Montag, 25. Februar 2019

Vom Scheitern

Warum verließ uns in den 1980er Jahren der historische Optimismus?

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte,
aber sie machen sie nicht aus freien Stücken,
nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar
vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.                                                           
Karl Marx

Bald ist es 30 Jahre her, dass mit den ersten Leipziger Montagsdemonstrationen das Ende der DDR und damit auch das Ende des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden eingeläutet wurde.  Ein paar Jahre zuvor hatte bereits die Solidarność mit dem Abriss des Sozialismus in Polen begonnen und unseren „Bruderstaat“ in eine politische Krise gestürzt. In der Folge von 89 brach der „Ostblock“ auseinander, die UdSSR entließ ihre osteuropäischen „Vasallenstaaten“ sowie ihre faktische Kolonie Mongolei in die „Freiheit“, um kurze Zeit später selbst auseinander zu brechen. Der „real existierende Sozialismus“ verschwand von der politischen Landkarte – lediglich Kuba und Nord-Korea widersetzten sich dem Trend (Jugoslawien und China hatten eigentlich nie dazu gehört), und es begann das Große Rollback (so Hermann Kant in einem Interview der Jungen Welt 1990). 
Das Große Rollback vollzog sich bislang in drei Phasen: ökonomisches Rollback,
soziales Rollback, politisches Rollback.  In Deutschland kann man jede dieser Phasen mit einem Jahrzehnt und einem exemplarischen Schlagwort verbinden: ökonomisches Rollback – Treuhandanstalt, soziales Rollback – Agenda 2010, politisches Rollback – AfD. Gerade mit letzterem Schlagwort, das andernorts (aus Gründen der Einfachheit) durch die Namen Trump, Erdogan, Orban, Le Pen ersetzt werden kann, sollte klar sein, dass das politische Rollback soweit fortgeschritten ist, dass seine Akteure auch den offenen Flirt mit dem Faschismus nicht mehr scheuen.  Und unter Faschismus werden hier nicht nur völkischer Nationalismus, offener Rassismus, Aggressivität und sonstige offenkundige Abscheulichkeiten verstanden, sondern auch und gerade die „terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (G. Dimitroff, VII. Weltkongress der Komintern 1935).
Das Große Rollback ist (fast) abgeschlossen. Der Kapitalismus kann tun und lassen, was er will: Ausbeutung verschärfen, Löhne drücken, Ressourcen aufbrauchen, Kriege führen, Land rauben, Meere verschmutzen, Böden vergiften, Tiere ausrotten, Klima aufheizen. Die Sozialdemokratie wie die gesamte politische Linke haben sich derweil sehenden Auges selbst zerlegt, der Widerstand scheint gebrochen. Mühsam nur versucht man wieder aufzustehen, wohl auch, um in dem absehbar kommenden Aufstand überhaupt noch eine Rolle spielen zu können. Es herrscht Depression.
Mir stellt sich derweil die Frage, was uns in den 1980er Jahren abhanden kam, dass wir dies zulassen konnten. Genauer: Warum und wohin verschwand unser historischer Optimismus, unsere Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen? Und: Wieso sind wir mit wehenden Fahnen übergelaufen?
Eine schlüssige Antwort darauf habe ich nicht. Ich kann nur einige Überlegungen anstellen, die sich natürlich zuvörderst aus meiner ganz persönlichen Erfahrung jener Zeit speisen, und versuchen, mehr oder minder plausible Erklärungen zu finden.
Um die Frage richtig einzukreisen, bedarf es zunächst eines Blickes auf das Vorgängerjahrzehnt, die 1970er Jahre.  1979, zum Ende des Jahrzehnts, war ich zwar noch keine 20 Jahre alt, hatte dafür aber wohl so viel 70er-Jahre-Geist inhaliert, dass es anscheinend für ein ganzes Leben reichen sollte. Ähnlich dem nach Ansicht vieler Historiker langen, von 1789 bis 1914 dauernden 19. Jahrhundert, war das achte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein langes. Es begann bereits 1967/68 und dauerte wohl bis zur Präsidentschaft Ronald Reagans 1981 bzw. bis zur „geistig-moralischen Wende“ Helmut Kohls 1982. In dieser Zeitrechnung waren die 70er im Westen das Jahrzehnt der Mondlandung, der amerikanischen Niederlage im Vietnamkrieg, des Punk, des Mehr-Demokratie-Wagens, der iranischen Revolution, des Aufbruchs. Davon blieb auch der Osten nicht gänzlich unberührt. Nach der bewaffneten Niederschlagung des  Prager Frühlings 1968 begann eine lange Periode der Konsolidierung und relativer politischer Stabilität, die zwar immer wieder von einzelnen Störereignissen wie 1974 der Sacharow-Äffäre in der Sowjetunion oder der Biermann-Ausbürgerung 1976 unterbrochen wurde, im Großen und Ganzen aber gekennzeichnet war durch Wirtschaftswachstum, zunehmenden Wohlstand und eine relativ offene Kulturpolitik. Eine entscheidende Rolle spielte sicher auch die KSZE-Schlussakte von Helsinki, in der der Westen den politischen Status Quo faktisch anerkannte und der Osten die Achtung der Menschenrechte zusagte. Im gleichen Jahr wurde die DDR (zusammen mit der BRD) Mitglied der UNO. Die heiße Phase des Kalten Krieges schien beendet - das Zauberwort hieß friedliche Koexistenz - Honecker hatte sein wichtigstes politisches Ziel erreicht, und die Partei konnte sich nun – im Positiven wie im Negativen - auf die eigene Bevölkerung konzentrieren.
Auch in meiner Erinnerung waren die 70er Jahre das Jahrzehnt des Aufbruchs. Die Nachkriegszeit war vorbei. Es ging uns vergleichsweise gut. Der Optimismus, zumindest auf unserer Seite, war riesig. Wir waren der Überzeugung, dass gesellschaftlicher Fortschritt von oben plan- und steuerbar sei. Das war zwar keine wirklich neue Idee; der ganze Leninismus/Stalinismus war schließlich getragen von diesem Gedanken der planvollen gesellschaftlichen Entwicklung  und der Schaffung des Neuen Menschen[1], nur boten sich inzwischen auch die wissenschaftlichen Werkzeuge in Gestalt von Allgemeiner Steuerungstheorie, damals noch Kybernetik genannt, und Systemtheorie an. In der DDR war es vor allem der Mathematiker und Philosoph Georg Klaus, der diese Linie vehement vertrat. Bemerkenswerterweise sprangen auch die Soziologie und die Politikwissenschaften im Westen auf diesen Zug auf. Erinnert sei nur an Talcott Parsons, Niklas Luhmann oder David Easton, deren Konzepte vom offiziellen Marxismus nicht nur negativ aufgenommen wurden. Anderseits ist auch das wiederum nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der für Kybernetik und Systemtheorie so essenzielle Begriff der Emergenz sich in wundersamer Weise in das Konzept des dialektischen Materialismus´ vom Umschlagen der Quantität in Qualität  einpasst.
Und doch wurde mit dem Beginn der 1980er Jahre alles anders. Um das zu verstehen, scheint es mir hilfreich, zu den Wurzeln der Idee des Sozialismus[2] zurück zu gehen. Die Idee des Sozialismus ist offensichtlich ein Kind der Aufklärung und des Frühkapitalismus. Sie entstand dabei aber nicht als eine Idee der anderen Staatlichkeit oder der gegenüber dem Kapitalismus grundsätzlich anderen Ökonomie, sondern als eine Idee des, wie wir heute sagen würden,  Kommunitarismus. Dies lässt sich anhand der Theorien und Praktiken u.a. von Robert Owen und Charles Fourier, den so genannten Frühsozialisten nachweisen. Am Beginn der Idee des Sozialismus standen also elementare Gerechtigkeitsfragen in der Nachfolge der Französischen Revolution und angesichts der eklatanten Verhältnisse im Frühkapitalismus.
Als Kind der Aufklärung, die von Beginn an ein Elitenprojekt (Carlo Strenger) gewesen ist, war auch die Idee des Sozialismus zunächst ein Projekt intellektueller Eliten, bis sie zur Sache der Arbeiterbewegung wurde, das dabei jedoch einer teilweise vehementen Reinheitskritik eben jener intellektuellen Eliten unterzogen wurde (Marx, Engels, Lenin, Luxemburg), um dann in den Wirren des ausgehenden I. Weltkriegs als institutionalisierter Sozialismus wieder zum Elitenprojekt zu werden. Als solches muss man den institutionalisierten Sozialismus auch in der DDR ansehen. Nur waren es hierzulande, anders als im nachrevolutionären Russland, nicht intellektuelle Eliten, die das Projekt vorantrieben, sondern Arbeitereliten, Menschen aus dem Urgrund der Arbeiterbewegung: in Konzentrationslagern, im antifaschistischen Untergrund und im Exil gestählte Kader der KPD im Verein mit Teilen der SPD. Es waren schlicht die Überlebenden.
Hier scheint mir doch ein wesentlicher Erklärungsansatz für das letztendliche Scheitern des Projektes zu liegen: Das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis. Die Theorie des Sozialismus war ausgearbeitet worden von Intellektuellen des 19. Jahrhunderts (Marx, Lenin, Trotzki), und sie traf nun auf die Realität des 20. Prognostisch reichte die Theorie nur bis fünf Minuten nach der Revolution, bis zur Diktatur des Proletariats, die dann doch nur die Diktatur einer Partei werden sollte. Wer Marx verstanden und Bill Clinton zugehört hat, weiß: „It´s the economy, stupid.“ Weil keiner der intellektuellen Theoretiker über einen stringenten Plan verfügte, stritt man sich in Russland bspw. über die Neue Ökonomische Politik (NÖP) und dekretierte später faktisch den millionenfachen Hungertod infolge der Massenkollektivierung der Landwirtschaft. Bezogen auf die DDR der 1970/80er Jahre verweist der Philosoph Peter Ruben rückblickend darauf, dass auch hier die Partei keinen ökonomischen Plan hatte. Man wusste schlichtweg nicht, was außer den Eigentumsverhältnissen eine sozialistische Volkswirtschaft von einer kapitalistischen unterscheidet. Die Idee des Sozialismus der Theoretiker war eine rein staatszentrierte, sie war weder ökonomisch noch gesamtgesellschaftlich durchdacht. So klammerte man sich, wie oben erwähnt, an kybernetische und systemtheoretische Ansätze, die ob ihrer Objektivität und Gesetzmäßigkeit gewissermaßen aus sich heraus das Richtige bewirken sollten.
Politökonomische Texte jener Zeit zeigen, dass man sich auf einer theoretischen Ebene der Probleme, etwa im Umweltbereich oder in der Innovationspolitik, sehr wohl bewusst war. So bereitete der Report „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 auch den Wirtschaftswissenschaftlern der DDR gehöriges Kopfzerbrechen. In einem Text der Reihe „Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie“, die zwischen 1971 und 1986 vom Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR herausgegeben wurde, finden sich u.a. folgende Überlegungen:
Langfristig gesehen wird ohne Zweifel das Tempo des ökonomischen Wachstums immer stärker abhängen von dem Tempo der Senkung des spezifischen Materialverbrauchs. Die Annäherung beider Größen wird somit zu einer wichtigen Gleichgewichtsbedingung für das ökonomische Wachstum. Dies stellt hohe Anforderungen an Wissenschaft und Technik, an die intensive Gestaltung des gesamten Reproduktionsprozesses, um durch Verbesserung der Gebrauchswerteigenschaften eine wesentlich höhere Lebensdauer der Erzeugnisse zu ermöglichen und somit pro Bedürfniseinheit weniger Rohstoffe zu verbrauchen, sowie durch Erhöhung des "Veredlungsgrades" der Produkte den Rohstoffanteil in allen Waren zu senken, eine kontinuierliche Rückgewinnung von Rohstoffen aus Abfall und veralteten Gebrauchsgütern zu sichern, die Substitution von knappen Rohstoffen durch verfügbare Rohstoffe und Materialien zu ermöglichen, den verminderten Verbrauch von Rohstoffen durch Entwicklung rohstoffarmer Technologien zu gewährleisten, durch die Förderung von rationellen Konsumtionsformen eine wesentliche Senkung des Rohstoffverbrauchs pro Bedürfniseinheit zu erreichen. Um ein solches Ziel erreichen zu können, brauchen wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten neue fundamentale wissenschaftliche Lösungen, die eine noch höhere Verringerung des Energie-, Rohstoff- und Materialverbrauchs ermöglichen… Der ökonomische Wettbewerb mit dem Imperialismus, die notwendigen Aufwendungen für die Verteidigung der sozialistischen Länder haben ohne Zweifel in den sozialistischen Ländern mit dazu beigetragen, daß das auf diesem Gebiet Notwendige nicht in vollem Umfang getan werden konnte. Mit der gewachsenen Leistungskraft unserer Wirtschaft erhöhen sich jedoch unsere Möglichkeiten, auch auf diesem Gebiet das gesellschaftlich Notwendige schrittweise zu realisieren. Hierbei müssen wir auch bei der natürlichen Reproduktion zwischen zwei Typen der Reproduktion der natürlichen Umwelt unterscheiden - dem extensiven und dem intensiven Reproduktionstyp. Der extensive Typ der erweiterten Reproduktion der natürlichen Umwelt ist dadurch gekennzeichnet, daß immer mehr Naturstoffe in den ökonomischen Kreislauf ein bezogen werden, ohne daß sich der ökonomische und technologische Nutzungsgrad der Umwelt wesentlich erhöht. Beim gegenwärtig erreichten Entwicklungsstand der Umweltnutzung ist es völlig klar, daß der Übergang zum intensiven Typ der Umweltreproduktion zu einer absoluten Notwendigkeit geworden ist. Dies gilt besonders für ein solches Land wie die DDR, das in Bezug auf Einwohner- und Besiedlungsdichte, Industrialisierungsgrad, Elektrifizierung, Flächenleistung und Verkehrserschließung - also in Bezug auf die Nutzung der natürlichen Umwelt - ganz vorn in der Welt liegt. [3]
Was hier knapp skizziert wurde, ist ja nicht weniger als das Programm einer „grünen Ökonomie“ möglichst geschlossener Stoffkreisläufe. Theoretisch also war alles klar. Entscheidend aber sind zum einen die Verweise auf den „ökonomischen Wettbewerb mit dem Imperialismus“ und die „notwendigen Aufwendungen für die Verteidigung“, zum anderen die Betonung der Notwendigkeit „wachsender Leistungskraft“, sprich von Wirtschaftswachstum. 
Nach meiner Überzeugung war es falsch, sich auf den ökonomischen Wettbewerb mit dem Kapitalismus zu fokussieren. Der Fehler bestand darin, sich einseitig und nur auf die Wirtschaft zu konzentrieren, dem Westen auf diesem Feld faktisch hinterherzulaufen. Angesichts von dessen Potenzen, die sich bspw. in der Mondlandung, aber auch und vor allem in dem ungeheuren Innovationsschub in der Informations- und Kommunikationstechnik (u.a. Kleinrechner von DEC, PC von IBM, XEROX, ARPAnet) zum Ende der 1970er Jahre zeigten, war  dieses Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dies einsehend, verlegte man sich aufs Raubkopieren. Im Rahmen der „sozialistischen Arbeitsteilung“ bauten die Russen den IBM Mainframe nach, die  Bulgaren die VAX von DEC und die DDR den PC. Dass Carl-Zeiss Jena Mitte der 80er Jahre von der Partei den Auftrag erhielt, den 16-bit-Prozessor und den 1-Mbit-Speicher zu entwickeln, war insofern folgerichtig, als allein dieser Betrieb traditionell über die optischen und elektronischen Techniken verfügte, die Originalchips von Intel zu analysieren und dann nachzubauen. Im Land erntete diese Technologiepolitik nur Spott und Häme. „Wir haben jetzt den Ein-Milligramm-Chip aus einheimischen Rohkartoffeln.“ schrieb die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“.
Was bei dieser einseitigen Fixierung auf das Feld des ökonomischen und technologischen Wettbewerbs verloren ging, war eindeutig die kulturelle Hegemonie, die nach Antonio Gramsci  mit entscheidend ist für den Erfolg der Idee des Sozialismus. Der Optimismus der 70er Jahre speiste sich ja keineswegs aus dem Bewusstsein einer irgendwie gearteten wirtschaftlichen Überlegenheit gegenüber dem Kapitalismus, im Gegenteil, wir waren die armen Verwandten, sondern aus der Überzeugung, dass, gleichgültig, was die da drüben machen, wir auf der richtigen Seite stehen, weil das, was wir machen, moralisch richtig und vernünftig ist.
Natürlich waren wir ideologisch indoktriniert. Das zu bestreiten, wäre mindestens Selbstbetrug. Wer jedoch heute behauptet, weil er ja in einer „freien Gesellschaft“ lebt, nicht ideologisch indoktriniert zu sein, hat das Wesen und die mannigfaltigen Formen von Ideologie nicht verstanden. Was ist denn der Konsumismus anderes, der Warenfetischismus, wie Marx ihn nannte, als die Ideologie des puren Weltverbrauchs im Interesse der Profitmaximierung. Und ist es nicht reine Demagogie, wenn einerseits die Verbrechen des Stalinismus und des Maoismus als gleichsam dem Sozialismus inhärent dargestellt werden und somit dafür herhalten müssen, die gesamte Idee des Sozialismus zu diffamieren, und andererseits so getan wird, als hätten der Faschismus und die Verbrechen der Nazis so rein gar nichts mit dem Kapitalismus zu tun? Oder eine Nummer kleiner: Wenn CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kürzlich bei Maybrit Illner behauptet, wir würden nicht im Kapitalismus leben, sondern in der sozialen Marktwirtschaft, dann ist das doch wohl Ideologie und Demagogie zugleich.
Aber zurück zu den 70er Jahren und zur Wirtschaft. Es ist höchst interessant zu beobachten, dass im Zuge der Analyse und Aufarbeitung der Finanzkrise von 2008 inzwischen die Erkenntnis reift, dass deren Ursachen in eben jenen 70er Jahren zu verorten sind. So hat dies der renommierte Soziologe Wolfgang Streeck in seinem Buch „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ von 2013 breit dargelegt, und jüngst hat der Historiker Michael Bösch speziell das Jahr 1979 als das Jahr des Umbruchs thematisiert, in dem nach seiner Darstellung die Keime der heutigen Krisenphänomene gelegt wurden.
In einem Text von 1998[4] hat der ehemalige DDR-Philosoph Peter Ruben die ökonomische Entwicklung der DDR in Beziehung zu den kapitalistischen Entwicklungs-, Prosperitäts- und Krisenzyklen gesetzt und dabei eine erstaunliche Parallelität insbesondere der Juglar-Zyklen entdeckt. Juglar -Zyklen sind die kurzen, 9 bis 11 Jahre dauernden Konjunkturzyklen der kapitalistischen Wirtschaft. (Wie die aktuellen Börsentrends zeigen, befinden wir uns gerade am Ende des Juglar-Zyklus, der mit der Finanzkrise 2008 begann.) Nach Peter Ruben standen die 70er Jahre im Zeichen des 4. Juglar-Zyklus der DDR-Wirtschaft. Die von Honecker 1973 proklamierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ wurde maßgeblich mit Auslandsschulden finanziert, und dies gelang, trotz aller Systemgegensätze, auch deshalb vergleichsweise leicht, weil die kapitalistische Weltwirtschaft sich gerade in diesem Jahrzehnt bekanntermaßen in einer schweren Wirtschaftskrise befand und die Banken händeringend nach Schuldnern suchten. Sie fanden diese in den RGW-Staaten, die in den Jahren 1971 bis 1981 ihre Kreditaufnahme um das 11fache erhöhten. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass zur gleichen Zeit, da im Westen unter den Deckmantel des Neoliberalismus die staatsschuldenfinanzierte Rettung des Kapitalismus anlief, die (trotz deutscher „Schwarzer Null“) bis heute anhält, der institutionalisierte Sozialismus den gleichen fatalen Weg einschlug.  Ruben schreibt dazu: „Es ist dies eine Merkwürdigkeit der kommunistischen Ideologie, die zwar im eigenen Lande ‘sozialistische Millionäre’ und den Markt verabscheut, aber hemmungslos angebotene Kredite aus ‘kapitalistischen Mehrwerten’ des Auslands in Empfang nimmt und obendrein die im Ausland freundlich attestierte Bonität im Inland als Seriosität der eigenen Führungskunst und staatsmännischen Klugheit zelebriert.“[5]
Von den ökonomischen Verwerfungen wussten wir natürlich nichts. Schon gar nichts davon, dass die DDR, am Rohstofftropf der UdSSR hängend, zur Zahlung immer höherer Preise für Erdöl, Gas und Eisenerz gezwungen war, um so die Finanzierung der Roten Armee und damit des eigenen Überlebens sicherzustellen. Partei- und Staatsgeheimnis! Für uns ging es vorwärts in eine lichte Zukunft. Die 80er Jahre begannen mit dem Tod Breschnews in der Sowjetunion, dem nachfolgenden Kuddelmuddel in der KPdSU-Führung, wo schlussendlich Gorbatschow zwei todkranken Interimsgeneralsekretären folgen sollte. Heute wissen wir, Gorbatschow war der Totengräber des institutionalisierten Sozialismus. Seine Ideen, nicht unähnlich denen des noch in den 70er Jahren vehement als Revisionismus kritisierten Eurokommunismus italienischer und französischer Prägung wirkten gerade auf uns Junge überaus attraktiv und innovativ. Hinzu kam die Nachrüstungsdebatte anlässlich des NATO-Doppelbeschlusses von 1979, die bekanntlich eine Systemgrenzen überwindende Friedensbewegung vor allem in den beiden deutschen Republiken auslöste. Da gerade die deutschen Lande als Zielgebiete für die SS-20 und Pershing 2 in Frage kamen, erkannten wir,  gleichsam in einem Schub des Erwachsenwerdens, gemeinsame Interessen, die über Systemgrenzen hinausgehen.  Der kollektive Optimismus der 70er Jahre wich nun der kollektiven Sorge angesichts der atomaren Bedrohung von beiden Seiten.
Als Erwachsener erlebte ich die DDR erst ab Mitte der 80er Jahre nach der Rückkehr aus dem Mutterland des institutionalisierten Sozialismus. Es war ernüchternd, das Land steckte wahrlich in der Depression, einer Depression, die man in den 70ern zurecht noch dem Westen diagnostizierte. Von den Menschen, denen ich privat und vor allem im beruflichen Umfeld begegnete, glaubte kaum noch einer an die Zukunftsfähigkeit des Projektes. Angesichts der Politik Gorbatschows war die SED in die Defensive geraten, sie führte offensichtlich einen Abwehrkampf gegen das letztlich Unvermeidliche. Es rächte sich nun, dass man über die eigene Dogmatik des Klassenkampfes hinaus keine Argumente für die eigene Sache hatte. Der DDR fehlte von Anfang an ein gemeinsamer Gründungsmythos, wie ihn die Sowjetunion in der Oktoberrevolution und selbst dem nachfolgenden blutigen Bürgerkrieg besaß und der im Großen Vaterländischen Krieg nochmals gehörig aufgefrischt wurde. Anstatt eines gemeinsamen Gründungsmythos wurde in den Schulen die Tradition des Kampfes gegen einen Gegner vermittelt, den man nie gesehen hatte und, wenn es nach der Partei ginge, auch nie zu sehen bekommen sollte – den Kapitalismus, den Imperialismus, den Faschismus. Abstrakta, von denen man ohne Westfernsehen rein gar nichts erfahren hätte. Anders als die KPdSU konnte die SED nicht einmal den materiellen und sozialen Fortschritt für sich verbuchen. Im Vergleich zur Zeit der Zarenherrschaft ging es den allermeisten Bewohnern der Sowjetunion wirklich erheblich besser; für die Bewohner der DDR hingegen fiel der Vergleich mit der Zeit vor 1945 eher ambivalent und der mit dem Westen eindeutig negativ aus.
Es rächte sich aber auch, dass die SED-Führung offenbar der Überzeugungskraft ihrer eigenen Ideen misstraute. Ich denke, es war falsch, den institutionalisierten Sozialismus nach innen mit Gewalt zu verteidigen. Ich gestehe den handelnden Personen ihre hehren Motive zu. Eine Begleiterscheinung von Macht ist jedoch die Angst vor dem Verlust der Macht. Hat man absolute Macht, kann die Angst existenziell werden. Gorbatschow hat diese Angst entweder nicht verspürt oder aber durchbrochen. Honecker, Mielke & Co. waren dazu offenbar nicht der Lage. Andererseits ist es angesichts der bekannten Geschichte der Abwehrkämpfe gegen die Konterrevolution (Pariser Kommune, Bürgerkrieg in Russland, Novemberrevolution, Spanischer Bürgerkrieg, Operation Schweinebucht, Vietnamkrieg, Pinochet-Putsch in Chile) schon aus psychologischer Sicht nur zu verständlich, dass die Parteioberen bei jeder nicht von ihnen kontrollierten Menschenansammlung das Fracksausen bekamen. Schließlich hatten sie ein Verbrechen begangen gegen die herrschende Ordnung, den Kapitalismus. Es ging auch um ihr Leben.
In ihrer, noch immer den Geist des Stalinismus atmenden Angst vor dem Feind im Innern, wurde als solcher der Kleinbürger ausgemacht. Im Verlauf der 70er Jahre wurden auch noch die letzten selbstständigen Kleinbetriebe verstaatlicht oder in Genossenschaften gezwungen. Am anderen Ende der volkswirtschaftlichen Pyramide wurden die größeren Betriebe zu Kombinaten zusammengeführt. Auch dies wieder eine Parallele zur Entwicklung in den westlichen Industriestaaten, in denen bereits etwas früher die Fusionitis eingesetzt hatte. Das Ergebnis war hier wie da das gleiche: Ob Profitmaximierung oder Planerfüllung, beides führte zu immobilen, bürokratischen und innovationsfeindlichen Monopolunternehmen, die mit dem Tempo der technologischen Entwicklung schlichtweg überfordert waren.
Dem seiner tagtäglichen Arbeit nachgehenden Staatsvolk der DDR, mich selbst inbegriffen, kam es dabei immer mehr so ähnlich vor, wie es Pierre-Joseph Proudhon bereits in der Frühzeit des Sozialismus beschrieben hat, als er in einer Polemik gegen die zeitgenössischen kommunistischen Ideen schrieb:
Die Mitglieder einer Gemeinschaft, das ist wahr, besitzen nichts zu eigen; aber die Gemeinschaft ist Eigentümer, und zwar nicht nur der Güter, sondern auch der Personen und Willensbestrebungen. Eben nach diesem Prinzip des souveränen Eigentums wird in jeder Gemeinschaft die Arbeit, die doch für den Menschen nur eine von der Natur auferlegte Bedingung sein soll, zu einem menschlichen Kommando und dadurch selbst verhaßt… Der Starke muß das Arbeitspensum des Schwachen liefern, obwohl dies eine Pflicht der Wohltätigkeit, nicht des Zwanges ist, der Fleißige die des Faulen, obwohl das ungerecht ist, der Geschickte die des Blöden, obwohl das absurd ist; kurz, der Mensch ist seines Ichs beraubt, seines eigenen Antriebs, seines Talents, seiner Neigungen, und muß sich der Majestät und dem Dogmatismus des Kollektivs unterwerfen. - Die Gemeinschaft ist ungleich, aber im entgegengesetzten Sinne wie das Eigentum. Das Eigentum ist Ausbeutung des Schwachen durch den Starken; die Gemeinschaft ist Ausbeutung des Starken durch den Schwachen… Die Gemeinschaft ist Unterdrückung und Sklaverei.[6]
Der Staat der Partei als Gesamtkapitalist, das also war die vorherrschende Wahrnehmung. Oder wie es jüngst der Brite Paul Mason im Guardian im historischen Rückblick ausdrückte:
Der Sowjetkommunismus hatte mehr mit dem Kapitalismus gemeinsam, als die Vertreter beider Systeme zugeben würden. Beide Systeme sind (oder waren) besessen davon, Wirtschaftswachstum zu generieren. Beide sind bereit, erstaunliches Leid zu verursachen, um dieses und andere Ziele zu erreichen. Beide haben eine Zukunft versprochen, in der wir nur ein paar Stunden die Woche arbeiten müssen, verlangen stattdessen aber endlose, brutale Buckelei. Beide sind entmenschlichend. Beide sind absolutistisch und beharren darauf, dass die ihre – und wirklich nur die ihre – die einzig wahre Religion sei.
Dass die Parteioberen, allen voran Honecker und Mielke, sich, in mir damals wie heute völlig unverständlichem Habitus, auch so benahmen, als gehöre ihnen das Land, verstärkte diese Wahrnehmung zusätzlich. Für den Einzelnen wurde die Frage zunehmend unwichtiger, für wen er arbeitet (für sich), als die, was dabei (für ihn) herauskam. Das postulierte eine Klasseninteresse begann, sich in viele Partikularinteressen aufzulösen. Die meisten behielten aber eine gewisse kommunitaristische Grundhaltung zu ihrem Arbeitskollektiv, zu ihrem Wohnumfeld, ja selbst zum nächsten Vertreter der Staatsmacht, dem Abschnittsbevollmächtigten (ABV), die den Parteioberen schon immer suspekt war, und die heute immer noch ein Grund für das mangelhafte gegenseitige Verständnis zwischen West- und Ostdeutschen ist.
Spätestens 1989, nach den Kommunalwahlen, war jedem halbwegs nüchtern denkenden DDR-Bürger klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Das staatliche und das wirtschaftliche System waren in Selbstauflösung begriffen. Gleich ob in den Betrieben oder in der Nationalen Volksarmee, ob in den Kulturinstitutionen oder in den Vereinen, überall schien es, als würde jeder machen, was er will, als hätte die einstmals allmächtige Partei die Kontrolle verloren. Die Korsettstangen begannen zu brechen, und im Herbst 1989 war das Ende zumindest der bisherigen Herrschaftsstrukturen absehbar, weil der Partei die Arbeiterklasse davonlief.
Der Rest ist hinlänglich bekannt. An Runden Tischen, in Kirchen, Foren, Cafés und sonst wo wurde wie wohl seit Kriegsende nicht mehr über die Zukunft debattiert, allerdings, wie die Volkskammerwahlen im März 1990 zeigen sollten, frucht- und folgenlos. Damit war das Debattieren faktisch beendet, der Weg zur Wiedervereinigung frei, und wer noch auf eine andere sozialistische Alternative, etwa mit einer starken Sozialdemokratie, gehofft hatte, konnte seine Hoffnungen, angesichts des überwältigenden Erfolgs von Kohls CDU (Helmut, Helmut...), getrost begraben und tat dies mehrheitlich auch. „Keine Experimente“ hieß es. Die Zeit für Den Sozialismus war vorbei. Insofern war es kein Überlaufen mit wehenden Fahnen, sondern eher ein Arrangieren mit den neuen Verhältnissen. So wie wir uns in der nunmehr verblichenen DDR mit so manchen Verhältnissen arrangiert hatten, so taten wir es in den neuen, den kapitalistischen Verhältnissen.
Die große Mehrheit derer, die 1989/90 „Wir sind ein Volk.“ riefen, wussten sicher nicht, was sie taten, dass sie sich von einer kriselnden Gesellschaft schnurstracks in eine kriselnde Wirtschaft begaben. Die friedliche Übernahme des osteuropäischen Marktes bescherte dem Kapitalismus eine womöglich letzte Wachstumsphase, die 2007/2008 ihr vorläufiges Ende fand. In dem z.T. bereits zuvor, verschärft aber seit 2008 vorherrschenden Krisenreaktionsmodus von Politik und Wirtschaft[7], ist das historisch handelnde Subjekt nicht mehr erkennbar. Seit dem Amtsantritt Donald Trumps wird nicht mehr gehandelt, sondern verhandelt.  So gewinnt rückblickend Francis Fukuyamas seinerzeitiges Diktum vom „Ende der Geschichte“ auch dadurch eine gewisse Plausibilität, dass mit dem Verschwinden des „real existierenden Sozialismus“ der Geschichte das handelnde Subjekt abhandenkam. Damit kam die äußere Dialektik zum Erliegen, wohingegen, wie wir heute wieder klar erkennen können, die innere Dialektik, also die systemimmanente Widersprüchlichkeit, der nunmehr total globalisierten kapitalistischen Gesellschaft immer deutlicher zu Tage tritt.




[1] Wer verstehen will, was die Schaffung des Neuen Menschen in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre in praxi bedeutete, sollte „Die Baugrube“ und „Tschewengur“ von Andreij Platonow lesen.
[2] „Die Idee des Sozialismus“ ist der Titel eines Buches des Soziologen  Axel Honneth. Ich habe dieses Buch nicht gelesen.
[3] Harry Meier, Gibt es Grenzen des ökonomischen Wachstums? Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie, Bd. 78. Berlin, 1977
[5] Ebenda, S. 22
[6] P.-J. Proudhon, Qu´est-ce que la propriété, Paris, 1841. Zitiert nach: Karl Marx, Philosophisch-ökonomische Manuskripte vom Jahre 1844, Leipzig, 1988, Anmerkung 147 des Herausgebers. Aus heutiger Sicht entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Joachim Höppner, einer der profundesten Kenner der Geschichte des Sozialismus, gerade diese Textpassage zur Illustration einer marxschen Einlassung heranzieht.
[7] Siehe auch: Wolfgang Streeck. Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp 2015

Mittwoch, 8. November 2017

Digitaler Kapitalismus in Berlin

Anmerkungen zu einem Kongress der Friedrich-Ebert-Stiftung
Digitalisierung ist eines dieser, nur allzu häufig im politischen Sprachgebrauch anzutreffenden Zauberworte, die an der Oberfläche technischen, ökonomischen und auch gesellschaftlichen Fortschritt suggerieren, von denen gleichwohl nicht wirklich verständlich gemacht werden kann, was sie denn eigentlich bedeuten. Im Kontext der Digitalisierung ist dann gern auch die Rede von der Vierten Industriellen Revolution, hierzulande als Industrie 4.0 propagiert u.a. von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und deren Vorsitzenden, dem ehemaligen SAP-Chef Henning Kagermann.
Mit diesem schillernden Begriff der Digitalisierung in seiner institutionalisierten Gestalt als Digitaler Kapitalismus befasste sich am 2. und 3. November ein Kongress der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin, an dem teilzunehmen ich die Gelegenheit hatte. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?“ Das zugehörige Programm und ein Live-Blog findet man im Netz unter http://www.fes.de/de/digitalcapitalism/. Entgegen meiner Erwartung wurden weder Digitalisierung noch Digitaler Kapitalismus als Begriffe substanziell thematisiert, statt dessen gingen die Veranstalter wohl von einem generellen Verständnis der Teilnehmer dessen aus, was darunter zu verstehen sei, und das war, so mein Eindruck vom Kongress, vor allem die Plattformökonomie der Big Four der Internetwirtschaft Google, Apple, Facebook und Amazon sowie der disruptiven App-basierten Geschäftsmodelle von Unternehmen wie AirBnB und Uber. Weitere technische Ausprägungen der Digitalisierung, wie die erwähnte Industrie 4.0, Robotisierung, Künstliche Intelligenz (KI), das Internet der Dinge (IoT) oder die anlaufende, umfassende „Internetisierung“ der Versorgungsinfrastrukturen (Smart Grid, Smart City) kamen hingegen kaum zur Sprache. Das mag daran gelegen haben, dass der Fokus des Kongresses eben nicht auf die technologischen Aspekte des digitalen Kapitalismus gelegt wurde, sondern auf die ökonomischen und sozialen Folgen der Digitalisierung und die Fragen nach den geeigneten gesellschaftlichen Reaktionen darauf. Dementsprechend heißt es auch im Programmheft:
Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Bereiche unserer Wirtschaft.
  • Aber erlebt der Kapitalismus wirklich eine Revolution?
  • Oder bekommt er nur einen neuen Anstrich?
  • Bedeutet der digitale Wandel Wohlstand und Teilhabe für alle oder Ungleichheit und soziale Verwerfungen?
  • Was muss die Politik tun, um den digitalen Kapitalismus so zu gestalten, dass er sozialen Fortschritt bringt?“
So setzte sich denn, den Wortmeldungen nach zu urteilen, die mehrere hundert Personen umfassende Teilnehmerschaft vornehmlich aus Vertretern von Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Interessenverbänden sowie der sozial- und wirtschaftswissenschaftlich orientierten akademischen Disziplinen zusammen.
Bevor ich indes auf die einzelnen Themen des Kongresses eingehen werde, wobei ich mich naturgemäß auf die Fokus-Sessions und die zwei Foren beschränken muss, die ich selbst besucht habe, möchte ich zunächst Gedanken zu den Begrifflichkeiten Digitalisierung und Digitaler Kapitalismus anbringen. Was aktuell Digitalisierung genannt wird, lässt sich m.E. als Phase eines bereits mehrere Jahrzehnte andauernden Prozesses des sukzessiven Eindringens informationsverarbeitender Techniken in Produktions-, Distributions- und Kommunikationssysteme verstehen. Für mich, der seit mehr als 30 Jahren aktiver Teil dieses Prozesses ist, ist daran zunächst wenig Revolutionäres zu erkennen. Das Charakteristische der gegenwärtigen Phase besteht jedoch u.a. darin, dass, anders als in den vorangegangenen Phasen, die Globalisierung zu einer weltweiten Gleichzeitigkeit der Entwicklung und Nutzung der Digitaltechnologien geführt hat. Die technischen Voraussetzungen dafür sind das Internet und der Mobilfunk, die politisch-ökonomischen Voraussetzungen sind der Zusammenbruch der Sowjetunion und die darauf folgende Ausbreitung des neoliberalen Kapitalismus bis in die letzten Winkel des Planeten. Weiterhin charakteristisch, wirklich neu und möglicherweise auch revolutionär am digitalen Kapitalismus sind die darauf aufbauenden Geschäftsmodelle der Plattformökonomie mit der ihnen immanenten Tendenz zur Monopolbildung. Als tiefer liegende ökonomische Ursache der Digitalisierung identifiziert der Soziologe Philipp Staab das von ihm so genannte „Konsumtionsproblem“. In seiner 2016 erschienen kritischen Studie „Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus“ argumentiert Staab,
dass der digitale Kapitalismus eine verhältnismäßig neue Antwort auf ein Problem darstellt, das den Kapitalismus seit dem Ende des Nachkriegsaufschwungs in der Mitte des 20. Jahrhunderts prägt: Die Schwäche der Nachfrage, die mit den Produktivitätsfortschritten nicht standhalten kann. Die rückblickend recht kurze Phase der Nachkriegsprosperität … war gekennzeichnet durch die erfolgreiche Kombination von Massenproduktion und Massenkonsum. Dieses Doppelgespann wirtschaftlicher Dynamik, allgemein als Fordismus bezeichnet, geriet allerdings schon Ende der 1960er Jahre zunehmend aus dem Tritt, weil die Nachfrage nicht mehr mit der Entwicklung der Produktivität Schritt halten konnte. Das vorherrschende Produktionsmodell erzeugte … nicht mehr aus sich heraus jene Nachfrage, die zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Wachstumsraten der unmittelbaren Nachkriegszeit vonnöten gewesen wäre.“1
Aus sozialökonomischer und demokratietheoretischer Sicht besteht die vom digitalen Kapitalismus ausgehende Gefährdung offensichtlich in eben jener Plattformökonomie, die aufgrund ihrer Tendenz zur globalen Monopolbildung die Beschäftigten, die Konsumenten wie auch die Produzenten in extreme Abhängigkeitsverhältnisse zwingen kann und wird. Aufgrund fehlender oder mangelhafter internationaler Regulierungen des Internet können Plattformunternehmen weitgehend unbehelligt Geschäftsgebaren an den Tag legen, die eher an Organisierte Kriminalität als an den Ehrbaren Kaufmann von einst erinnern. Gemeint sind damit nicht nur Steuervermeidung, -hinterziehung und Geldwäsche (Bitcoin), sondern auch Verträge mit Ausschließlichkeitsklauseln, die an Schutzgelderpressung denken lassen (etwa bei Lieferdiensten), systematische Datenhehlerei, Urheberrechtsverletzungen u.d.g.m., zu schweigen von den Arbeitsbedingungen prekärer Beschäftigter oder freier Mitarbeiter (Uber, Mechanical Turk von Amazon). War es 1984 noch möglich, den monopolistischen Telefonriesen AT&T in einem US-Kartellverfahren zu zerschlagen, so scheiterte dies 15 Jahre später bei Microsoft. Unter den heutigen Bedingungen scheint es nahezu undenkbar, dass Kartellbehörden sich ernsthaft mit Apple, Facebook oder Amazon befassen, auch wenn so etwas gelegentlich kolportiert wird; statt dessen lässt man es zu, dass die Plattformunternehmen mit ihrer enormen finanziellen Macht weitere Geschäftszweige hinzu kaufen und damit ihre Monopole weiter ausbauen. Damit geht von diesen Monopolisten eine Gefahr nicht nur für uns Beschäftigte oder Verbraucher aus, vielmehr wird das gesamte kapitalistische Wirtschaftsmodell in Gänze disruptiv unter Beschuss genommen, was bei einigen Akteuren und Analytikern die Erwartung weckt, dass so das „Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ (Elmar Altvater) eingeläutet, mithin der Übergang zum Postkapitalismus eingeleitet werden könnte.
Einige der genannten Aspekte wurden auf dem Kongress der FES von den eingeladenen Keynote-Speakern Frank Pasquale (USA, Rechtswissenschaftler), Evgeny Morozov (USA, Aktivist) und Paul Mason (UK, Journalist) thematisiert. An den Vorträgen und Diskussionen in den thematischen Foren zeigte sich allerdings, dass der hiesige Diskurs längst noch nicht auf der Höhe der bereits geschaffenen Tatsachen ist. So reduziert sich die Problematik für die noch amtierende Bundesministerin Andrea Nahles auf Datenschutz und Mindestlohn, und Joachim Bühler, bis vor kurzem noch Bitkom-Geschäftsführer, insistierte bspw. immer wieder auf „Software, Software, Software!“, ohne dass man den Eindruck gewinnen konnte, er verstehe, wovon er spricht, oder erkenne gar den systemischen Zusammenhang zwischen Software und Geschäftsmodell.
Auf Anraten meiner Lebenspartnerin besuchte ich das Forum zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), das sich indes als wenig ergiebig herausstellte. Ronald Blaschke (Die Linke) vom Netzwerk Grundeinkommen, Benjamin Mikfeld (SPD) und Silke Bothfeld (Hochschule Bremen) tauschten lediglich die einschlägig bekannten Argumente pro und contra BGE aus, so dass hier eher eine Auseinandersetzung zwischen Linker und SPD zu beobachten war, als beider mit den realen Herausforderungen des digitalen Kapitalismus, die m.E. in nicht allzu ferner Zukunft die Notwendigkeit eines BGE begründen werden. Keinem der Disputanten kam in den Sinn, dass die Ausweitung der digitalkapitalistischen Beschäftigungsverhältnisse den Staat zu einer BGE-ähnlichen Leistung zwingen wird, weil andernfalls die betreffenden Unternehmen schlicht das Geschäft einstellen oder abwandern werden. Bei der Abwägung zwischen Sozialpolitik und Standortpolitik hat auch hierzulande stets noch die Standortpolitik den Vorrang. Ich jedenfalls glaube, dass es zu einem branchenbezogenen BGE kommen wird, ähnlich dem branchenbezogenen Mindestlohn, weil ansonsten bestimmte benötigte Leistungen von den Plattformunternehmen nicht mehr erbracht werden würden. Die Diskussion um das solidarische Grundeinkommen, die Berlins Bürgermeister Michael Müller kürzlich angestoßen hat, kann man wohl als ein Indiz dafür ansehen.
Hochinteressant war das Forum „Marx Reloaded“, in dem aus Anlass des 150 Jahrestags des Erscheinens des ersten Bandes von Karl Marx´ „Das Kapital“ nach der Aktualität und der Geltung der marxschen Analysen für den Digitalen Kapitalismus gefragt wurde. Die vom Politökonomen Michael Krätke präsentierten Einschätzungen bestätigen im Wesentlichen die Kernaussagen des „Kapitals“.

Michael Krätke im Forum "Marx Reloaded"

Gleichwohl versuchte Krätke einige Korrekturen marxscher Fehleinschätzungen der Entwicklung des Kapitalismus anzubringen und bewegte sich damit im Fahrwasser der Analysen, die Anfang dieses Jahres von
Mathias Greffrath & Co. (u.a. Paul Mason, Sahra Wagenknecht) in einer Essay-Reihe des Deutschlandfunks sowie im Sammelband „RE: Das Kapital: Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert“ vorgelegt wurden. Die anschließende Diskussion mit Uwe Kremer von der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw) war hingegen wenig ergiebig, weil sie sich in eher akademischen Detailfragen, wie der Bedeutung des so genannten „Maschinenfragmentsaus Marxens „Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie“ für die Bewertung der gegenwärtigen Entwicklungstendenzen des Digitalkapitalismus verzettelte. Mit der beiläufigen Bemerkung, dass in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften lediglich 2% der Beschäftigten im IKT-Sektor arbeiten, gelang es Krätke hingegen, die quantitative Dimension des Kongress-Themas etwas zurecht zu rücken.
Andererseits erwies sich die Diskussion um das „Maschinenfragment“ und seine Bedeutung für die Beurteilung der Idee, ob sich die kapitalistische Produktionsweise mittels umfassender (digitaler) Automatisierung dereinst selbst abschaffen könnte, als gute Überleitung zum Abschlusspanel mit Paul Mason und seinen Thesen zum Postkapitalismus resp. zur Rolle der Sozialdemokratie.
Im besten Fall war der Kongress „Digitaler Kapitalismus“ der Beginn eines notwendigen breiten Diskurses innerhalb des linken politischen Spektrums über den Umgang mit den Segnungen der Digitalisierung (bspw. hier). Nach meinem Eindruck steckt man dabei noch tief in der analytischen Phase, und die Befürchtungen gerade auch von gewerkschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Seite überwiegen. Eine schlüssige politische Strategie ist noch nicht erkennbar, sind doch die maßgeblichen Akteure, die linken Parteien und die Gewerkschaften, noch stark dem traditionellen Erwerbsarbeitsmodell verpflichtet. Der Versuch, dem digitalen Kapitalismus dieses aufzuzwingen, wird nach meiner Meinung keinen Erfolg haben. Ebenso wenig werden die Forderungen nach stärkeren Regulierungen der Digitalwirtschaft Wirkung zeigen, es sei denn, man würde sich zu wirklich radikalen Maßnahmen (Verstaatlichung, Zerschlagung etc.) durchringen, womit dann allerdings der seit den 1980er Jahren verfolgte wirtschaftsliberale Politikkurs aufgegeben werden müsste, was angesichts der laufenden Jamaika-Verhandlungen höchst unwahrscheinlich ist.
1 Philipp Staab. Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus. Hamburg 2016, S. 12f

Dienstag, 15. August 2017

Hauptsache Materialist

Anmerkungen zur offiziellen Heidegger-Rezeption in der DDR
In der Sowjetunion wie in den anderen Staaten des seinerzeitigen Ostblocks, einschließlich der DDR, gehörte zum Curriculum jedes Studiums eine Unterweisung im Marxismus-Leninismus. In meinem persönlichen Fall (siehe den Exkurs Nr. 2 in Fremd sein, Teil 2) umfasste dieses Pflichtprogramm die Geschichte der KPdSU, dialektischen und historischen Materialismus, die politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus sowie den so genannten wissenschaftlichen Kommunismus. Später (als Doktorand) kam noch ein wirklich hochinteressantes und erfrischend unideologisches Seminar zur Natur- und Wissenschaftsphilosophie hinzu.
Im Rahmen der Vorlesungen und Seminare zum dialektischen und historischen Materialismus, welch letztere als die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse deklariert wurden, war von Philosophie wenig die Rede, und das, obwohl es sich bei den beiden Materialismen unzweifelhaft um philosophische Lehrgebäude handelt. Mit der Philosophie im eigentlichen Sinne wurde sich lediglich historisch-kritisch beschäftigt, insofern Philosophen vor Marx und Engels als irgendwie geartete Vorläufer oder aber als bürgerliche und damit grundsätzlich idealistische Weltanschauungs­antipoden zum dialektischen und historischen Materialismus dargestellt wurden. Zur ersten Kategorie gehörten Spinoza, Hegel und Feuerbach, alle anderen, wie Descartes, Locke, Hume, Kant oder Fichte, zur letzteren.
Im offiziellen Kanon war mit dem Marxismus die Philosophie – in einem quasi hegelianischen Impetus - an ihr historisches Ende gekommen. Lediglich Lenin, der 1908 mit „Materialismus und Empiriokritizismus“ eine relativ unbedeutende und nur im Kontext innerparteilicher Auseinandersetzungen der russischen Sozialdemokratie verständliche philosophische Arbeit verfasst hatte und ansonsten eher als Partei-, Revolutions- und Staatstheoretiker anzusehen ist, wurde gleichsam noch als das Siegel des Marxismus vermittelt, um den Begriff Marxismus-Leninismus auch philosophiehistorisch zu rechtfertigen. Wie dieses Lehrgebäude auszusehen hatte, lässt sich am besten anhand des Stalinschen Aufsatzes „Über dialektischen und historischen Materialismus“ vom September 19381 nachvollziehen, der weniger als Erläuterung, denn als unmittelbares Parteidekret verstanden werden muss.
In den dem Normalbürger zugänglichen Quellen kam Philosophie nach Marx nicht vor. Die bürgerlich-idealistischen Machwerke der Nietzsches, Wittgensteins oder Sartres wurden im ideologischen Giftschrank verwahrt, damit jener Normalbürger ja nicht mit dem zersetzenden Gedankengut der dem Individualismus und der intellektuellen Dekadenz verfallenen spätbürgerlichen Weltanschauungen infiziert würde. Zwar gab es wohl die Schriftenreihe „Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie“ der Akademie der Wissenschaften, ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, Texte dieser Reihe je in einer Buchhandlung gesehen zu haben.
Umso größer war meine Überraschung, als 1988 im VEB Bibliographisches Institut Leipzig die „Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert“2 (im Folgenden kurz: Enzyklopädie) erschien. Herausgeber war Manfred Buhr, der Leiter des Zentralinstituts für Philosophie bei der Akademie der Wissenschaften der DDR; zu den Autoren gehörten der Leibniz-Biograf Hans Heinz Holz, Werner Rügemer, der inzwischen als streitbarer Publizist einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, sowie auch der Physiker und Romanautor John Erpenbeck, Vater der bekannten Schriftstellerin Jenny Erpenbeck. Über Zweck und Stoßrichtung der Enzyklopädie schreibt Manfred Buhr in seiner Vorbemerkung, dass sie „versucht, die grundlegenden Tendenzen, Strukturen, Denkweisen, Knotenpunkte und Einschnitte des spätbürgerlichen Bewusstseins nachzuzeichnen, seine historischen Ursprünge bloßzulegen, seinen philosophisch-systematischen Ort aufzuhellen und seinen gesellschaftlichen Stellenwert festzuhalten.“3
Die Enzyklopädie ist nicht lexikalisch nach Stichworten gegliedert, sondern thematisch, nach verschiedenen philosophiesystematischen Schwerpunkten. Die entsprechenden Kapitel, etwa Metaphysik, Ethik oder Naturphilosophie, werden von je einem oder zwei Autoren verantwortet und umfassen eine historische Einordnung des Themas, die Diskussion der wichtigsten Vertreter und ihrer Theorien sowie deren Wertung aus marxistischer Sicht. Trotz der grundsätzlich negativen Wertungen bietet die Enzyklopädie einen, wie ich finde, sehr guten Überblick über und Einblick in das philosophische Denken nach Hegel und Feuerbach, die nach Friedrich Engels´ Aufsatz aus dem Jahr 1886 den „Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“4 verkörpern.5 Und wenn mir bei der Lektüre philosophischer, soziologischer, psychologischer oder auch historischer Texte der Name eines Denkers des 19. oder 20. Jahrhunderts begegnet, schaue ich gern auch in die Enzyklopädie.
Eine Vorlesung zur Phänomenologie von der Philosophischen Audiothek der Uni Wien, die sich wesentlich mit Husserl und Heidegger befasst, veranlasste mich nun kürzlich, wieder dort nachzuschlagen und zu schauen, was denn „unsere Marxisten“ von der Phänomenologie im Allgemeinen und von Heidegger im Besonderen hielten.
Martin Heidegger, jener höchst einflussreiche wie ambivalente Denker, jener „Meister aus Deutschland“ (Rüdiger Safranski), Heidegger, der Apologet des radikal vereinzelten Subjekts und des Daseins zum Tode, wie anders sollte er von den Marxisten rezipiert worden sein, denn als exemplarischer Vertreter des „spätbürgerlichen Individualismus und der intellektuellen Dekadenz“?
Im Personenregister der Enzyklopädie werden unter dem Namen Martin Heidegger 43 Erwähnungen angeführt. Damit ist er neben Dilthey, Jaspers, Nietzsche, Schopenhauer und Weber die meisterwähnte Person. Eine eingehende Behandlung erfährt Heideggers Denken unter den systematischen Stichwörtern Idealismus, Metaphysik, Geschichts­philosophie, philosophische Anthropologie, Hermeneutik sowie Technikphilosophie. Daneben wird Heidegger auch des Öfteren als Gewährsmann für jene grundlegenden Tendenzen und Denkweisen des spätbürgerlichen Bewusstseins in Anspruch genommen, von denen in Buhrs Vorbemerkung die Rede war. Die Phänomenologie, derentwegen ich überhaupt erst in der Enzyklopädie nach Heidegger geschaut hatte, wird dort innerhalb des Hermeneutik-Kapitels behandelt.
Bemerkenswert scheint mir nun, dass Rezeption und Bewertung der Philosophie Heideggers in der Enzyklopädie, namentlich in den Kapiteln Metaphysik (Hans Heinz Holz), Geschichtsphilosophie (Friedrich Tomberg) und Hermeneutik (Jörn Schreiter), im Großen und Ganzen überraschend positiv ausfallen. Bezugnehmend auf Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ wird ihm zugute gehalten, dass er „mit einem sicheren methodischen Zugriff auf die metaphysische Form der Widerspiegelung einer historischen Realität – die gesellschaftliche Situation und ihren sozialphilosophischen Reflex in den Rang einer fundamentalen Seinsverfassung erhob“6. Mit keinem Wort wird erwähnt, um welche historische Realität es sich 1927  bei Erscheinen von „Sein und Zeit“ handelte7, und schon gar nicht wird hier, wie auch in der weiteren Diskussion auf Heideggers Rolle im Nationalsozialismus eingegangen, der erst kürzlich mit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte eine weitere Facette hinzugefügt worden ist. Gleichsam abgehoben von den konkreten historischen Umständen wird Heideggers Denken zum Ausdruck „der Krisenstimmung des Niedergangs der bürgerlichen Klasse und der Überhöhung der allgemeinen Krise des Kapitalismus zum Seinsgeschick der menschlichen Gattung schlechthin.“8 stilisiert. Heidegger erscheint hier insofern für den Marxismus anschlussfähig, als er, anders als der im Text direkt vor ihm behandelte Existenzialist Jean-Paul Sartre und in genereller Abgrenzung von der seit Kant vorherrschenden Subjektphilosophie, seine Fundamentalontologie vom konkreten materiellen Sein des Subjekts aus entwickelt und damit „unter verschwiegener Aufnahme Marxscher Erkenntnisse“9 das spätbürgerliche Krisenbewusstsein in eine weltanschaulich leistungsfähige Verfallsmetaphysik zu fassen vermag. In dieser Bewertung lässt sich leicht die herausgehobene Rolle Heideggers als Gewährsmann der marxistischen Autoren für ihre eigenen Diagnosen ausmachen. Vorgeworfen wird ihm lediglich, dass er mit seinem an und für sich fruchtbaren „begrifflichen Instrumentarium“ auf einer deskriptiven Ebene verbleibt und nicht zur materialistischen Destruktion seiner eigenen Ontologie vordringt. Diese Rezeption der Metaphysik Heideggers erinnert wohl nicht zufällig an den Versuch Herbert Marcuses in „Der eindimensionale Mensch“, diese für den Marxismus methodisch fruchtbar zu machen.
Im Kapitel Geschichtsphilosophie wird Heidegger unumwunden attestiert, seine Metaphysikkritik halte sich „dem Anschein nach im Zuge einer von allen Idealismen sich entschälenden materialistischen Weltauffassung.“10 Das kann auch nicht verwundern, war doch „Sein und Zeit“ zu einer Zeit erschienen, da sich nach der mit dem Großen Krieg einhergehenden Großen Katastrophe die alten philosophischen wie politischen Ismen des langen 19. Jahrhunderts sämtlichst verschlissen hatten. Unter Bezugnahme auf den „Brief über den Humanismus“ von 1947 wird Heidegger positiv angerechnet, er habe „den in der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus-Leninismus sich bekundenden Epochenumbruch wie wohl kein anderer spätbürgerlicher Philosoph begrifflos [sic!] hinschauend wahrgenommen...“.11 Und so wird denn im Weiteren überraschenderweise Heideggers Geschichtsauffassung aus „Sein und Zeit“ bis hin zu seinem späteren Technikskeptizismus auch völlig kritiklos referiert, als könne marxistische Philosophie sich diese zu eigen machen. Im schönsten Heideggerisch heißt es da unkommentiert: „Das Dasein ist geschichtlich, weil es überhaupt nur existiert, indem es sich die gewesenen Möglichkeiten als ein Erbe erschließt ... Die historische Erschließung der Geschichte ist also an ihr selbst in der Geschichtlichkeit des Daseins verwurzelt. Geschichtlich ist das Dasein, weil es zeitlich ist, das heißt, weil es die Gegenwart nur innehat, indem es sich auf seine wesentliche Vergangenheit, seine Gewesenheit als auf seine Zukunft hin entwirft. Wenn aber Dasein nur das Da des Seins ist, dann muss auch Sein als solches eine Geschichte haben, wofern nicht Sein und Seinsgeschichte überhaupt identisch sind.“12
Der fundamentalontologischen Grundlegung der Hermeneutik durch Martin Heidegger widmet die Enzyklopädie einen ganzen Abschnitt (S. 424 – 429). Dargestellt werden neben Heideggers, aus seinem Theologiestudium resultierender, persönlicher Motivation für die Beschäftigung mit der Hermeneutik der Dissens mit seinem Lehrer Edmund Husserl bzgl. der Anwendung der Phänomenologie auf die existentiale Analytik des Daseins und anderer Aspekte der Fundamentalontologie wie auch das lebenslange Ringen mit der Frage, was „Sein“ eigentlich sei, auf die er (Heidegger) die Antwort jedoch schuldig geblieben sei. Etwas unklar ist die Darstellung in der Frage, ob es Heidegger nun kritisch anzurechnen sei, dass er mit seiner Fragestellung in das metaphysische Denken vor Kant und Fichte zurückgefallen ist.
Alles in allem erscheint die Heidegger-Rezeption in der Enzyklopädie merkwürdig abgehoben sowohl von der realen Person Martin Heidegger als auch vom zutiefst ambivalenten politischen Kontext der Entstehungszeit seiner Philosophie. Augenscheinlich war den Autoren der Enzyklopädie Heideggers Positionierung in der Grundfrage aller Philosophie, der Frage nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein13 , deren Diskussion innerhalb der marxistischen Philosophie immer eine zentrale Rolle gespielt hat, von so überragender Bedeutung, dass andere Aspekte seines Denkens, wie etwa seine ideelle und institutionelle Verstrickung in den Nationalsozialismus, als nachgerade vernachlässigbar angesehen werden. Gleichwohl unterstreicht die Enzyklopädie Heideggers zentrale Rolle für die (bürgerliche) Philosophie und instrumentalisiert ihn gern und häufig als Kronzeugen im Tribunal gegen den Idealismus (im Besonderen Nietzsche) und alles nichtmarxistische Denken im 20. Jahrhundert.
1J.Stalin. Fragen des Leninismus. Berlin 1951. S. 647ff
2Manfred Buhr (Hrsg.) Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert. Leipzig 1988
3Ebenda, S. 6
4Friedrich Engels. Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Bd. 21, S. 274-282
5Aus diesem Text stammt auch der berühmte Satz: „Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein.“, der uns damals in völliger Verflachung seiner eigentliche Intention als die Frage nach dem Verhältnis von Bewusstsein und Materie verkauft wurde.
6Enzyklopädie, S. 147
7Als literarisches Pendant zu „Sein und Zeit“ kann wohl Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ von 1929 angesehen werden.
8Ebenda, S. 147
9Ebenda, S. 147f
10Ebenda, S. 326
11Ebenda, S. 326
12Ebenda, S. 327
13Vgl. Fußnote 2

Die kommende Gemeinschaft. Teil 5

Gemeinschaft, demokratisch gedacht Demokratie, die Praxis der Selbstregierung, ist ein Vertrag, in dem sich freie Menschen verpflichten, ...