Mittwoch, 14. März 2012

Angst, Freiheit, Tod


Die Ahnung, dass der Tod unvermeidlich und das Leben sinnlos ist, macht ihm [dem Menschen] Angst; zugleich klammert er sich an den tröstenden Glau­ben, dass sein Leben ewig oder zumindest bedeutsam sei. Dies führt zu ei­nem inneren Konflikt, den man manchmal auch als „existenzielle Angst“ oder anschaulicher als „das Trauma des Nicht-Seins“ bezeichnet.
Existenzielle Angst ist so verstörend, dass die meisten Menschen sie unter allen Umständen vermeiden wollen. Sie konstruieren sich eine nicht authen­tische, aber tröstende Realität aus Moralkodizes, bürgerlichen Wertvorstel­lungen, Gewohnheiten, Bräuchen, Kultur und wohl auch Religion...
Nach dem Philosophen Jean-Paul Sartre (1905-1980) handelt eine Person in „schlechtem Glauben“, wenn sie sich weigert, sich dem „Nicht-Sein“ zu stel­len. Und dasselbe gilt für ein Leben, das nicht authentisch und nicht erfül­lend ist. Wenn man sich dem Nicht-Sein stellt, kann dies ein Gefühl von Ruhe, Freiheit, ja sogar Vornehmheit vermitteln, und – ja – es kann auch Un­sicherheit, Einsamkeit, Verantwortung und folglich Angst mit sich bringen. Diese Angst ist jedoch keineswegs pathologisch, sondern vielmehr ein Zei­chen von Gesundheit, Stärke und Mut. Freud merkt dazu an, dass die meis­ten Menschen im Grunde genommen gar keine Freiheit wollen, weil Frei­heit Verantwortung bedeutet und Verantwortung den meisten Menschen Angst macht...
Wenn sich ein Mensch dem Nicht-Sein stellt, wird er dazu befähigt, sein Le­ben in die richtige Perspektive zu rücken, es in seiner Gesamtheit zu begrei­fen und ihm dadurch Richtung und Einheit zu verleihen. Wenn der Ur­sprung der Angst letztendlich die Angst vor der Zukunft ist, endet die Zu­kunft mit dem Tod; und wenn der Ursprung der Angst letztendlich die Unge­wissheit ist, dann ist der Tod die einzige Gewissheit. Sich dem Tod zu stel­len, seine Unvermeidbarkeit zu akzeptieren und ihn ins Leben zu integrie­ren, heilt den Menschen nicht nur von der Neurose, sondern befähigt ihn auch dazu, das Beste aus seinem Leben zu machen...
Manchen Menschen gelingt es, in der Religion Sinn zu finden, vielen ande­ren jedoch nicht. Wenn ein Mensch keinen Sinn in der Religion finden kann, kann er dann überhaupt einen Sinn finden? Erstens muss er die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das Leben an sich keinen Sinn hat. Das ermutigt ihn, sein Leben sub specie aeternitatis (unter dem Gesichtspunkt der Ewig­keit) zu sehen und es auf diese Weise in einen Kontext und in die richtige Perspektive zu rücken. Zweitens muss er höhere Ziele und Impulse verfol­gen, die nicht in ihm selbst liegen, sondern universell sind, etwa in­dem er sich der Menschheit oder der Philosophie widmet. Weil derartige Ziele und Impulse unbegrenzt und zum Wohle anderer sind, bergen sie am ehesten einen Anschein von Sinnhaftigkeit. Drittens müssen die ausgewähl­ten Ziele und Impulse eine in sich stimmige Beziehung zueinander haben und Teil ei­ner einenden Vision sein, die sie als etwas erscheinen lässt, das mehr ist als nur eine bloße Aneinanderreihung isolierter Erfahrungen. Eine solche einende Vision muss an reiflich durchdachten Idealen ausgerichtet sein, da­mit der Versuch, sich an ihnen zu orientieren und nach ihnen zu le­ben, so­wohl als inspirierend als auch als motivierend erlebt wird. Dabei verlagert sich das Hauptaugenmerk von der Zukunft hin zum Hier und Jetzt, und vom Ziel hin zum Prozess, der auf dieses Ziel zuführt. Indem man sich in das Hier und Jetzt vertieft, tritt die Zukunft – der ultimative Ursprung al­ler Angst – schlicht in den Hintergrund.

zitiert aus: Neel Burton. Der Sinn des Wahnsinns. Heidelberg 2011. Kap. 5 Angst, Freiheit und Tod, S. 179ff

Mittwoch, 29. Februar 2012

Wolle am Morgen

Das Bundesverfassungsgericht hat gestern entschieden, dass das Son­dergremium des Bundestags zur parlamentarischen Kontrolle des Eu­ro-Rettungsschirms EFSF größtenteils gegen die Verfassung verstößt. In ei­nem heute morgen ausgestrahlten Interview des Deutschlandfunk mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zog dieser daraus u.a. den Schluss, dass sich angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit ökono­mischer Prozesse, die demokratischen Institutionen dahingehend verän­dern müssten, mit dieser Beschleunigung Schritt zu halten, weil sonst, nach Meinung Thierses, die Demokratie insgesamt gefährdet wäre. Zitat:
„Wir erleben ja etwas durchaus hoch Problematisches, was auch für die Demokratie insgesamt gefährlich ist: nämlich die Dominanz, die Vorherrschaft der Finanzmärkte, der Ökonomie. Und gelegentlich entsteht der Eindruck, dass Politik, demokratische Politik, die ihrer inneren Natur nach immer langsam ist, weil sie eben schwierige Entscheidungsprozesse gestalten muss, möglichst viele sich daran beteiligen sollen, wir erleben, dass die Politik hinterherhinkt, schmerzlindernde Mittel, Trostpflaster verteilen kann. Das ist eine Problematik, die ich für dramatisch halte für unsere Demokratie und die ja auch dazu führt, dass immer mehr Menschen kritisch gegenüber der Demokratie stehen. Ich glaube, man muss das schon beschreiben als eine Demokratiekrise, die zunehmende Diskrepanz zwischen dem Tempo und der Reichweite ökonomischer Prozesse und Entscheidungen einerseits und der Begrenztheit und Langsamkeit, notwendigen Langsamkeit demokratisch-politischer Prozesse und Entscheidungen andererseits, und auf diese Diskrepanz haben wir noch nicht die angemessenen institutionellen Antworten. Die Richtung, in der wir Politik, ihre Institutionen reformieren müssen, damit sie wieder in die Nähe des Tempos und der Reichweite ökonomischer Prozesse und Entscheidungen kommt, die Richtung heißt Europa, Demokratisierung europäischer Entscheidungen, und da müssen die nationalen Parlamente mitwirken und da müssen vielleicht die nationalen Parlamente sogar auch Europa treiben.“[1]
Einmal kurz durchatmen. Während also weltweit Hunderttausende auf die Straßen gehen bzw. dies zum Frühjahr wieder planen, um die Politik zu bewegen, ihren Primat gegen die reale wie gefühlte Macht der global agierenden finzanzökonomischen Player durchzusetzen, plädiert der Sozialdemokrat und Katholik Wolle Thierse dafür, dass sich die Politik dem Tempodiktat dieser Player, wenn nicht unterwirft, so doch wenigstens anpasst. Während sich also in Griechenland Regierung und Parteien unter dem Druck des Finanzkapitals und seiner unter dem Label „Troika“ agierenden Exekutoren notgedrungen von aktiver Politikgestaltung verabschieden müssen, meint der ehemalige Revolutionär und Bürgerrechtler Wolle Thierse, die demokratischen Institutionen der Bundesrepublik sollten dahingehend reformiert werden, dass sie Entscheidungen ebenso schnell und hektisch treffen könnten, wie die Akteure an den internationalen Märkten.
Nun hat seit 2008 nicht nur die Politik oft vollmundig davon gesprochen, dass es darum ginge, die Macht der Finanzmärkte einzuschränken. Dem Casino-Kapitalismus wurde gar der Krieg erklärt. Doch wie wir wissen, ist bis heute nichts dergleichen geschehen. Stattdessen klagt Politik in Person des Bundestagsvizepräsidenten immer noch über „die Dominanz, die Vorherrschaft der Finanzmärkte, der Ökonomie“.  Und das, wo doch selbst Thierses oberster Kirchenvorstand bereits Vorschläge für eine neue Weltfinanzordnung publiziert hat.[2] Thierses Rezept: Verlagerung der Entscheidungsprozesse nach Europa, wo sie angeblich schneller verlaufen könnten, natürlich, natürlich unter Voraussetzung ihrer Demokratisierung. Es wäre ja durchaus interessant zu erfahren, wie er sich das vorstellt. Vielleicht sollte er einfach mal mit seinem ehemaligen Mitrevolutionär und nun freiheitsliebenden Bundepräsidentenkandidaten Joachim Gauck reden, der hat da sicher ganz konkrete Vorstellungen. Dann braucht es auch weder Attac noch Occupy, und Wolfgang Thierse müsste am frühen Morgen nicht solche unausgegorenen öffentlichen Statements abgeben.


[1] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1689544/
[2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vatikan-kritisiert-macht-der-finanzmaerkte-gott-gegen-das-system-1.1172246

Mittwoch, 15. Februar 2012

...Kontrolle ist besser

Ohne Psychologe oder Soziologe zu sein, vermute ich, dass es den meisten Menschen geht wie mir: Wenn mich jemand gehäuft danach fragt, was ich tue, dann fühle ich mich kontrolliert. Nun beinhaltet der Begriff der Kontrolle nicht nur die einfache Beobachtung, sondern kann darüber hinaus mit Steue­rung assoziiert werden. Dem Gefühl, kontrolliert zu werden, haftet also neben dem an sich schon unangenehmen Überwachungsaspekt auch der Aspekt der Fremdbestimmung an. Wenn mich also jemand gehäuft danach fragt, was ich tue, dann fühle ich mich unfrei. Mehr noch, mir scheint, dass dieser Jemand mir misstraut, denn würde er mir vertrauen, bräuchte er nicht dauernd da­nach zu fragen, was ich gerade tue. Er könnte ja auch darauf vertrauen, dass ich tendenziell das Richtige tue.
Es ist nun interessant zu beobachten, wie ein Wirtschaftsunternehmen, das ursprünglich mit dem Impetus angetreten war, anders zu sein als andere, sich selbst als „mitarbeitergetragen“ bezeichnete und auch heute noch auf die int­rinsische Motivation und die Kreativität seiner Mitarbeiter setzt, in wirtschaft­lich (aka bilanztechnisch) angespannten Zeiten sein Heil in der Kontrolle, neu­deutsch auch Controlling genannt, mehr noch, in der Erhöhung der Kleintei­ligkeit der Kontrollinstrumente sucht: Statt monatlicher Berichte wöchentli­che, statt umsatzbezogener Bewertung auslastungsbezogene, statt aufgaben­orientierter Planung zeitliche. Dahinter steckt womöglich die Annahme, dass, wer genau weiß, was seine Leute gerade tun und vorhaben, besser entschei­den kann, was sie im Interesse des Unternehmens tun sollten. Das klingt erst mal nicht grundsätzlich falsch. Nur warum schwingt dann in der subjektiven Wahrnehmung so ein Hauch von „1984“ mit?
Für mich hat diese Art von Kontrolle auch etwas mit Angst zu tun. Es ist die Angst, der Mensch, dem ich jeden Monat ein paar tausend Euro zahle, habe ein anderes Interesse als ich. Dem ginge es gar nicht darum, meine Bilanz zu entspannen, sondern nur um sein eigenes, vornehmlich pekuniäres Interesse. Es ist schon ironisch: Der Unternehmer befürchtet, von seinen Mitarbeitern ausgebeutet zu werden.
Angst erzeugt Misstrauen. Angst verschließt den Geist. Angst tötet den Geist, sagt Frank Herbert. Wer Angst hat, macht Fehler. Und der Volksmund meint, Angst sei ein schlechter Ratgeber.
Eine aktuelle Fragestellung von Soziologie und Philosophie ist die nach dem Vertrauen. Jan-Philipp Reemtsma definiert Vertrauen als die Erwar­tung darin, dass der andere etwas nicht tut.1 Demzufolge wäre Misstrauen als das logische Gegenteil von Vertrauen die Befürchtung, dass der andere al­les Mögliche tun könnte. Allein diese Konstellation macht deutlich, dass sich mit Misstrauen nicht gut leben lässt. Mehr noch, der Philosoph Julian Ni­da-Rümelin, ehedem Bundeskulturminister unter Schröder, erklärt in seinem Buch „Die Optimierungsfalle“2, dass eine nur auf individuellem Eigennutz ba­sierte Gesellschaft schon rein logisch nicht funktionieren kann, geschweige denn praktisch. Der Grund dafür liegt im berühmten Gefangenendilemma. Wenn ich also beständig davon ausginge, dass mein Gegen­über nur auf seinen individuellen Nutzen bedacht ist, quasi ein Vertreter des Homo oeconimicus der Friedmänner, dann sollte mein oberstes Denkgebot wohl sein: Misstrauen. Er könnte mir mit seinem Eigennutz ja Schaden zufü­gen.
Ein Unternehmen, das ursprünglich auf Vertrauen setzte, ist mithin angelangt bei der Philosophie des eigennützigen Homo oeconomicus. Und es hat Angst vor ihm. Irgendwie traurig.

Dienstag, 14. Februar 2012

Danke Willi

Nachdem ich meine Skating-Ski bei ski-willi.at bezogen hatte, war es nur fol­gerichtig, dass der Ski-Trainer, der mir heute in zwei individuellen Übungs­stunden gegen eine ordentliche Obole von 84 € das Skaten beizubringen hatte, auf den schönen Namen Willi hörte.
Der Name ist durchaus positiv konnotiert. Onkel Willi, als Bruder von Oma Grete eigentlich Großonkel, war Inhaber einer Bäckerei in Schönebeck-Salzel­men. Bei Familienfestivitäten in Eggersdorf, die meist von Onkel Alfred, sei­nem Bruder und so eigentlich auch Großonkel, ausgetragen wurden, nahm uns Onkel Willi stets am Schönebecker Bahnhof in Empfang, um uns, je nach Kopfzahl, in ein oder zwei Fuhren in seinem Mossie (sowjetische Automobil­marke Moskwitch: kleiner als Wolga und hässlicher als Lada) dorthin zu chauffieren und auch wieder zurückzubringen. Sein Fahrstil zeichnete sich vor allem durch rasante Kurvenlagen aus, was allerdings auch daran gelegen ha­ben mag, dass der Mossie, vor allem das 60er-Jahre-Modell, über eine ausge­sprochen weiche Federung verfügte, und war wohl auch dem schlechten Stra­ßenzustand in der südlichen Börde geschuldet. Jedenfalls hatte Willi stets gute Laune und sorgte damit dafür, dass die erwähnten Familienfressfeste für uns Kinder einigermaßen erträglich blieben. Es wurde kolportiert, er heize seinen Wagen in Frostzeiten mittels Unterschiebens eines mit heißer Asche gefüllten Backblechs an. Onkel Willi war also ein fröhlicher, risikofreudiger Klein­unternehmer.
Willi, der Skilehrer, ist dicke über die sechzig, dabei aber, wie es sich für einen oberbayerischen Skilehrer gehört, braungebrannt, wettergegerbt und fit wie drei Paar Turnschuhe. Wir haben uns gleich ganz gut verstanden, er brauchte bei mir ja auch nicht bei Null anzufangen. In den knapp zwei Stunden arbeiteten wir vorwiegend an meiner Körper- und Blickhaltung, an der Bein­stellung, vor allem dem Kniebeugewinkel, und an der Armstreckung beim Vor­trieb. Es waren eigentlich nur Kleinigkeiten. Willi verstand es jedenfalls, mir das zu suggerieren, zum einen verbal, zum anderen, in dem er mich nicht all zu weit abzuhängen versuchte. An den Anstiegen, die hier wahrlich nicht ex­trem sind, musste aber auch er japsen.
Nebenbei erzählte mir Willi, dass er mit Leib und Seele Bergläufer sei, bei passendem Wetter fast täglich den Wendelstein hinauf laufe (ca. 1000 Hm) und freute sich diebisch darüber, dass er bergab, aufgrund seiner Orts- und Wegekenntnisse sogar die Mountainbiker abhänge. Sehr verschmitzt schaute er drein, als er davon erzählte, sich vor Jahren in Skikursen intensiver um die Frauen von Siemens-Führungspersonal gekümmert zu haben. Da die Männer hätten arbeiten müssen, hätten es sich die Frauen halt mit der Skischule gut gehen lassen.
Nach ca. einer Stunde Training schien Willi schon etwas ratlos, was er denn noch mit mir anstellen sollte. Also wiederholten wir die Übungen, solange bis die zwei Stunden um waren. Dabei berichtete er nicht ohne Stolz von einem Zehnkämpfer, dem er mal innerhalb von drei Stunden das Langlaufen (klas­sisch!) beibringen sollte, was ihm nach eigener Aussage auch gelungen sei (was Wunder!). Der Zehnkämpfer habe aber nach den drei Stunden gestan­den, noch nie so fertig gewesen zu sein. Meinen Einwand, dass die maximale Wettkampfdistanz für Zehnkämpfer 1500 m seien, ließ Willi nicht gelten, schließlich seien diese ja schlechthin professionell durchtrainiert.
Nach anderthalb Stunden brannten auch mir die Oberschenkel, zumal die Skatingloipen durch den seit gestern Abend beständig fallenden Neuschnee trotz Präparierung durch die Pistenwalze nicht gerade super gleitfähig waren. Das ursprünglich verabredete gemeinsame Foto haben wir dann vor lauter Geplauder doch vergessen. Gelernt habe ich einiges, das Wichtigste zum Schluss: Man trägt seine Ski mit den Spitzen nach vorn. Wer sie mit den Enden nach vorn trägt, outet sich als Flachländer. Danke Willi.

Freitag, 27. Januar 2012

Offenbarung 1,9

„Ich Johannes, euer Bruder, bin auf die Insel Patmos verbannt worden, weil ich das Wort Gottes verkündete und für die Botschaft von Jesus eintrat. Ich bin also wie Ihr um Jesu willen in Bedrängnis, aber durch Jesus haben wir alle An­teil an Gottes Reich und sind dazu aufgerufen, unbeirrt durchzuhalten.“1

Ein alter Mann sitzt an einem Tisch und beginnt auf einem Bogen Pergament einen der beeindruckendsten und wirkungsmächtigsten Texte der Weltlitera­tur zu schreiben, die Offenbarung des Johannes, gemeinhin auch Apokalypse genannt. Er ist verbannt worden auf die der kleinasiatischen Küste vorgela­gerte, nur etwa 15 km lange Mittelmeerinsel Patmos. Er fühlt sich in Bedräng­nis, denn seine Predigten des Evangeliums von Jesus Christus unter den Be­wohnern Kleinasiens haben wohl den Unmut der römischen Obrigkeit hervor­gerufen. Es ist die Zeit der zweiten, wenn auch nicht systematischen Christen­verfolgung unter Kaiser Domitian. Wäre Johannes der ersten Verfolgungswelle unter Nero anheim gefallen, hätten wir möglicherweise weder die Offenba­rung noch das Johannes-Evangelium. So war er also „nur“ verbannt worden. Aber was ist das schon - Verbannung? Auch Ovid musste wegen unbotmäßi­gen Verhaltens dem Kaiser gegenüber in die Verbannung nach Tomis, dennoch verfasste er dort seine
Tristia. Johannes aber spricht von Bedrängnis. Nur Be­drängnis.
Freuen wir uns, dass es nur Bedrängnis war und kein Martyrium, so dass Jo­hannes in seiner ganz persönlichen Bedrängnis diesen poetisch aufgeladenen Text verfassen konnte. In dieser seiner Bedrängnis ist er mir näher als jeder der großen Märtyrer. Denn Bedrängnis ist ein Empfinden, das nachvoll­ziehbar ist, das viele aus eigener Erfahrung kennen und ganz persönlich ein­zuordnen wissen. Das Martyrium hingegen erscheint uns ungeheuer fremd – für seine Überzeugung, seinen Glauben zu sterben, wer von uns würde das ernst­haft in Betracht ziehen? Das Martyrium ist ein extrovertierter Akt, ist öffentli­ches Bekenntnis unter Aufgabe des Selbst. Der Tunesier Mohamed Bouazizi war in den Märtyrertod gegangen und hatte damit die Unruhen aus­gelöst, die in den arabischen Frühling münden sollten. Bedrängnis ist ein sehr subjektives Empfinden der eigenen Lebenssituation. Martyrium ist abso­lut und endgültig. Bedrängnis ist relativ und lässt Raum für Hoffnung. Und so hält auch Johannes sich fest an seiner Hoffnung auf das kommende Reich Got­tes, die ihm die Kraft zum Durchhalten gibt.
Das klingt erst mal völlig banal. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass unsere ganze, neuerlich auch wieder gern gepriesene abendländische Kultur zu einem großen Teil auf den Ideen und Glaubensbekenntnissen einer kleinen Gruppe von bedrängten und durchhaltenden Sonderlingen, Außenseitern und Geächteten ruht, dann ist das alles andere als banal. Sie waren Sonderlinge, Außenseiter und Geächtete nicht zuletzt deshalb, weil sie Fragen stellten und Antworten fanden, die den gesellschaftlichen Status Quo ihrer Zeit mit einem grundlegenden Zweifel belegten. Sie stellten die entscheidende Frage, auf die Jahrhunderte später der Philosoph Adorno die grundsätzliche Antwort in ei­nem einzigen simplen Satz formulierte: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Für solche Außenseiter ist Bedrängnis stets und zu allen Zeiten der Normal­fall. Auch, wenn sie gerade einmal nicht direkt verfolgt werden, werden sie doch missverstanden, belächelt, respektlos behandelt, verhöhnt, ausgegrenzt. Die Mehrheit - will heißen: der Mainstream - verfügt über genügend Mittel und Methoden, Minderheiten in Bedrängnis zu bringen und dort zu halten. Aber wissen wir überhaupt, wie sich Bedrängnis anfühlt, so lange wir nicht selbst in Bedrängnis geraten und die Hoffnung das Letzte ist, was bleibt?
Vielleicht genügt es, sich selbst einmal danach zu befragen, was einen be­drängt. Immer mehr Menschen leben ja in einem Zustand permanenten Unbe­hagens, nicht an der Kultur, wie Freud es seinerzeit ausdrückte, sondern am System, in dem wir leben, an dem, was der Fall ist. Bei mir z.B. drückt sich dieses Unbehagen u.a. darin aus, dass ich meinen Arbeitsalltag als zuneh­mend sinnentleert empfinde - das ist meine konkrete Bedrängnis. In „Die Kul­tur des neuen Kapitalismus“2 hat Richard Sennett die Beraterbranche, und gemeint sind die Unternehmensberater, einer eingehenden soziologischen Analyse unterzogen, die ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Hinzuzufü­gen wäre, dass die Branche der McKinseys, Bostons und Bergers zu denen mit dem größten Entfrem­dungspotenzial gehört. Das beginnt schon damit, dass kein normaler Mensch ver­steht, was Berater überhaupt machen, und wenn man es zu erklären versucht, fällt einem auf, dass man es selbst kaum versteht. Nach meiner Erfahrung werden Berater häufig von Verantwortungsträgern engagiert, die selbst nicht in der Lage oder nicht Willens sind, ihrer Verantwortung nach zu kommen. Angst vor den schwer absehbaren Folgen von Entscheidungen bei allgemein zunehmender Komplexität spielt dabei eine gewichtige Rolle. Hinzu kommt das Peter-Prinzip: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Und dann holt er sich eben Berater, die ihm sagen, was zu tun ist, und für ihn die Entscheidungen treffen. Dass der Berater ständig für andere denken muss, führt über die Jahre unweigerlich zur Entfremdung. Faktisch wird nichts mehr von dem, was man tut, als Eigenes empfunden. Im Gegenteil, zum Zwecke der prophylaktischen Seelenhygiene muss man sich schnellstens von den Produkten seiner Arbeit trennen. Irgendwann wird alles - im adornoschen Sinne - falsch.
Ist es Bedrängnis, die Entfremdung und das Falsche als so nicht mehr lebbar zu empfinden? Ich glaube schon. Natürlich ist sie nicht direkt vergleichbar mit der Bedrängnis des Johannes auf Patmos, die Zeiten sind andere. Auch mit den Nöten der meisten Menschen hat sie wenig zu tun. Und doch ist es meine ganz eigene Bedrängnis bzw., um Peter Rühmkorf zu zitieren: „Wenn ich mal richtig ICH sag, wieviele da wohl noch mitreden können?!“ Und Hoffnung? Ja, die gibt es, die Hoffnung, irgendwann wieder das richtige Leben im richtigen zu finden.
1Neue Genfer Übersetzung. Romanel-sur-Lausanne, 2009

Dienstag, 17. Januar 2012

Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo) von David Fincher


Es fällt nicht schwer, sich gedanklich auszumalen, wie David Fincher ins imaginäre Kopfkissen gebissen haben mag, als er vor drei Jahren - möglicherweise ja zufällig - die schwedische Erstverfilmung der Millenium-Trilogie gesehen hat. Die Romanvorlage wird er kaum gekannt haben, schließlich wurde Stieg Larsson selbst in Europa erst durch die Verfilmungen richtig populär. Klar ist jedoch: Millenium ist eindeutig Fincher-Stoff. Keinem Hollywood-Filmemacher scheint der Stoff mehr auf den Leib geschnitten zu sein, als dem Regisseur solcher Großtaten wie SevenThe Game oder Fight Club.
Schon nach wenigen Filmminuten, spätestens aber, wenn Blomkvist auf die Bibelzitate in Harriets Nachlass stößt, ahnt man, dass Fincher seinen Film nicht gedreht hat, um, wie verschiedentlich unterstellt wurde, aus rein geschäftlichen Interessen eine Version für den US-Markt zu schaffen, sondern er, David Fincher, wollte für sich seine Version von Verblendung. Und so ist denn der Film auch alles andere als kompatibel zum US-Markt, eher steht zu befürchten, dass er dort ein Kassenflop wird (lt. zelluloid.de sind es nach 4 Wochen 88 Mio. $ bei Produktionskosten von 90 Mio. $ ).
Finchers Verblendung ist in seiner Nähe zur Romanvorlage und seinem finsteren Realismus dann doch ein eher europäischer Film geworden und noch dazu ein politisch wohltuend inkorrekter. Statt Action gibt es rohe, stumpfe Alltagsgewalt. Und je länger die Geschichte dauert, desto mehr wird gequalmt. Die Mad Men lassen herzlich grüßen. Der kongeniale Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross, die schon für die Filmmusik zu The Social Network verantwortlich zeichneten, untermalt die Handlung mehr symbiotisch als symbolisch und drängt sich nie in den Vordergrund. Wer die schwedische Erstverfilmung kennt, wird Noomi Rapace in der Lisbeth-Rolle vermissen und sich anfangs schwer tun mit Rooney Mara. Doch Mara ist vielleicht sogar die bessere Besetzung, denn sie wirkt in ihrer psychischen und physischen Fragilität noch schutzloser als die robustere Rapace. Die Diskrepanz zwischen Innen und Außen wirkt bei ihr noch radikaler. Auch Daniel Craig und Stellan Skarsgard bieten eine herausragende Performance.
Das aufdringliche, von einem Immigrant-Song-Cover unterlegte Intro als Kreuzung aus Musikvideo und James-Bond-Vorspann ist sicher Geschmackssache, zumal es so gar nicht zum Film passt. Hommage an Craigs Bond-Figur? Insgesamt aber setzt Fincher die Geschichte straff in Szene, und gut zweieinhalb Stunden Verblendung bieten eine sehr gelungene Kombination aus Thrill und Tiefgang. Fortsetzung folgt?

Die Estimatortheorie

Über eine neue Theorie zur Erklärung des Ursprungs und der Funktion von Bewusstsein 1         Einleitung Was ist Bewusstsein? Welchen Zwec...