. Eher ungewollt und zufällig ging ich am Nachmittag meines 19. Geburtstages zum Blockadedenkmal und verbrachte dort fast zwei Stunden damit, über Geschichte, Gegenwart und Zukunft nachzudenken. In den folgenden Jahren wurde der Besuch des Blockadedenkmals am Geburtstag wie auch das sinnierende Verweilen dort zu einem persönlichen Ritual, das neben der von sowjetischen Kommilitonen und anderen Gesprächspartnern erzwungenen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte entscheidend dazu beitragen sollte, mich selbst als Deutschen auch in der Mitverantwortung für die jüngere deutsche Geschichte zu sehen. Das mag etwas pathetisch klingen, entspricht aber den Tatsachen. 
Mein Großvater war NSDAP-Funktionär und, wie seine Hinterlassenschaft aus dem Ersten Weltkrieg zeigt, ein strammer Nationalkonservativer, einer, auch an dessen Wesen wohl die Welt genesen sollte. Er beendete sein Leben im Herbst 1945 in einem sowjetischen Straflager an der Elbe.
Ich halte nichts von der so genannten Kollektivschuld, die wir ewig mit uns herum zu schleppen hätten. Ich glaube aber, dass es kollektive Dispositionen und Intentionen geben kann, und dass solche tief in der Sozialpsychologie einer Nation angelegt sein können. Bei uns Deutschen zählen m.E. dazu: Rechthaberei, Besserwisserei, Verdrängung und Hochmut. Und solche Dispositionen und Intentionen können zu kollektiver Irrationalität und präanimalischem Verhalten führen, wie man in Elias Canettis „Masse und Macht“1 vortrefflich nachlesen kann. Dies eben ist meine Befürchtung, dass unsere Geschichtsvergessenheit im Verbund mit Wirtschaftsmacht, Medienhysterie und Hochmut uns wieder in die kollektive Ir­rationalität treiben könnte.


1 Elias Canetti. Masse und Macht. Fischer TB, 2011

Samstag, 8. März 2014

Brücke, Fluss und Fährmann

Vor einiger Zeit bekam ich Hermann Hesses Erzählung „Siddhartha. Eine indische Dichtung“ geschenkt, verbunden mit der, mittels markierter Textpassagen ausge­drückten dringenden Bitte der oder des Schenkenden, das Buch auch zu lesen.
Nun fehlte mir zugegebenermaßen bislang der Zugang zu Hesse, nicht wegen seines Stils, sondern eher wohl wegen der Attitüde. „Steppenwolf“ und „Glasperlenspiel“ hatte ich vor vielen Jahren gelesen, fand aber keinen rechten Bezug dazu. Die Außenseiterattitüde hatte mir irgendwie missfallen, und das hing wohl zusammen mit meinem damaligen Selbstverständnis. Diese Zeiten sind lange vor­bei. Mit dem Lesen von „Siddhartha“ hat sich die Distanz zu Hesse jedenfalls verringert, und vielleicht sollte ich „Steppenwolf“ wieder und „Unterm Rad“ überhaupt mal lesen.
Ich habe nicht vor, „Siddhartha“ hier in Gänze zu besprechen, eine kurze Inhaltsan­gabe scheint mir zum Verständnis des Folgenden dennoch angebracht. Die Erzählung beginnt in Anlehnung an die überlieferte Geschichte vom historischen Buddha Siddhartha Gautama. Auf der Suche nach der Wahrheit schließt sich der Brahma­nensohn Siddhartha zusammen mit seinem Freund Govinda zunächst einer Gruppe asketischer Wandermönche, den Samanas, an, trifft dann auf den legendenumwobenen ersten Buddha Gota­ma, erkennt aber bei dieser Begegnung, dass dessen Weg nicht der seinige werden kann. Siddhartha trennt sich vom Freund Govinda und geht in die Stadt. Dort lehrt ihn die Edelkurtisane Kamala die Kunst der körperlichen Liebe. Er bleibt bei Kamala und ar­beitet, zunächst um sich ihre Liebesdienste auch leisten zu können, erfolgreich für einen Kaufmann, was ihn sehr wohlhabend, aber auch hochmütig werden lässt. Nach Jah­ren geht ihm auf, dass auch dieses Leben nicht zum angestrebten Ziel führt. So begibt er sich wieder auf asketische Wan­derschaft und trifft am Fluss auf den Fährmann Vasude­va, der ihm, wie es scheint, zu der Wahrheit verhelfen kann und mit dem er bis zu dessen Tod zusammen lebt und arbeitet. Zum Ende der Geschichte, da Siddhartha seine Erlösung gefunden hat, kommt es zu einem Wiedersehen zwischen den eins­tigen Freunden Govinda und Siddhartha, die nun, inzwischen alt geworden, ihre ge­wonnenen Weisheiten austauschen.
Nun ist „Siddhartha“ mitnichten eine indi­sche Dichtung. Nicht nur weil hier ein Europäer gedichtet hat, sondern auch und ge­rade weil in der Erzählung eine westlich geprägte kosmopolitische und gleichsam ökumenische Grundhaltung zum Ausdruck kommt, ähnlich der Botschaft des Ro­mans „Life of Pi“ des Kanadiers Yann Martell, die ein genuines Produkt der euro­päischen Aufklärung ist. Jedenfalls lassen sich bei der Lektüre verschiedenste Bezüge zu traditionell westlichem Denken und zu traditionell westlicher Erzählweise entde­cken, was in meinem Fall auch daran liegen mag, dass ich mich in den östlichen Philosophie- und Glaubenstraditionen nicht besonders auskenne - Platon und die Bibel sind mir halt vertrauter. Anders gesagt, ich habe zwar vor langer Zeit einiges gelesen – die Ve­den, buddhistische Texte, Laotse und Konfuzius, mich allerdings damit nicht intensiv auseinander gesetzt, so dass mir etwaige Bezüge fehlen.
So aber kam mir zum Ende der Lektüre von „Siddhartha“ die bekannte Passage aus dem Brief an die Hebräer in den Sinn: „Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.“ (Hebr. 2,17) Die Rede ist natürlich von Jesus Christus, und sie besagt, wie auch die Erzählung Hesses, dass nur ein Mensch, der das ganze Menschsein in allen seinen guten und schlechten Facetten am eigenen Leib erlebt hat, zur Wahr­heit gelangen kann.
Durch die Auftrennung der historischen Person des Siddhartha Gautama Buddha in zwei literarische Gestalten -Siddhartha und Gotama - stellt Hesse in gewisser Weise den Buddhis­mus auf christliche Füße, um mit der Schilderung von Siddharthas Lebensgeschichte beide Religionen zu konterkarieren. Aus meiner beschränkten Sicht unterscheiden sich nämlich Christentum und Buddhismus in einem wesentlichen Punkt: Sicher wollen beide den Menschen einen Weg zur Erlösung zeigen. Während aber der Buddhismus die Entgeistigung des Körpers als Weg zur Er­lösung ansieht, lehrt das Christentum die Entkörperli­chung des Geistes. Hesse konterkariert diese Erlösungsstrategien mit der Geschichte vom Fluss, die mit Heraklits „panta rhei“ am Beginn zumindest der europäi­schen Philosophie steht, sowie mit Vasudevas ruhigen Meditatio­nen über die Zeit:
»Ja Siddhartha«, sprach er. »Es ist doch dieses, was du meinst: daß der Fluß überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall zugleich, und daß es für ihn nur Gegen­wart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?«1
»...nie ist der Mensch ganz heilig oder ganz sündig. Es scheint ja so, weil wir der Täuschung unterworfen sind, daß Zeit etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich...Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Böse und Gut zu liegen scheint, auch eine Täuschung.«2
Buddhismus und Christentum lehren auf ihre je eigene Weise, dass die Erlösung nur durch Verlassen des Zeitstroms erreicht werden kann. Der Mensch scheint ja gleich­sam gefangen im und genötigt vom linearen, irreversiblen Fluss der Zeit, ihn ängstigt aber auch die Aussicht auf zyklische Wiederkehr des immer Gleichen. 40 Jahre vor Hesse spricht Nietz­sche in der „Fröhlichen Wissenschaft“ von der Wiederkehr des immer Gleichen gar als von dem größtem Übel:
– Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muß dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!« – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so rede­te? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermal­men; die Frage bei Allem und Jedem »willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?« würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlan­gen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung? – 3
Wie wohltuend gelassen und weise wirkt dagegen die Einsicht oder vielleicht auch nur Anerkennung dessen, dass Zeit nur ein Hilfskonstrukt unseres Verstandes ist, um dem Paradox der permanenten Veränderung der eigentlich dauerhaften Dinge einen Begriff und einen Sinn zu geben. Es scheint, als schließe Hesse mit Vasudevas Meditationen an an Hegels radikales Prozessdenken, nach dem wirklich nur der Prozess als solcher ist: „Der Prozeß der wirklichen Dinge selbst macht also die Zeit.“4 Und wie der Fluss ist der Prozess natürlich überall zugleich, weil er das Ganze ist. Wobei aber die Pointe von Nietzsches Schreckensbild ja darin besteht, dass er uns dazu auffordert, uns dem größten Übel zu stellen, es zu akzeptieren und unser Leben im vollen Bewusstsein dessen zu leben, dass es so ist.
Man kann nämlich in und mit der Zeit leben, wie Vasudeva und, ihm folgend, Siddhartha es tun, indem sie sich dem Fluss gleichsam ergeben. So un­terliegen sie in ihrer Wahrnehmung keinem Diktat, weder dem Diktat der schreckenden Wiederkehr des immer Gleichen, weil ja nichts wiederkehrt, sondern alles, wie der Fluss als Ganzes, immer schon da ist, noch dem der Ausrichtung auf das unvermeidli­che Ende, der wir Menschen wohl unsere letztlich zerstörerische Umtriebigkeit zu­schreiben können, da in jedem Moment das Ende und der Anfang, so wie Quelle und Mündung, ja schon präsent sind. So zielgerichtet, strukturiert und zeitlich geordnet unser Leben auch erscheinen mag, sollte es doch nicht die eine Akkordzeit im „Weltinnenraum des Kapitals“ (Sloterdijk) sein, von der wir uns beherrschen lassen, vielmehr sind es zwei Zeiten, denen man sich ganz bewusst aussetzen kann: Zum einen die zyklische Zeit der täglichen, wöchentlichen, monatlichen, jährlichen Wiederkehr der immer glei­chen Verrichtungen und Rituale, die uns das Gefühl von Identität gibt - die zykli­sche Zeit gleichsam als Vertrauensanker der Selbstgewissheit. Zum anderen die linea­re, die messbare Weltzeit, die immer schon da ist, egal, was wir tun und was mit uns geschieht, die im oben erwähnten Hegelschen Sinne vom Prozess der Dinge selbst gemacht wird, und die man so gesehen nur sein lassen kann.
Die Rede vom Fluss weckt nicht nur Zeitassoziationen - mit der Figur des Fährmanns kommt unweigerlich die Frage nach der Überquerung des Flusses ins Spiel. Diesem Zweck könnte auch eine Brücke dienen, doch Hesse bedient sich dieser Option nicht, obwohl die Brücke als literarische und philosophische Metapher eine lange Tradition hat. Ein Grund dafür mag in der Abgegriffenheit der Brückenmetapher selbst liegen, ein anderer in der Verfestigtheit und Statik des Bildes. Wichtiger scheint mir: Eine Brücke kann man auch allein überqueren, und es spielt auch keine Rolle, wer sie ge­baut hat und wie lange sie schon die Ufer des Flusses miteinander verbindet. Der Fährmann hingegen begleitet den Reisenden bei der Überfahrt, ohne ihn kann diese gar nicht geschehen, es sei denn der Reisende machte sich selbst zum Fähr­mann, was jedoch mit dem Risiko verbunden wäre, die Fähre nicht zu beherrschen und zu scheitern. Der Reisende muss dem Fährmann also notgedrungen vertrauen, im Gegenzug hilft der Fährmann dem Reisenden, in dem er ihn nicht nur zum ande­ren Ufer bringt, sondern eben auch bei ihm ist. So ist der Reisende auch bei seiner vielleicht schwersten Überfahrt nicht allein, der Fährmann ist bei ihm, wie Charon bei den Toten auf ihrer letzten Reise über den Fluss Acheron. Die Brücke steht somit gleichsam für den abstrakten, unsichtbaren Gott, den Gott des Regenbogens5, der Morgen und Abend verbindet, und, in ihrer Starre und Festigkeit, auch für das unverrückbare Schicksal. Der Fährmann hingegen steht für den konkreten, personellen Gott, der unsere Fahrt über den Fluss des Le­bens ermöglicht, lenkt und begleitet, uns aber auch die Freiheit lässt, über den Ort unseres Anlegens am anderen Ufer mit zu entscheiden.
1 Hermann Hesse. Siddhartha. Suhrkamp 1974, S. 87
2 Ebd. S. 114
3 Friedrich Nietzsche . Die fröhliche Wissenschaft. Insel 2000. Aphorismus 341
4 Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Werke Band 9. Suhrkamp 1986. § 258
5 Genesis 9,13

Sonntag, 19. Januar 2014

The King's Speech

Howgh! Der Häuptling hat gesprochen. Der König der „amtierenden Theokratie“, wie Peter Sloterdijk das politische System der  Vereinigten Staaten von Amerika einst einzuordnen versuchte. Obama also hat zur NSA-Affäre gesprochen, und damit kann sie nun wirklich als beendet angesehen werden. Bei allem Unmut und allem Unbehagen darüber, dass die Affäre, wie von Anfang an zu erwarten war, ausging wie das Hornberger Schießen, sollte man sich doch darüber freuen, dass endlich Klartext gesprochen wurde und das unsägliche Schmierentheater der vergangenen Monate, das vor allem auf der hiesigen politischen Bühne aufgeführt wurde, ein Ende gefunden hat.
Ich habe Obamas Rede weder gehört noch gelesen, auch nicht das Interview, das ZDF-Anchorman Claus Kleber mit ihm geführt hat. Muss man wohl auch nicht, denn, wie gesagt, der Ausgang der ganzen Angelegenheit stand lange vorher fest: Alles bleibt im Wesentlichen so, wie es ist. Man wird einige Exzesse der NSA und anderer Dienste zu zügeln versuchen, also ein paar kosmetische Eingriffe vornehmen, um die Verbündeten nicht zu sehr zu vergrätzen. Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der etablierten und mit den Snowden Papers offen gelegten Praktiken jedoch wird ausdrücklich bestätigt. Und nun fragt man sich wie so oft im Leben: Warum ist das so?
Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte. Das US-Imperium, so wie wir es kennen, entstand im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs und des Zusammenbruchs zunächst des britischen Kolonialreichs und später des Sowjetreichs. Es basiert, oder sollte man besser sagen basierte auf drei Pfeilern. Da sind zum einen die Militärstützpunkte. Nach dem Krieg begannen die USA, die Welt mit einem Netz dieser Stützpunkte zu überziehen, wobei die meisten in Europa, Asien und im Pazifikraum angesiedelt wurden. Später dann wurden, wo es sich anbot, die postkoloniale Hinterlassenschaft der Briten, wie etwa Pakistan oder Ägypten, und zuletzt die Nachfolgestaaten der Sowjetunion in das globale Stützpunktnetz eingewoben. Der zweite Pfeiler ist das Bündnissystem mit NATO, Rio-Pakt, ANZUS usf. Ein dritter Pfeiler des Imperiums war bekanntlich das Währungssystem von Bretton Woods, das die kapitalistische Weltwirtschaft in die faktische Abhängigkeit vom Dollar brachte. Die Weltmachtposition der USA basierte und basiert darauf, dass sie völlig legitim in der Lage waren, zu jedem Zeitpunkt und an jedem beliebigen Ort dieser Welt militärisch oder wirtschaftlich einzugreifen oder zumindest Druck auszuüben. Jedenfalls war das bis zum Ende des Kalten Krieges der Fall.
Die Ironie der Geschichte ist wohl, dass der Zusammenbruch des Sowjetimperiums gerade nicht den endgültigen Sieg des amerikanischen Imperiums bedeutete. Gesiegt haben nicht die Amerikaner, gesiegt hat das System. Und dieses kapitalistische System setzt eben nicht nur ökonomische Kräfte frei, sondern auch emanzipatorische, wie wir zuletzt am Arabischen Frühling oder an den Revolten in der Ukraine beobachten konnten. Zur emanzipatorischen Bewegung der postsowjetischen Ära gehört auch die Umwandlung der Europäischen Gemeinschaft von einer rein wirtschaftlichen in eine politische und Währungsunion in den 1990er und beginnenden 2000er Jahren, die in erster Linie von Frankreich, dem traditionellen politischen Gegenspieler der USA[2] vorangetrieben wurde. Eine zweite Ironie der Geschichte besteht wohl darin, dass die Anschläge von 9/11 mitten im  laufenden europäische Emanzipationsprozess verübt und zu allem Ärger noch maßgeblich in Europa vorbereitet wurden.
Versucht man, sich in die Gedankenwelt amerikanischer Strategen hinein zu versetzen, die einerseits den ersten massiven Angriff von Nichtamerikanern auf amerikanisches Territorium konstatieren und andererseits die fortschreitende Erosion des nach dem Krieg mühsam aufgebauten und teuer unterhaltenen imperialen Systems beobachten mussten, dann erscheint das Vorgehen der NSA nur allzu schlüssig, zumal die neuen Möglichkeiten des Internets spätestens seit den späten 1990er Jahren geradezu dazu einluden, die im physikalischen Raum  erprobten Vorgehensweisen auch im virtuellen Raum anzuwenden. Die NSA ist kein gewöhnlicher Geheimdienst, sie ist Teil des Militärapparats der USA, sie ist ein globales Waffensystem, wie Christian Stöcker auf Spiegel-Online richtig feststellte. Aber sie ist noch mehr, und das zeigt die Rede des Königs, sie ist ein politisches Instrument zur Aufrechterhaltung der globalen Kontrolle über alles und jeden angesichts des konstatierten Verfalls der vormaligen, auf physischer Präsenz, politischer Dominanz und wirtschaftlicher Stärke basierenden Vorherrschaft.
Was die NSA im Netz eingerichtet hat, ähnelt in verblüffender Art dem oben dargestellten dreipfeiligren System aus Stützpunkten, Bündnissen und Finanzkontrolle. Da sind zum einen die Rechner und Router, die schon vor Inbetriebnahme infiltriert werden, und die vielen anderen mittels Viren, Trojanern und Bots eingerichteten Anzapfstellen, zum anderen gibt es da das Five-Eyes-Abkommen der größten englischsprachigen Nationen, und zum dritten erlaubt das Sammeln aller Daten auch die Kontrolle über die globalen Finanzströme, die für das Überleben des amerikanischen Staates, des größten Schuldners aller Zeiten, natürlich von enormer Bedeutung ist.
Und ganz nebenbei kann man damit noch den Anti-Terror-Kampf führen, obwohl, wie mir scheint, genau der eine eher untergeordnete Rolle spielen dürfte. Die Leute in der NSA dürften intelligent genug sein, zu wissen, dass dieser War on Terror, genauso wie der reale, ein asymmetrischer ist, dass also die schiere Massivität der Netzüberwachung angesichts der üblichen Guerillataktiken keinen Erfolg garantiert. Bei allen berechtigten Vorbehalten gegenüber Carl Schmitt als „Kronjurist der Nazis“, hat er doch ein wirklich empfehlenswertes Buch geschrieben, „Theorie des Partisanen“.[3] Die folgende, daraus  entnommene Textpassage illustriert gleichsam in einer Vorausschau, was die NSA und der amerikanische Staat in Gänze aktuell exekutieren: „Die Feindschaft wird so furchtbar werden, dass man vielleicht nicht einmal mehr von Feind oder Feindschaft sprechen darf und beides sogar in aller Form vorher geächtet und verdammt wird, bevor das Vernichtungswerk beginnen kann. Die Vernichtung wird dann ganz abstrakt und ganz absolut. Sie richtet sich überhaupt nicht mehr gegen einen Feind, sondern dient nur noch einer angeblich objektiven Durchsetzung höchster Werte, für die bekanntlich kein Preis zu hoch ist. Erst die Ableugnung der wirklichen Feindschaft macht die Bahn frei für das Vernichtungswerk einer absoluten Feindschaft.“
Für uns Otto-Normaluser hingegen ändert sich absehbar nichts. Uns bleiben nur die alten paulinischen Werte Glaube und Hoffnung, von Liebe kann hier wohl eh keine Rede sein. Glaube und Hoffnung beruhen auf Vertrauen, und Vertrauen ist nach der Definition von Jan Philipp Reemtsma die Erwartung darin, dass der andere etwas nicht tut. So bleiben uns nur der Glaube daran, dass die USA eine gute Nation sind, und die Hoffnung darauf, dass die NSA ihre Möglichkeiten nicht dazu ausnutzt, etwas für uns Unerwartetes zu tun. Ganz im Sinne von Churchills gern zitiertem Bonmot „Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun - nachdem sie alles andere ausprobiert haben.“




[2] Zur Illustration dieser These schaue man sich auf einer Weltkarte einmal die „natürlichen Flugzeugträger“, wie Guadeloupe oder Martinique in der Karibik an. Auch Kourou in Französisch Guyana, von wo die Ariane-Raketen abgeschossen werden, ist nicht so weit weg von Miami.

[3] Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Duncker  & Humblodt. 1963

Montag, 18. November 2013

Grober Unfug um CSC

Samstagabend. Prime time.  Die Tagesschau meldet: „Der US-Spionagedienstleister CSC arbeitet seit Jahren in sensiblen Bereichen für die Bundesregierung. Das haben Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung ergeben. Aufträge im Wert von fast 300 Millionen Euro haben Bundesministerien seit 1990 an Tochterfirmen der Computer Sciences Corporation vergeben.“ Oha, denke ich, jetzt haben die Medien also CSC am Haken. Kurzes Telefonat mit einem Kollegen, was das wohl für Konsequenzen haben könnte. Heute dann: Die Nachricht wird medial weiter verbreitet und, wie es typisch ist für die Medienlandschaft unserer „Erregungsgesellschaft“ (Sloterdijk) weiter aufgebläht. Doch es lohnt sich, einfach mal nüchtern auf die Sachverhalte zu schauen.
CSC – Computer Science Corporation – firmiert in Deutschland erst seit 2006 unter diesem Namen, davor hieß das Unternehmen CSC Ploenzke AG, und davor gab es die Ploenzke AG und davor das 1969 von Klaus Christian Plönzke gegründete EDV Studio Ploenzke. Plönzke, der alte Plönzke, wie man später zu sagen pflegte, war eine Größe in der deutschen und europäischen IT-Berater- und Dienstleisterbranche. Sein Unternehmen verkaufte er zwischen 1995 und 1999 sukzessive an CSC. Die nun von NDR und Süddeutscher Zeitung sensationell recherchierte häufige und umfangreiche Auftragsvergabe des bundesdeutschen Staates an CSC bzw. CSC Ploenzke bzw. Ploenzke (denn es geht ja um den Zeitraum seit 1990) rührt eben her aus dieser Geschichte. Wer aber wie NDR und Süddeutsche jetzt so tut, als habe er da etwas furchtbar Vertrauliches recherchiert, und diese Fakten dabei nicht erwähnt, hat entweder schlampig recherchiert oder von der Materie, sprich IT-Branche in Deutschland, überhaupt keine Ahnung, oder aber er handelt mit Vorsatz, um ein erfahrenes und durchaus geachtetes Unternehmen in den medialen Dreck zu ziehen. Dass der Bund Rahmenverträge mit CSC hat, liegt dank europäischem Vergaberecht völlig offen, dazu braucht es keine Recherchen. Dass CSC, die amerikanische CSC, aus dem militärisch-industriellen Komplex stammt und seit Unternehmensgründung 1959 eng mit ihm und mit den US-Behörden verflochten ist, ist erst recht kein Geheimnis.
Und was soll eine solche Kampagne überhaupt? Wollen NDR oder SZ jetzt sämtliche, in Deutschland und Europa agierenden US-Unternehmen auf ihre Nähe zu NSA, CIA usf. durchleuchten? Dann können wir ja als Hilfestellung gleich mal eine kurze Liste aufmachen, welche Rechercheziele denn so in Frage kämen:
IBM: Liefert vielleicht Computer, denn auf irgendwelchen Rechnern muss die XKeyscore- und sonstige NSA-Software ja laufen; außerdem hat IBM eine Beratungs- und Dienstleistungstochter namens PricewaterhouseCoopers (PWC) und wer weiß...
HP: Liefert vielleicht ebenso wie IBM Computer und hat eine Beratungs- und Dienstleistungstochter, die  bis 2008 ein selbständiges Unternehmen namens Electronic Data Systems (EDS) war. EDS wiederum hat eine ähnliche Geschichte wie CSC, ist allerdings mehr im Automobilbauumfeld aktiv (Achtung! Technologiespionage!), war aber auch schon beim Bund unter Vertrag.
Dell: Liefert vielleicht ebenso Computer und zwar, wie wir spätestens seit der US-Serie 24 wissen, für den Anti-Terror-Kampf und wer weiß...
Cisco: Ist weltmarktführender Netzwerkausrüster u. a. auch für die Internet- und  Telekommunikationsdienstleister, irgendwo muss die NSA die Daten schließlich abgezapft haben. Wie Dell ist auch Cisco in den Anti-Terror-Kampf involviert – Cisco-Technologie schützt bspw. aktiv das Netzwerk der CTU in 24. Eine Alternative zu Cisco wäre übrigens Huawei, ein Chinesisches Unternehmen, das durch den Diebstahl von Cisco-Technologie groß geworden ist.
Microsoft: Über die braucht man nicht viel zu sagen. Allerdings wäre daran zu erinnern, dass praktisch alle PCs des deutschen Staates mit Betriebssystemen, Office-Software und Mail-Clients aus dem Hause Balmer/Gates laufen, und wer weiß...
Oracle: Ähnlicher Marktführer wie Microsoft, nur mit Datenbanken, die z. B. bei der Polizei und ganz bestimmt auch bei den deutschen Geheimdiensten im Einsatz sind.
Soweit die offensichtliche Liste, die man mit Leichtigkeit in diesem Stil fortsetzen könnte. Vielleicht aber sollten die Rechercheure von NDR und SZ auch in eine ganz andere Richtung graben? Hier ein Vorschlag von mir:
General Electric: GE hat eine deutsche Tochter namens GE Wind Energy, die (auffallende Parallele zu CSC!) u. a. aus der  einheimischen Firma Tacke Windtechnik hervorgegangen ist. GE Wind Energy baut Windkraftanlagen, und was wäre wohl geeigneter, Horchequipment aufzunehmen, als ein 140 m hohes Windrad auf dem Vogelsberg in Hessen? Und GE baut Triebwerke für Flugzeuge, mit denen man Luftspionage betreiben oder auch Terrorverdächtige durch deutschen Luftraum transportieren könnte.
Aber lassen wir den Quatsch. Was NDR und Süddeutsche da betreiben, ist m. E. grober Unfug. So lange sich dabei nicht heraus stellt, dass CSC in Deutschland wissentlich Spionage für die NSA betrieben hat, gibt es keinen Grund für eine mediale Skandalisierung dieses Ausmaßes. 
Vielmehr, und das wäre in der Tat ein Ernst gemeinter Hinweis, sollte man sich ein mal damit beschäftigen, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn einer der engsten Vertrauten der NSA, der Telefonriese AT&T, wie geplant die britische Vodafone und damit auch den zweitgrößten Mobilfunk- und Kabelnetzprovider Deutschlands übernehmen würde.

Samstag, 9. November 2013

Wann ist tot?

Viele, die leben, verdienen den Tod.
Und manche, die sterben, verdienen das Leben.
Kannst du es ihnen geben?
                                          Gandalf der Graue, Zauberer

Vor einiger Zeit flatterte mir ein Brief meiner Krankenkasse ins Haus. Darin ein  Organ­spendeausweis und die Bitte der Kasse, diesen auszufüllen und künftig stets bei mir zu tra­gen.
Das Thema Organspende ist im öffentlichen Diskurs seit längerem präsent, wobei an zentraler Stelle die Frage nach dem möglichen Missbrauchspotenzial steht, das sich aus strukturellen Gründen im System der Transplantationsmedizin eröffnet. Debattiert wird nicht die Praxis der Organspende selbst, sondern ihre institutionellen Modalitäten, gewissermaßen die Ethik der Transplantationsbürokratie. Was hingegen in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht und wenn überhaupt, dann eher marginal zur Sprache kommt, ist die Frage, ob die Entnahme eines Organs vom toten Körper eines Menschen bzw. vom Körper eines toten Menschen zum Zwecke der Transplantation in den Körper eines anderen, lebenden Men­schen gerechtfertigt ist. Zu offensichtlich scheint auf den ersten Blick der hinter der Bereit­schaft zur Organspende stehende Altruismus, als dass unter modernen, zivilisierten Men­schen darüber ernsthaft diskutiert werden könnte. So suggeriert es auch die laufende Pla­katkampagne der Stiftung Organspende. Wer wollte bestreiten, dass es gut ist, mit der Spende der eigenen Organe anderen Menschen das Leben zu retten, zumal die Organent­nahme erst nach dem eigenen Tod geschieht. Man gibt damit ja nichts von sich, was man zum Leben noch bräuchte, da dieses dann nicht mehr ist und auch nicht mehr sein wird. Und schließlich könnte man selbst unversehens in die Situation geraten, zum eigenen Überleben auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein. Die Organspende erscheint somit als solidarischer Akt und die Bereitschaft dazu als solidarische Geste. Der kategorische Impe­rativ Kants wie auch das Fairness-Gebot des Liberalismus lassen sich in geradezu beispiel­hafter Weise anwenden, so dass aus moralischer Sicht nichts dagegen, sondern eher alles dafür spricht, der Bitte meiner Kasse  umgehend nachzukommen, ganz gleich welche insti­tutionellen Ungereimtheiten sich bei der Vergabe von Spenderorganen im Hintergrund auch abspielen mögen.
Trotzdem liegt der besagte Organspendeausweis noch unausgefüllt in meinem Wohnzim­mer. Einerseits trage ich seit vielen Jahren schon einen ausgefüllten bei mir, weil es mir eben aus den genannten Gründen gerechtfertigt schien. Zum anderen aber tauchten, als ich mich mit der konkreten Materie näher zu beschäftigen begann, gewisse Zweifel an ei­nem medizinischen und juristischen Aspekt der Organspendepraxis auf, dem  Hirntod nämlich.
Für mich war es doch einigermaßen überraschend zu erfahren, dass der Hirntod als medi­zinische Todesindikation erst seit 1967 existiert. Bis dahin galten über Jahrhunderte und Jahrtausende allein organische und äußerliche Anzeichen als untrügliche Kriterien dafür, dass der Tod einer Person eingetreten ist: Atem- und Herzstillstand, Leichenstarre, Toten­flecken, einsetzende Verwesung usw. usf. Das Konzept, dass der Tod bereits mit dem irre­versiblen Koma, also mit dem  Ausfall bestimmter Hirnfunktionen eingetreten sei, wurde 1967 von einer Gutachterkommission der Harvard Medical School vorgestellt. Die Darm­städter Philosophin Petra Gehring schreibt dazu: „Der Bericht der Expertengruppe legt eine Anzahl medizinischer Testkriterien fest, die auf den Nachweis des Erlöschens wichti­ger Hirnfunktionen abzielen, so dass bei zügiger Durchführung der Tests der vollständige Tod eines bewusstlosen Menschen am Krankenbett oder auch auf dem Operationstisch na­hezu sofort – und zwar juristisch verbindlich – festgestellt werden kann.“[1] Das seinerzeit neuartige Konzept des Hirntods fand schnell internationale Anerkennung und liegt grund­sätzlich auch der Todesdefinition im deutschen Transplantationsgesetz zu Grunde. In §3 TPG heißt es:
(2) Die Entnahme von Organen oder Geweben ist unzulässig, wenn
1. die Person, deren Tod festgestellt ist, der Organ- oder Gewebeentnahme widerspro­chen hatte,
2.  nicht vor der Entnahme bei dem Organ- oder Gewebespender der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirn­stamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.
So bestimmt es auch die Deutsche Stiftung Organspende (DSO):
Der Hirntod ist definiert als irreversibel erloschene Gesamtfunktion des Gehirns (Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm).
Und weiter legt sie bzw. die Bundesärztekammer die Kriterien für die Hirntodfeststellung und eben jene vom Gesetz geforderten Verfahrensregeln für deren Vollzug fest.
Was mir zu denken gibt und in gewisser Weise auch zu schaffen macht, ist mehrerlei. Da macht zunächst einmal der Sachverhalt stutzig, dass das Konzept des Hirntods in seiner praktizierten Fassung just in der Zeit entwickelt wurde, als die Apparatemedizin auf der einen und die medizinischen Transplantationstechniken auf der anderen Seite einen sol­chen Entwicklungsstand erreicht hatten, dass es möglich wurde, lebende Organe von ko­matösen Patienten zum Zwecke der Transplantation zu entnehmen. Diesen Zusammen­hang belegt die Harvard-Kommission selbst: Patienten mit einer irreversiblen Hirnschädigung könnten dank moderner Apparaturen zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen zwar sehr lange am Leben gehalten werden, dies sei jedoch weder den Angehörigen noch den Kliniken bzw. dem Gesundheitssystem insgesamt zuzumuten. Und weiter erleichtere das neue Todeskriterium die Beschaffung von transplantationsgeeigneten Organen. Da liegt der Verdacht nicht fern, dass es bei der Inauguration des Hirntods schlicht um ökono­mische Interessen gegangen sein könnte und diese möglicherweise auch weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. Nicht, dass ökonomische Argumentationen verwerflich wä­ren, erst recht  nicht, wenn es um praktische Aspekte des Gesundheitswesens geht. Wir le­ben in einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft mit einem Gesundheitssystem, in dem, auch wenn man es als konkret Betroffener im Einzelfall anders sehen mag, nicht alles, was machbar wäre, auch wirklich wünschens- oder erstrebenswert ist. Ich glaube je­denfalls nicht, dass wir Säle oder Hallen mit irreversibel komatösen Patienten befüllen sollten, deren Kreislauf nur noch mittels aufwändiger Apparaturen am Zirkulieren gehal­ten wird, und die auf diese Weise z. T. über Jahre hinweg in einem Zustand zwischen Leben und Tod  dahin vegetieren, bis schließlich auch die Maschinen die Vitalfunktionen nicht mehr aufrecht erhalten können. Auch das hätte mit einem Tod in Würde, wie ihn sich wohl jeder wünscht,  nichts gemein.
Dann ist da das Kriterium selbst. Der Mensch, die Person, deren Hirntod festgestellt wird,  wird medizinisch gleichsam auf ein einziges, wenn auch höchst wichtiges und hoch komplexes Organ reduziert. An anderer Stelle hatte ich zwar vor einiger Zeit deklariert: „Mein Gehirn ist mein Ich.“, je­doch meinte dieser Satz in jenem Zusammenhang keineswegs, dass sich mein Personsein auf mein Gehirnhaben reduzieren ließe. Es ist doch schon so, dass wir einen Menschen zu­nächst einmal anhand seiner Körperlichkeit als Menschen wahrnehmen. Wir haben ein Sensorium dafür, einen vor uns liegenden, stehenden oder sich bewegenden Menschen eben genau als Menschen, als Artgenossen, als unsereins zu identifizieren, und dieses Sensorium funktioniert, auch ohne dass wir mit dem Betreffenden auch nur ein Wort oder einen Blick gewechselt hätten. Dass der andere Träger eines komplexen, hochentwickelten und zu Bewusstsein fähigen Nervensystems ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Auf einem sehr basalen Wahrnehmungsniveau erkennen Menschen einander als Menschen. 
Im Kern läuft das Hirntodkriterium darauf hinaus, dass, trotzdem unsere basale Wahrneh­mung in einem irreversibel komatösen Patienten noch einen Menschen zu sehen vermag, nach medizinischen Maßstäben vor uns lediglich ein funktional menschenähnlicher, orga­nischer Körper liegt, dessen eigentliches Menschsein mit dem Erlöschen seiner Hirnfunktionen beendet ist und der demzufolge, obzwar biologisch noch lebendig, nicht mehr der Gattung Mensch und gewissermaßen überhaupt keinem bekannten Typ von Lebewesen  angehört. Was aber ist dieser Körper dann? Ein Zombie etwa? Dieses Wesen da ist ja we­der  im eigentlichen Sinne lebendig, noch im eigentlichen Sinne tot, und doch sträubt sich die Intuition dagegen, in ihm etwas anderes zu sehen als einen Menschen. Ethiker, wie etwa der Bielefelder Philosoph Ralf Stoecker, plädieren inzwischen dafür, diesen „Aggre­gatzustand“  mit dem neuen Status eines Sterbenden zu bezeichnen, dem zwar die Men­schenwürde nach Art. 1 GG zusteht, dem aber sehr wohl Organe entnommen werden kön­nen und der anschließend in den eigentlichen Tod versetzt werden darf. Mir erscheint die­ser Vorschlag als begriffliche Sophisterei, der es in erster Linie um die Rechtfertigung der gängigen medizinischen Praxis geht.
Koma nennt man die schwerste Form einer quantitativen Bewusstseinsstörung. Irreversi­bles Koma  bedeutet, dass das Bewusstsein mit den bekannten medizinischen Mitteln nicht wieder hergestellt werden kann. Liegt der Irreversibilität der komplette Funktionsausfall von Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn zu Grunde, wird der Hirntod erklärt, weil ohne diese Hirnfunktionen kein autonomes menschliches Leben möglich ist,  und laut Transplantationsgesetz können Organe entnommen werden. Die Entscheidung über den Zeit­punkt der Hirntodfeststellung obliegt allein hochspezialisierten Ärzten bzw. Ärzteteams, denen damit qua Gesetz die Definitionshoheit auch über die Auslegung der Kriterien zuge­wiesen wird. Sie entscheiden gleichsam kontraintuitiv und gänzlich gegen unsere oben ge­schilderte basale Wahrnehmung, die ja auch sie selbst haben müssen. Sie allein entschei­den, wann tot ist. Dieser Art zu Sterben eignet m. E. etwas unangenehm Technisches, zu­mal dem ganzen Prozess eine willkürliche, wenn auch naturwissenschaftlich begründete Setzung zu Grunde liegt. In dem Fernsehfilm "Erlkönig" (2007) sagt die Großmutter des Jungen, der lange im künstlichen Koma lag,  nach dessen Ableben: "Er ist nicht einmal gestorben. Sie haben nur die Geräte abgeschaltet."
Doch was wissen die Naturwissenschaften wirklich über das Bewusstsein? Auch wenn die Hirnforschung in den letzten Jahrzehnten große und z. T. spektakuläre Fortschritte ge­macht hat, das Rätsel des Bewusstseins – Wie kommt Bewusstsein zu Stande und was ist das überhaupt? - ist weit von einer Lösung entfernt. Auch die Zusammenhänge zwischen Körper und Bewusstsein – Wie wirkt eines auf das andere? – sind noch völlig unklar. Es existieren verschiedene z. T. plausible Theorien, keine aber ist bislang mit naturwissen­schaftlichen Methoden verifiziert worden. Wie auch, wo noch nicht einmal die Funktions­weise des Gehirns hinreichend verstanden worden ist. Ist das Bewusstsein wirklich aus­schließlich im Gehirn zu verorten? Kann man ihm überhaupt einen Ort zuweisen?[2]
Vor dem Hintergrund dieser noch weitgehend ungelösten Probleme scheint die Frage ge­rechtfertigt, woher denn die den Hirntod erklärenden Ärzten die Gewissheit nehmen, medizinisch korrekt zu handeln, und ob sie nicht statt dessen ungefragt und ungebeten aktive Sterbehilfe leisten.
Mir scheint, dahinter verbirgt sich eine reduktionistische Sichtweise, die seit der Re­naissance unserer abendländischen Naturwissenschaft als methodologische Grundlage dient.  Reduktionistische Naturwissenschaft versucht die Welt in ihre Bestandteile, bis in die kleinsten quantenmechanischen Phänomene zu zerlegen und hernach zu verstehen, wie sich das Ganze der Welt aus diesen Bestandteilen wieder  rekonstruieren lässt. Aus ei­ner solchen Perspektive erscheint auch der Mensch als zusammengesetzt aus seinen Teilen – Knochen, Muskeln, Blutgefäßen, Organen usf., was in der medizinischen Praxis auch her­vorragend funktioniert, so lange es eben nicht um mentale Phänomene wie das Bewusst­sein geht. Systemtheoretische Ansätze gehen darüber hinaus und können z. T. erklären, wie und warum das Ganze mehr ist als nur die Summe seiner Teile, allerdings ist mir eine Sys­temtheorie des Bewusstseins nicht bekannt.
Man kann die Problematik auch aus einer etwas anderen Perspektive  betrachten, wenn man sich fragt, ob nicht bei der Hirntodfeststellung die Tatsache, die vorausgesetzt wird (Tod), erst geschaffen wird. Der Philosoph John R. Searle hat die Unterscheidung zwi­schen rohen und institutionellen Tatsachen eingeführt, um damit „die Beziehungen zwi­schen denjenigen Eigenschaften der Welt, die Sache der rohen Physik und Biologie sind, einerseits, und denjenigen Eigenschaften der Welt, die Sache der Kultur und Gesell­schaft sind,“[3] zu untersuchen. „Rohe Tatsachen“, schreibt er, “existieren unabhängig von allen menschli­chen Institutionen; institutionelle Tatsachen können nur innerhalb von menschli­chen In­stitutionen existieren.“ In dieser Terminologie ist die Konstatierung des Todes ei­ner Per­son anhand der traditionellen Merkmale die Feststellung einer rohen Tatsache. Die Per­son, deren Tod festzustellen ist, weist die biologischen, chemischen und physikalischen Merkmale einer Leiche auf. Die Ausstellung des Totenscheins hingegen ist die Schaffung einer institutionellen Tatsache. Die Feststellung der rohen Tatsache des physischen Todes bewirkt also traditionell erst die Konstituierung der institutionellen Tatsache der juristi­schen Fürtoterklärung mit allen bekannten gesellschaftlichen  und rechtlichen Folgen wie Bestattung, Erbschaft usf. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass sich menschliche Gefühle wie Trauer oder Zorn im Angesicht des Todes einer nahen Person bei Feststellung der rohen und nicht der institutionellen Tatsache einstellen. Man kennt die Szene aus Kriminalfilmen: Die Hauptkommissare teilen der Familie des Mordopfers des­sen Tod mit. Und obwohl damit ja zunächst erst einmal eine institutionelle Tatsache mit­geteilt wird, gehen die Betroffenen doch davon aus, dass die rohe Tatsache des Todes ihres Angehörigen feststeht. Im Fall des Todes hat die rohe Tatsache der institutio­nellen  Tatsache voraus zu gehen. Sogar im Fall einer Hinrichtung ist das so, wenn auch der Hinrichtung selbst die institutionelle Tatsache der Verurteilung voraus geht.
Bei der Organentnahme zu Transplantationszwecken geschieht nun aber etwas anderes: Man stellt den kompletten Funktionsausfall von Teilen eines menschlichen Körpers fest (rohe Tatsache) und erklärt daraufhin den Hirntod (institutionelle Tatsache). Anschlie­ßend werden der institutionell für hirntot erklärten Person Organe entnommen, während dessen die Atem- und Kreislauffunktionen dieser Person künstlich aufrecht erhalten werden. Nach der Organentnahme werden die Apparate abgeschaltet, es wird der endgültige Tod der Person festgestellt (rohe Tatsache) und... Jetzt weiß ich leider nicht, wie es weiter geht. Wird etwa der letztgültige Todeszeitpunkt protokolliert und damit nochmals der Tod als institutionelle Tatsache erklärt? Was in jedem Fall passiert und die Angelegenheit aus meiner Sicht durchaus strittig macht, ist, dass eine einen Teil der Person betreffende rohe Tatsache (Hirnausfall) zur Konstituierung einer die ganze Person betreffenden institutionellen Tat­sache (Hirntod) führt, die wiederum qua Transplantationsgesetz die Herbeiführung der gleichsam letztgültigen und auch außerhalb des Medizinbetriebs verständlichen rohen Tat­sache des schlichten Todes der Person bewirkt. 
Ein letzter Punkt, den ich noch kurz ansprechen möchte, weil er eng mit unserer westli­chen Kulturgeschichte verbunden ist, ist der religiöse Aspekt. Damit komme ich auf die oben angesprochene Problematik der reduktionistischen Verortung des Bewusstseins zu­rück. Ich bin zwar Christ, glaube aber nicht an die Unterscheidung von Leib und Seele als zweier selbstständiger Akzidenzien, aus denen der Mensch gleichsam zusam­men gesetzt ist. Im Glauben der alttestamentarischen Hebräer kommt eine solche Vorstel­lung nicht vor. Das hebräische Wort, das gewöhnlich mit „Seele" übersetzt wird, ist nephesh; es steht sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament für Leben und Seele. Und auch in der biblischen Schöpfungsmythologie der Genesis symbolisiert das Einhauchen des göttlichen Geistes in den Leib Adams eher das Erwecken zum Leben als die Implantie­rung einer substanziellen Seele. Die Lehre von der scharfen Trennung von Leib und Seele ist wohl eher als griechisch-pla­tonisch-aristotelisches Erbe (u.a. Platons Ideenlehre) des frühen Christentums anzusehen und hat sich dann vor allem im europäischen Mittelalter in der kirchlichen Dogmatik ausgebreitet (Thomismus). Auch die Berufung auf den Heiligen Geist taugt m. E. wenig, denn  im Verständnis der Schrift ist der menschliche Geist gewiss nicht Teil des Heiligen Geists oder hat direkten Anteil an diesem, allenfalls kommt der Heilige Geist über den Menschen, kommt gleichsam zum menschlichen Geist hinzu, wie etwa bei Jesu Taufe im Jordan: Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.“ (Mt. 3,17)  
Nach christlichem Verständnis bilden Körper und Seele zeitlebens eine untrennbare Einheit - das eine gibt es nicht ohne das andere. Dabei wird die Seele auch nicht irgendwo im Körper verortet, weder im Herzen (dort allenfalls metaphorisch) noch im Hirn. Der Schweizer Religionsphilosoph Philipp Stoellger schreibt dazu: Der Sinn von ›Seele‹ erschließt sich in phänomenologischer Perspektive aus der Sinnlichkeit des Leibes: offen zu sein, zu spüren, zu fühlen und zu begehren. Als ›Bewegungsprinzip‹ des Menschen ist sie nicht ein separierbares ›Vernunftvermögen‹, sondern basal die Lebendigkeit des Leibes, in der sich die Seele zeigt.“[4] und weiter. „Die ganze Frage nach einer ›Verortung‹ der Seele führt aber bereits in die Irre und ist abwegig, weil die Seele nicht ›etwas im Menschen‹ ist oder ein Teil dessen (wie die ›Zirbeldrüse‹), sondern sie ist der ganze Mensch in bestimmter Hinsicht.“[5]
Dies in Betracht ziehend, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass aus christlicher Sicht der Eintritt des Hirntods im geschilderten Kontext der Organspendepraxis   unter  Erhaltung der Vitalfunktionen keineswegs den Tod der betreffenden Person markieren kann, denn auch die Verortung der Seele im Hirn entspricht weder dem biblisch überlieferten noch dem zitierten modernen christlichen Seelenverständnis. Ein lebendiger Körper, durch welche Kräfte auch immer am Leben gehalten, kann nicht seelenlos sein; noch weniger ist eine körperlose Seele vorstellbar, denn worauf sollte sich deren Lebendigkeit wohl beziehen? Zugespitzt ließe sich sagen, dass Ärzte, die den Hirntod einer Person feststellen,  um ihr anschließend Organe zu entnehmen, diese Person entweder für eine seelenlose organische Masse halten oder aber bewusst eine Vivisektion vornehmen. Um noch einmal Philipp Stoellger zu zitieren: „Keiner würde dem Menschen an der Herz-Lungen-Maschine die Seele absprechen. Aber wenn ein verstorbener Organspender von Maschinen versorgt wird, wird das unheimlich. Nicht der unsichtbare Hirntod entscheidet im Umgang über die Seele, sondern der Mangel an eigener Lebendigkeit, der fehlende eigene Atem, der fehlende Herzschlag oder der gebrochene Blick. Die Seele im ›Hirn‹ zu verorten ist kontraintuitiv, da dem kein Rhythmus des Lebendigseins anzusehen oder zu fühlen ist.“[6]
Insofern ist es verwunderlich, dass beide großen christlichen Konfessionen die gängige Organspendepraxis ausdrücklich und vorbehaltlos befürworten. Sie lassen sich auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) www.organspende-info.de mit ihrer gemeinsamen Erklärung von 1990 zitieren: "Aus christlicher Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten.", führen also auch den eingangs erwähnten Altruismus als rechtfertigenden Beweggrund an. Im Katholischen Katechismus heißt es gar: „Die Feststellung des Hirntodes ist ein sicheres Anzeichen dafür, daß der Zerfall des ganzmenschlichen Lebens nicht mehr umkehrbar ist. Es ist von diesem Zeitpunkt an vertretbar, Organe für eine Organverpflanzung zu entnehmen.“ Immerhin aber ist inzwischen auch auf Seiten der Kirchen eine Debatte angestoßen worden.
Ein Ausweg aus dem Dilemma, das ich versucht habe aufzuzeigen, könnte sein, die vom Transplantationsgesetz legalisierte Praxis als aktive Sterbehilfe anzusehen. Diese ist bislang in Deutschland wie in den allermeisten anderen Ländern verboten, und ich bin weit davon entfernt, ihre generelle Zulassung zu befürworten. Das widerspräche meinen Überzeugungen grundlegend. Gleichwohl könnte diese Option, eingeschränkt auf den konkreten Fall des Hirntods, einen Beitrag zur rechtlichen und kulturellen Einord­nung wie zur ethischen Bewertung des Sachverhalts leisten, ihm gleichsam seine Ambivalenz und sein Irritationspotenzial nehmen. Diese Lösung würde freilich implizieren, dass man sein individuelles Einverständnis zur Organspende im Organspendeausweis mit der Bitte um aktive Sterbehilfe im Falle des irreversiblen Komas verknüpfen müsste. Mag sein, dass dadurch das Spenderaufkommen nicht gerade befördert würde, denn die dann geforderte Auseinandersetzung mit der Frage nach aktiver Sterbehilfe wäre für den Einzelnen sicher erheblich konfliktbehafteter als das dürre Einverständnis zur Organspen­de, das man ja ohne großes Nachdenken immer schon aus altruistischen Beweggründen zu geben bereit sein kann.
Ich jedenfalls werde den neuen, leeren Organspendeausweis vorerst nicht ausfüllen, den alten aber auch (noch) nicht entsorgen.



[1] Petra Gehring. Theorien des Todes zur Einführung. Junius, 2010
[2] Wie weit her es mit den letztgültigen Erkenntnissen der Lebenswissenschaften ist, zeigt u.a. die Genetik. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass die im Genom kodierte Erbinformation unsere sämtlichen körperlichen Merkmale und Ausprägungen eindeutig und für das ganze Leben festlegt. Bis zur Entdeckung der so genannten epigenetischen Veränderungen bei der Zellteilung, die bewirken, dass Zellen mit dem gleichen Genom sich bei der Teilung zu funktional unterschiedlichen Zelltypen (Knochen, Haut, Nerven usf.) entwickeln und die auch mit darüber entscheiden, ob bspw. eine vererbte Krankheitsdisposition zum Ausbruch der Krankheit führt.
[3] John R. Searle. Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Suhrkamp, 2005
[4] Philipp Stoellger. Die Seele als Leib und der Leib als Seele. Überlegungen zu einer Grundfigur theologischer Rede. In: Hermeneutische Blätter 1/2  2005, S. 20ff
[5] ebenda
[6] ebenda

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag, in dem sich freie Menschen verpflichten, ...